Einübung in die organisierte Lieblosigkeit. Eine besondere Familiengeschichte

Bestimmte Rituale in der Familie stehen für Aufmerksamkeit und Liebe, die man sich in diesem Verbund wechselseitig erweist. Wer zum eigenen Geburtstag zumindest von der Tante einen Kuchen erhält, möchte dieses Ritual gerne auch Vater und Mutter gegenüber erweisen. Der Vater verbietet sich grundsätzlich jede Erwähnung, geschweige denn die Feier seines Geburtstags. Die Mutter hat, als ihr der Junge zum Geburtstag den Tisch gedeckt hat, nichts besseres zu tun, als die von ihm liebevoll geschmierten Brote mit Zucker in den Mülleimer zu schmeißen.

Solcherart ist die organisierte Lieblosigkeit, die in Andreas Fischers autobiographischen Roman „Die Königin von Troisdorf” herrscht. Der in dieser Industriestadt heranwachsende Andreas muss sich gegen gleich 6 Erwachsene behaupten: Mutter Ilse, Inhaberin eines Fotogeschäfts, der Vater, meist hinter Zigarettenqualm und Suff verborgen, Oma Lena, Opa Paul, Tante Hilde und Onkel Bruno. Besonders einflussreich in diesem System zeigt sich das Duo aus Großmutter Lena und Mutter, die alle wichtigen Entscheidungen treffen. Wohlgemerkt: Wir schreiben die 60er Jahre! Omas Ruf reicht auch über den Haushalt der Familie hinaus. Sie maßregelt auch die Nachbarschaft, weshalb sie den Spottnamen „Königin von Troisdorf” erhält.

Schon der 8jährige Andreas stellt Überlegungen an, woher dieser „ein(en) bestialischen Gestank” verbreitende allgegenwärtige „Hass” herrührt. Keine Gelegenheit, den Jungen zu erniedrigen, wird ausgelassen: Er wird als „Köttel” oder als jemand, den „man mit dem Kopp gegen die Wand klatschen” sollte, angesprochen. (Gelegentlich musste ich mir beim Lesen von soviel Schwarzer Pädagogik am Stück klar machen „Er hat es überlebt”. Die positive Schlussfolgerung lautete: Bei allem, was meine Eltern an mir und meinen Geschwistern falsch gemacht haben mochten: Sie zeigten uns grundsätzlich vor allem Zuwendung. Das Maßregeln und Herabsetzen war die Ausnahme.)

Die Herkunft des Hasses bringt die zweite Erzählebene ins Spiel. Fischer beschreibt, häufig von Brieffunden oder anderen Dokumenten ausgehend, den militaristischen Subtext dieser Familiengeschichte. Für diese steht der Untertitel des Romans Wie der Endsieg ausblieb. Hier geht es um solche Fragen: Wie haben Wehrdienst und Kampfeinsatz der Männer der Familie deren Denken und Leiden geprägt? Welche Ideologien von starkem Vaterland haben die Männer dazu gebracht, ihren Kriegsdienst nicht vornehmlich überleben zu wollen, sondern geradezu todesversessen zu sein?

In dieser Hinsicht berühren besonders im Roman zitierte Briefe des 1942 in Russland gefallenen Onkels Günther. Immer wieder schreibt er von seinen Bemühungen, nicht weiter Ausbilder zu sein, sondern zur kämpfenden Truppe zu kommen. Er jiepert geradezu nach seinem Tod, der ihn dann auch mit der zu erwartenden Wahrscheinlichkeit ereilt.

Frauen sind in dieser Denkwelt nur Dekoration und wahlweise besorgte Mütter oder Liebhaberinnen. Vielleicht ist der „Hass”, der dem heranwachsenden Andreas entgegen gebracht wird, die Kehrseite dieses Ausgeliefertseins der Frauen. Wenn sie nicht aktiv und vielleicht sogar politisch Front gegen alles militaristische Denken machen, können sie zumindest die moralische Keule auspacken. Alles Männliche wird – auch außerhalb von Krieg und Militär – abgrundtief gehasst und Männer verachtet.

Andreas Fischers Roman bringt es auf 470 Seiten. Formal ist dieses Buch eher sperrig. Ein Staccato aus meist nur kurzen, häufig ein bis zwei Seiten umfassenden Texten durchblättert das Familienarchiv und Fischers Erinnerungen. Die Verschränkung von Vorzeit und Jetztzeit der Troisdorfer Gegenwart lässt kein bestimmtes Schema erkennen. Trotz dieses dokumentarischen und distanzierenden Ansatzes hat Fischer mich durch die nüchterne, aber liebevolle Sicht auf den Jungen, der er mal selbst war, gefesselt. Ein übergeordnetes Thema könnte mit dem Stichwort „Transgenerationales Trauma” beschrieben sein. Nicht nur die beschädigenden Kriegserfahrungen der Männer aus dem 1. und 2. Weltkrieg werden weitergereicht. Auch die Fühllosigkeit einer Freundin, die den Ich-Erzähler der Jetzzeit trotz einer akuten Nierenkollik im Stich lässt, passt zu sehr in das Schema der Kalten Frau als Komplement zu der offen gewaltsamen Männerkultur. Das Buch ist jetzt aber keineswegs tristesse pure. Auch Ereignisse, die lustig oder verblüffend sind oder zum Vergleich mit der eigenen Biographie anregen, haben ihren Platz. Unerwartet, aber um so wichtiger, findet der Vater sogar zu einem Akt väterlicher Solidarität dem Sohn gegenüber. Unbedingt lohnende Lektüre!

Danke an Birgit B. für den Tipp!

Ein Kurzfilm von Andreas Fischer stellt einige der im Buch wichtigen Personen vor: Trans-Ural Photogesellschaft
Der Film muss vor dem Betrachten heruntergeladen werden. Er wird nicht gestreamt.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf. Wie der Endsieg ausblieb, Gebundene Ausgabe, Eschen-4-Verlag, 22,50 € -- nicht überall ist das Buch gut lieferbar, eine gewisse Hartnäckigkeit beim Erwerb kann nicht schaden

Wolfszeit – Nachkriegsgeschichte neu erzählt

Mein Vater, von mir eher düster und angestrengt erinnert, bekam strahlende Augen, wenn er davon erzählte, wie in den ersten Nachkriegsjahren im Westerwald neue Lebensfreude zelebriert wurde. Die entstand z.B rund um den in die Tasten des Klaviers hauenden Ferdi Brück (Exil-Kölner!). Wahrscheinlich wurde dazu auch ordentlich gepichelt. Mein Vater konnte zu dieser Zeit darauf zurückblicken, dass er, kurz bevor der Kessel in Stalingrad sich schloss, den rettenden Granatsplitter empfing und ausgeflogen wurde. Auch seine Freundin und seine spätere Frau mag er vor Augen gehabt haben, die ihn im Lazarett als Krankenschwester wieder „aufmöbelte”. Von solcher Art sind wohl viele Geschichten, die aus den Jahren 1945 bis 1949 erzählt werden können. Wie spannend und erhellend sie auf überindividueller Basis erzählt werden können, macht Harald Jähners Wolfszeit deutlich.

Harald Jähner liefert auf reicher Faktenbasis einen breiten Soundtrack, wie sich ein Querschnitt der Menschen in Deutschland in dieser Kernzeit des kollektiven Resets und Großexperiments neu einrichtete. Er wertet vornehmlich Literatur, aber auch Zeitungsberichte und einschlägige Monographien aus. Ein Subjekt, das eine immer noch primär national verstandene Geschichtsschreibung voraussetzt, existierte zu dieser Zeit gerade nicht. 75 Millionen Menschen auf dem Gebiet der vier Besatzungszonen unter Führungsaufsicht, aber im Alltag erst mal damit beschäftigt, sich selbst, ihre Beziehungen und das Überleben zu organisieren.

Die Ausgangslage war dramatisch, wie Jähner deutlich macht:

Im Sommer 1945 lebten in den vier Besatzungszonen ungefähr 75 Millionen Menschen. Von ihnen waren weit mehr als die Hälfte nicht dort, wo sie hingehörten oder hinwollten. Der Krieg hatte als gewaltige Mobilisierungs-, Vertreibungs- und Verschleppungsmaschine gewirkt. Wer überlebt hatte, den hatte sie irgendwo ausgespien, weit weg von dem, was einmal eine Zuhause war. (61)

Dass gerade in der absoluten Reduktion auf das Wesentliche und die blanke Notdurft (vergleiche Günter Eichs Inventur, das Jähner zitiert und unten zu finden ist) ein Schlüssel zu einem großen Empfinden von Freiheit und wiederentdeckter Lebenslust enthalten war, ist aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbar. Jähner zitiert aus dem Jahr 1952 einen Text von Kurt Kusenberg mit dem bezeichnenden Titel „Nichts ist selbstverständlich. Lob der Elendszeit”, der sogar eine geheime Sehnsucht nach dieser Nullzeit erkennen lässt. Das Gröbste mit zwei Hungerwintern 1946 und 1947 mit vielen Toten lag nur wenige Monate zurück!

Wolfszeit – Nachkriegsgeschichte neu erzählt weiterlesen

Imre Kertécs’ KZ-Roman: Schicksallosigkeit als Chiffre

Wir schreiben das Jahr 1944. Der Untergang Hitlers und seines Reiches zeichnet sich ab. Hitlers Schergen nehmen einen direkteren Zugriff auf das verbündete Ungarn: dadurch droht nun auch der jüdischen Bevölkerung Ungarns die Vernichtung. Das sind die Rahmenbedingungen für Kertécs’ Roman, den er ausdrücklich nicht als Autobiographie eingestuft wissen will.

Zum Roman: Györgi Köves, das erzählende Ich des Romans, wird im Sommer ’44 auf der Straße zusammen mit anderen Jungen aufgegriffen. Anfangs will er diesem Vorgang noch den Schein von Normalität geben. Der festnehmende Polizist hat für den Jungen – Kertécs und sein Alter Ego wurden mit 14 verhaftet – eher wohlwollende Züge. Erst als der Marsch aller festgesetzten Jugendlichen und Erwachsenen in eine Ziegelei erfolgt, wird der Zwangscharakter der Unternehmung und die Bedrohung deutlich.

Kertécs bleibt aber durchgängig bei der Perspektive des mit 14 Jahren noch naiven Jungen. Keine nachträgliche Reflektion bewertet aus der Rückschau die sich immer weiter zuspitzenden Ereignisse.

Imre Kertécs’ KZ-Roman: Schicksallosigkeit als Chiffre weiterlesen

Gotteslob würdigt Jochen Klepper und nimmt Lieder von ihm auf

Das Gesangsbuch für die katholische Kirche in deutschsprachigen Ländern heißt jetzt schon in der zweiten, völlig neu bearbeiteten Auflage Gotteslob. Es hat in mancherlei Hinsicht gewonnen. Die schönen Grafiken von Monika Bartholomé haben die Bleiwüste der Vorgängerversion „durchlüftet“. Dieses Buch lädt ein, auch einfach mal nur so durchgeblättert zu werden.

Noch wichtiger aber sind inhaltlich neue Dinge. Katholische Kirche zeigt sich hier mal ihrem Namen entsprechend (gr. katholikós allumfassend) offen und hat zum einen eine Anzahl fremdsprachiger Lieder berücksichtigt. Diese stammen beispielsweise aus dem englischen (Wait for the Lord GL 732), spanischen (Nada te turbe GL 813), französischen (La ténèbre GL 812) oder griechischen Sprachraum (Hágios ho Theós GL 300,2). Dass die ausdrucksstarken Lieder von Huub Osterhuis weiter vertreten sind, darf man als Erfolg gegen Hinterwäldler hervorheben.

Zum anderen wird mit Jochen Klepper ein Liedautor gewürdigt, der es schon lange in die evangelischen Gesangsbücher geschafft hat. Seine Liedtexte wurden – zu Unrecht wie ich meine – von seiner tragischen Lebensgeschichte überschattet. Jochen Klepper (*22.3.1903 – †11.12.1942) war ein evangelischer Pfarrerssohn, Schriftsteller und Journalist – ein Grenzgänger par excellence. Wegen seiner labilen Gesundheit beendete er sein Theologiestudium nicht. Er reüssierte jedoch mit Der Vater, einem Roman über Friedrich Wilhelm I. von Preußen und mit Der Kahn der fröhlichen Leute, einem Heimatroman. Außerdem gelang es ihm, im Vorwärts und im Wochenblatt Unsere Kirche zu publizieren. Auch im neuen Medium Rundfunk konnte er Beiträge plazieren.

Nach 1933 spitzte sich für ihn und seine Familie die Lage zu. Seine Frau, die zwei Töchter mit in die Ehe gebracht hatte, galt als Jüdin. Eine Weile vermochte Klepper seine Familie zu schützen. Seiner Tochter Brigitte gelang es, vor der drohenden Deportation über Schweden nach England zu emigrieren. Nachdem eine zwangsweise Annullierung der Ehe seine Frau und seine verbliebene Tochter Renate mit der Deportation und absehbarem Tod bedrohte, verübte Klepper gemeinsam mit beiden am 11.12.1942 Suizid. Sein Grab befindet sich in Berlin-Nikolassee, unweit von seiner letzten Wohnadresse. Der letzte Tagebucheintrag vor dem Suizid von ihm lautet: „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Überdauert haben ihn vor allem seine Lieder, die ein der Moderne angemessenes Gottesbild übermitteln. Das Gotteslob hat insgesamt 6 Lieder aufgenommen, eine Bistums- und eine Länderausgabe verzeichnet sogar ein weiteres.

Trostlied am Abend

In jeder Nacht, die mich bedroht,
ist immer noch dein Stern erschienen.
Und fordert es, Herr, dein Gebot,
so naht dein Engel, mir zu dienen.
In welchen Nöten ich mich fand,
du hast dein starkes Wort gesandt.

Hat banger Zweifel mich gequält,
hast du die Wahrheit nie entzogen.
Dein großes Herz hat nicht gezählt,
wie oft ich mich und dich betrogen.
Du wußtest ja, was mir gebricht.
Dein Wort bestand: Es werde Licht!

Hat schwere Sorge mich bedrängt,
ward deine Treue mir verheißen.
Den Strauchelnden hast du gelenkt
und wirst ihn stets vom Abgrund reißen.
Wenn immer ich den Weg nicht sah:
Dein Wort wies ihn. Das Ziel war nah.

Hat meine Sünde mich verklagt,
hast du den Freispruch schon verkündet.
Wo hat ein Richter je gesagt,
er sei dem Schuldigen verbündet?
Was ich auch über mich gebracht,
dein Wort hat stets mein Heil bedacht.

In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiß.

Text: Jochen Klepper 1940
 

„Lieber Thomas“ – Film zu Thomas Brasch jetzt im Kino

Zu den wenigen Dingen, die man an der DDR positiv hervorheben kann, gehören die Enfants terribles, die sie hervorgebracht hat. Der rotlackierte Obrigkeitsstaat hat eben einen enorm großen Widerstand im Namen von Selbstbestimmung und Freiheit verursacht. Namen, die mir hier einfallen: Volker Braun, Wolf Biermann, Florian Havemann, Sascha Anderson (trotz Spitzel-Diensten), Nina Hagen und sicher auch Thomas Brasch.

Diesem ist ein fulminanter Film gewidmet, der seit letztem Donnerstag in den Kinos läuft. „Lieber Thomas”, in sieben Kapitel gegliedert, vermittelt zunächst wichtige Stationen auf dem Weg des späteren Schriftstellers und Regisseurs. Einem braven Biopic entkommt der Film aber dadurch, dass Braschs Geschichte auf’s Engste mit deutscher Zeitgeschichte verschränkt ist. (Andreas Kilb hat in seiner Besprechung des Films in der FAZ daraus den entgegen gesetzten Vorwurf abgeleitet, dass der Film weder der privaten noch der öffentlichen Ebene gerecht werde.) Der Film zeigt Thomas zunächst in einer Kadettenanstalt, die er allerdings bald wieder verlassen darf. Hierfür sorgt sein Vater Horst Brasch, als stellvertretender Kultusminister hoch in der DDR-Nomenklatura angesiedelt. Vater Horst und Sohn Thomas erscheinen trotz des karriereabträglichen Endes dieser Schullaufbahn in dieser Phase als miteinander verbunden. Der Bruch mit der eigenen Herkunftsfamilie, beide Eltern als Juden und Kommunisten im englischen Exil gewesen, vollzieht sich erst später drastisch. Der Vater denunziert den Sohn bei den Staatsorganen wegen dessen Teilnahme an Protesten gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Thomas wird verhaftet und landet im Gefängnis. Kurze Zeit später wird er zur „Bewährung in der Produktion” entlassen.

Parallel hierzu entwickelt sich Thomas als fast schon besessener Schriftsteller. Das wilde Schreibmaschinengeklapper ist im Film der basso continuo seiner frühen Jahre und transportiert seine ungezügelte Energie. Dann greift die Zeitgeschichte ein zweites Mal machtvoll ein: Im November 1976 wird Wolf Biermann nach seinem Konzert in Köln die Staatsbürgerschaft der DDR entzogen. Die Proteste dagegen führen im Jahr 1976 schließlich dazu, dass Brasch im gleichen Jahr mit seiner Freundin Katharina Thalbach nach West-Deutschland ausreist. Dort hat er zwar seinen literarischen Durchbruch mit „Vor den Vätern sterben die Söhne” [sic!], ist aber – abgenabelt von der alten Umgebung – im Westen niemals heimisch geworden.

Der Film zollt mit seinen Schwarz-Weiß-Bildern dem bekanntesten Film von Brasch, „Engel aus Eisen” (1980) Tribut und überzeugt vor allen Dingen durch seine Darsteller und Darstellerinnen. Albrecht Schluch gibt einen Brasch, der als Wortberserker und Umgetriebener sich niemals mit Vorgefundenem anfreundet. Dieser Darsteller ist eine Wucht! Aber auch die anderen Akteure im Film halten da mit. Bemerkenswert ist ebenfalls die Filmmusik, die einen breiten Bogen von Bach über Cool Jazz bis Punk aufspannt. Unbedingt sehenswert.

Wer weitere Hintergründe der Familie Brasch kennenlernen möchte, kann auf Filmschnipsel seiner Schwester Marion Brasch zurückgreifen. Sie hat im Buch („Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie”) und in diversen Interviews Zeugnis von dieser besonderen Familiengeschichte gegeben.

P.S.: Ein spannendes Interview mit dem Regisseur Andreas Kleinert und eine Filmbesprechung in der taz.














Die Brüder Brasch – Thomas, Klaus, Peter

Dogan Akhanli – ein etwas anderer Held

Wieviele Saftsäcke der politischen Bühne erfreuen sich bester Gesundheit und dann stirbt so ein ruhiger und bescheidener Menschenrechtsaktivist und Schriftsteller… Nein, auch auf dieser Ebene geht es nicht gerecht zu in dieser Welt. Trotzdem sollten ihn alle Menschen in ihrem Herzen behalten. Dies gilt besonders für solche, die sich wie er für Frieden, Aufdeckung von Unrecht und beharrliches Widersprechen gegen gängige Lügen („Nein, in der Türkei hat es niemals einen Genozid an Armeniern gegeben”) einsetzen.

Ich habe ihn, als er noch in meinem Nachbarstadtteil Bickendorf wohnte, mal auf der Straße angesprochen und ihm meinen Respekt für sein Tun ausgesprochen. Auch per Email waren wir noch einmal in Kontakt. Shalom, Do?an Akhan?. Möge deine Person und deine Arbeit nicht in Vergessenheit geraten und von anderen Frauen und Männern fortgesetzt werden.

* Quelle des Fotos: Wikipedia-Artikel zu D. A.

Ines Geipel – Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass

Was richten 1 3/4 deutsche Diktaturen in den Köpfen der ihnen Unterworfenen an? Wie wirken sich solche über Jahrzehnte und Generationen anhaltenden Repressionserfahrungen vor allen Dingen auf das Binnenklima in den Familien aus? Das könnte man als Ausgangsfragen für Geipels Buch Umkämpfte Zone formulieren.

Zur Frage wird dies mit kaum abweisbarer Dringlichkeit, als ihr der nahestehende Bruder plötzlich stirbt. Mit diesem Tod fällt noch einmal ein Licht auf die mal offen brutalen, mal subtilen Unterdrückungsmechanismen, die dieser mit der Autorin geteilt hat. Von dieser Binnenperspektive geht dann auch ihr Blick auf das größere gesellschaftliche Umfeld. Wie hängen DDR und nachfolgende Bundesrepublik-Geschichte mit der Geipel’schen Familiengeschichte zusammen?

Ein erster Blick Geipels gilt dem Gründungsmythos der DDR, oft mit dem Namen Buchenwald verknüpft. Der mit Buchenwald glorifizierte Anti-Faschismus war alles in allem – so Geipel – ein Betrug. Dies wird deutlich, wenn den im KZ Buchenwald umgebrachten 56.000 Häftlinge der mit 72 verschwindend geringe Anteil getöteter deutscher Kommunisten gegenüber gestellt wird. Das kommunistisch dominierte Kapo-System – so führt Geipel aus – konnte eben dafür sorgen, wer die gefährlichen Funktionen und wer die vor direkter Gewalterfahrung deutlich besser geschützten Verwaltungsposten übernehmen durfte. Dass hierbei die kommunistische Parallel-Lagerleitung ebenfalls Verbrechen beging, war doppelt bedeutsam. Das offizielle DDR-Narrativ nach dem Krieg musste dies um jeden Preis leugnen. Andererseits waren diese Vorfälle aber auch so gut dokumentiert, dass sie im Tauziehen zwischen den Ulbricht-Pieck-Rückkehrern aus Moskau und den zahlenmäßig deutlich überlegenen, in Deutschland verbliebenen Kommunisten als Druckmittel verwendet wurden. Wer hier aus politischer Überzeugung zu widersprechen drohte, konnte gewiss sein, mit alten Taten an’s Messer geliefert zu werden.
Ines Geipel – Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass weiterlesen

Konzept für eine politische Theologie im Jahr 2021

Der Jesuit Felix Körner war vergangenen Mittwoch (24.3.21) bei der Katholischen Akademie in Berlin eingeladen, um sein Buch „Politische Religion – Theologie der Weltgestaltung: Christentum und Islam” vorzustellen. In einem fesselnden Gespräch mit Akademie-Leiter Hake konnte Körner nicht auf alle 7 Hauptkapitel gleichermaßen (1 Kultur, 2 Identität, 3 Gewalt, 4 Relativierung, 5 Schwäche, 6 Inspiration, 7 Anerkennung) innerhalb einer Stunde eingehen, verstand es aber trotzdem, wichtige Grundsätze von Christentum und Islam unter dem Blickwinkel „Politische Religion/Theologie” zu entfalten. Der Jesuit Körner, ein ausgewiesener Islam-Experte, war übrigens vor kurzem noch selbst in Berlin als Fellow am Wissenschaftskolleg und ist aktuell Professor für Dogmatik an der Gregoriana in Rom.

Welches Verständnis hat nun Körner von politischer Religion oder Theologie, die immer mal wieder auch unter einem Vorbehalt stand? Diese war z.B. in der Spätantike verdächtigt worden, einfach nur den Bestand der polis garantieren zu wollen. In den 70er und 80er Jahren hingegen musste sich eine gesellschaftskritisch verstehende Theologie z.B. eines J. B. Metz mit dem Vorwurf auseinandersetzen, den Glauben zugunsten der bloßen Hoffnung aufzugeben.

Schon im Buchtitel enthalten ist zunächst eine fundamentale Gemeinsamkeit, die Christentum und Islam teilen. Diese besteht in dem Anspruch, nicht nur die individuelle Frömmigkeit der Gläubigen fördern zu wollen, sondern die Welt insgesamt zu gestalten. Dass dies in einer pluralen Welt nicht mit einem Monopolanspruch geschehen kann, ist für Körner selbstverständlich. Seine Ausführungen umkreisen im einzelnen eine Fülle von Fragestellungen: Wie lässt sich die Tradition der Religion aneignen einschließlich deren außer-rationale Inhalte (z.B. Liturgie), ohne in einen entfremdenden und fremdbestimmten Prozess einzutreten? Wie lässt sich ausschließen, dass Religion zur Ausübung von Herrschaft und Gewalt missbraucht wird? Wie lässt sich Religion verwenden, um diese als Inspiration zu erfahren und mit ihr als Konzept im Konzert der anderen Stimmen einer pluralen Gesellschaft selbstbewusst, aber ohne Dominanzstreben aufzutreten? Wie kann die christliche Idee vom Reich Gottes so in der Außenwelt erfahrbar werden, dass sie mehr als die eigene Person umgestaltet?

Konzept für eine politische Theologie im Jahr 2021 weiterlesen

Dem Meyerhoff verfallen

Mein Zugang zu Meyerhoff

Alles begann mit einem Geburtstagsgeschenk: Hamster im hinteren Stromgebiet klang zwar als Titel merkwürdig, aber die von Meyerhoff aus erster Hand beschriebenen Erfahrungen mit Schlaganfällen konnte ich mühelos mit entsprechenden Erlebnissen in der Familie verknüpfen. Meyerhoff benutzt aber seine Erlebnisse nicht etwa zu ausgestelltem Selbstmitleid, sondern verwendete Sprache von Anfang an und schon in der Krankheit, im Krankenhaus als Distanzwaffe und Bewältigungsstrategie. Das fand ich spannend. Dazu kam viel Lokalkolorit mit diesem unglaublichen Wiener Schmäh und Schilderungen von den Anforderungen einer Patchwork-Familie. Schon gewusst, was ein von Jungmannen gerne angestrebter Fümriss ist? Bei Meyerhoff lässt es sich nachlesen. Statt kompletten Buchbesprechungen, hier noch Aspekte zu den anderen beiden Büchern, die mich ansprachen.

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war –– Für mich vor allem ein Vaterbuch. Das Erzähler-Ich in der Zeitspanne vom Erstklässler bis zum Mitzwanziger. Die Schilderungen beziehen sich fast ausschließlich auf das Leben in und mit der vom Vater in Schleswig geleiteten Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg. Das abendliche Schreien der Patienten wird vom kleinen Josse nicht im mindesten als bedrohlich, sondern als beruhigender Soundtrack vor dem Einschlafen erlebt. Der Vater – unausgesprochener Mittelpunkt des Romans – wird als einerseits den Patienten und vor allem den Kindern zugewandter Patriarch beschrieben, der in praktischen Dingen aber immer wieder verlässlich und grotesk scheitert: Beim Abnehmen, beim Erwerb von Segelboot und Segelschein oder beim Dauerlauf. Immer wieder gewinnt Meyerhoff den Vorkommnissen viel Witz ab, ohne die Beschriebenen als defizitär zu brandmarken. Die Familie bleibt auch von tragischen Vorfällen nicht verschont: Der mittlere Bruder stirbt und die Familie bricht auseinander, als der Vater sich einer jüngeren Frau zuwendet. Als eine Krebserkrankung diesen auf den Boden der Tatsachen zurück bringt, kommt die ausgezogene Ehefrau zurück, um den Mann zu pflegen. In dieser Notsituation erlebt das Erzähler-Ich die Eltern zum ersten Mal tatsächlich als Paar, als er sich zu ihnen an’s Bett setzt: »Seltsam«, dachte ich, »das sind deine Eltern. Deine schlafenden Eltern. Du hast immer nur Vater und Mutter gehabt, aber niemals Eltern.« Der Vergeblichkeitsmodus des Romantitels kommt nicht von ungefähr: Familiengeschichte geschildert im nachträglich aufgedeckten Scheitern, aber auch mit ihren zum Brüllen komischen Aspekten und Momenten großer Innigkeit. Eine berührende Familiengeschichte.

Dem Meyerhoff verfallen weiterlesen

Günter de Bruyn – Chronist und Erzähler verstorben

Bereits am 4. Oktober 2020 verstarb de Bruyn 93jährig. Mit ihm ist ein wahrlich uneitler und authentischer Chronist der deutschen Geschichte der letzten 80 Jahre verstorben. Seine autobiographischen Werke Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin und 40 Jahre. Ein Lebensbericht können als sachlicher Kontrapunkt zum aktuellen Blockbuster „Berlin Babylon” gelesen werden. Allerdings nimmt de Bruyn den Blick eines homme de lettres, keines Kriminalisten ein. An scharfem Hingucken – auch was die eigenen Niederlagen und Unzulänglichkeiten betrifft – lässt es de Bruyn trotzdem nicht mangeln.

Das Werk

Einem größeren Publikum ist de Bruyn als Schriftsteller bekannt, der Romane und Erzählungen hervorgebracht hat. Dazu gehören Buridans Esel, Preisverleihung, Die neue Herrlichkeit und eine Jean-Paul-Biographie, um nur einige zu nennen. Vieles war mit Landschaft und Geschichte der näheren und weiteren Heimat verknüpft. In diesem Sinne war de Bruyn ausgesprochen bodenständig, aber keineswegs provinziell. Ein sehr schlichtes ländliches Ausweichquartier in der Lausitz war schließlich auch eine Fluchtburg,  wenn der Anpassungsdruck dem Nonkonformisten und Systemgegner de Bruyn in Berlin mal wieder zu stark zusetzte.

Vita…

Bleiben wir bei de Bruyns Biographie: Detailreich kann er zunächst darstellen, wie er als 1926 Geborener das Nazi-Reich noch bewusst als Flakhelfer und Soldat erlebt. Bedeutungsvolle Orte dieser Zeit sind Britz, Berlin Neukölln und Pommern. Weitere Stichworte hier im Stenogramm-Stil: De Bruyn stammt aus einer Auswandererfamilie, die während des 1. Weltkrieges zeitweise in Russland lebte. Die katholische Herkunft und Überzeugung bewirkte eine Immunisierung sowohl gegen die HJ als auch die FDJ. In den letzten Aufgeboten der Wehrmacht verheizt zu werden, verhindert seine schwache Gesundheit. Eine kurze Kriegsgefangenschaft schließt sich an und endet mit einem langwierigen Treck mit Sudeten-Deutschen aus Tschechien Richtung Westen.

Nach dem Krieg arbeitete de Bruyn einige Jahre als Aushilfslehrer, bis er durch eine Ausbildung als Bibliothekar seine Bücherliebe beruflich verwerten konnte. Gleichzeitig ermöglichte dieser Brotberuf, etwas Freiraum für seine schriftstellerischen Versuche zu erwerben. Schon früh war klar, dass de Bruyn sich dem erwarteten Druck, der SED beizutreten oder zumindest verbal still zu halten, nicht entsprechen wollte. Dieses Eintrittsbillet für eine wohlfeile Karriere entsprach ihm nun überhaupt nicht.

…und DDR

Die Reaktion auf dieses widerständige Verhalten ließ nicht auf sich warten. Buchveröffentlichungen wurden verhindert oder mit unzumutbaren Änderungslisten versehen. Einen Rückzugsraum, um bei wackeliger Gesundheit dem Alltagsdruck und den kleinen Tritten gegen das Schienenbein zu entkommen, fand de Bruyn schließlich auf einer seiner zahlreichen Exkursionen auf’s Land. Es war eine heruntergekommene Mühle in der Lausitz, die er mit viel Einsatz wieder bewohnbar machte. Zu einer saukomischen Schilderung gerät, wie er auszog, in der ländlichen Umgebung – Karl May stand Pate – ein Pferd zu halten. Weil er dem Verkaufsdruck des Bauern nicht gewachsen ist, kommt er noch dieser Unternehmung nicht mit einem, sondern mit drei Pferden zurück. Die Pferde, alles andere als handzahm, führen den verhinderten Bauern in jeder Hinsicht vor. De Bruyn beschreibt von sich, wie froh er war, die Pferde vor Einbruch des Winters – wenn auch mit finanziellem Verlust – wieder loszuwerden.

Günter de Bruyn – Chronist und Erzähler verstorben weiterlesen