Böll kam nicht bis Troisdorf – neue Erzählung von Andreas Fischer

Wenn Andreas Fischer in „Die Königin von Troisdorf” den Blick auf die eigene Familie richtete, geht es nun in „Böll kam nicht bis Troisdorf” um das Lebensalter ab 18 und einen neuen Personenkreis. Die Mentoren und Freundinnen und Freunde auf dem Weg ins Erwachsenenalter stehen im Mittelpunkt.

Das Schema des Aufbaus für diese Erzählung wird von der „Königin” übernommen: Die Kapitel und ihre Folgekapitel sind jeweils zeitlich verortet, allerdings ohne strenge Chronologie. Sie schildern die Erlebnisse des jungen Andreas in seiner Adoleszenz mit dessen Augen. Dazu treten Reflektionen des erwachsenen Andreas auf seine zurückliegenden Begegnungen und Erlebnisse. Eingestreut dazwischen sind die ersten Gehversuche des Autors auf dem Gebiet der eigenen Textgestaltung.

Zwei Personen sind für den Andreas der Erzählung besonders wichtig. Zunächst ist dies Frieder Salzgraf, angeblich Mitglied der Gruppe 47 und mit Heinrich Böll bekannt. Die Lokalzeitung meldet, dass Salzgraf einen Schreibkurs anbietet. Andreas ist Feuer und Flamme und meldet sich sofort zu diesem Kurs an. Dort trifft er auf andere Schreibenthusiasten, die mit unterschiedlichen Sujets und Techniken arbeiten. Andreas bringt regelmäßig in seiner Kladde Kurztexte oder Gedichte mit und findet erst mal einen gnädigen Salzgraf. (Wie erwähnt, lässt Fischer solche Texte dokumentarisch den Erzählfluss unterbrechen.)

Salzgraf entpuppt sich je länger, je mehr als launischer und unberechenbarer Mentor. Er schmeißt Andreas kurzerhand aus seinem Kurs, als er von einem harmlosen Treffen von Andreas mit einer Kursteilnehmerin erfährt. Geradezu absurd wird dieser Rausschmiss, da er durch ein nächtliches Telegram übermittelt wird. Der Rausschmiss wird nach einiger Zeit zurückgenommen. Allerdings, ohne dass dieser ein Wort der Entschuldigung fände. Ähnlich unsouverän erweist sich Salzgraf, als er von Andreas’ Kontakt zu Josef Beuys erfährt. Salzgraf wird ausfällig und nennt diesen einen „Scharlatan”. Fremde Götter zu haben, lässt der auf meisterliche Distanz und Überlegenheit bedachte Mentor nicht zu.

Sein wie auch immer geartetes Mentorenverhältnis zu Andreas verrät Salzgraf komplett mit einem sexuellen Übergriff. Der betrunkene Salzgraf wird nicht nur verbal ausfällig, sondern auch in derber Weise handgreiflich. Eine ältere Künstler-Freundin von Andreas hat einiges zu tun, um den aus Salzgrafs Wohnung flüchtenden Andreas wieder aufzurichten.

In der Folgezeit – Andreas lässt nach einigen Monaten Stillschweigen und einem Treffen auf der Straße Umgang mit Salzgraf wieder zu – verändert sich das Meister-Schüler-Verhältnis: Andreas übernimmt nicht nur Alltagsverrichtungen für Salzgraf, sondern regelt auch die Folgen eines Alkoholabsturzes im Sinne Salzgrafs in einer Weinkneipe. Der zeitweilig trockene Alkoholiker Salzgraf ist nun bis zu seinem baldigen Tod auf einer abschüssigen Bahn.

Andreas bleibt aber loyal zu Salzgraf. Er erwähnt bei Gelegenheit dessen Namen gegenüber Ingrid, der Redaktionssekretärin der Zeitung, für die Andreas regelmäßig schreibt. Vermittelt durch ihn kommt es zum Treffen zwischen Ingrid und Salzgraf. Andreas muss feststellen, dass beide gleich beim „Du” sind, das ihm – jahrelang mit Salzgraf befreundet – verweigert wurde. Noch stärker ausgebootet fühlt sich Andreas, als er mit Ingrid gemeinsam in seinem Auto eine Fahrt zu Salzgraf in eine Reha-Klinik unternimmt. Ingrid lässt ihn wissen, sie wolle erst mal alleine mit Salzgraf sprechen. Dem im Auto wartenden Andreas wird nach Stunden klar, dass er als williger Chauffeur missbraucht wurde.

Förderlich ist hingegen das Verhältnis von Andreas zu Wolfgang Korruhn. Dieses Mal geht es nicht um das Schreiben, sondern um das Filmemachen. Das Produzieren von Filmen wird der Brotberuf von Andreas. Der eigenwillige Filmemacher und Interviewer Korruhn bleibt über Jahrzehnte Ratgeber und im positiven Sinne Mentor und Begleiter für Andreas. „Vielleicht sind wir ja alle füreinander gegenseitig Stellvertreter…” lässt Korruhn Andreas wissen. Korruhn formuliert damit einen Vorbehalt, den auch das sonst positive Verhältnis zu Andreas kennzeichnet. Zu viel Nähe kann auch Abwehr auslösen, was in diesem Fall wohl Korruhns Problem war.

Resümée? Das Buch Fischers zeigt, wie sich der Ich-Erzähler – von der Niedertracht seiner Herkunfsfamilie befreit – sich selbst erprobt und ins Leben tritt. Die Figur Salzgraf ist nur scheinbar ein uneigennütziger Förderer. Er entpuppt sich mit seinen literarischen Ambitionen und angeblichen Kontakten als Rosstäuscher. Seine kaputte Sexualität bekommt Andreas gewaltsam zu spüren. Korruhn steht dem gegenüber als positive Figur. Das ist mit den übrigen Erlebnissen einer coming of age-Erzählung glaubhaft und mit bisweilen lustigen Episoden (Lilly!) erzählt, auch mit Lokalkolorit versehen. Dem nach Anerkennung suchenden Andreas hätte man von außen gesehen einen reibungsloseren Emanzipationsprozess gewünscht. Realität funktioniert aber selten wie Kindergeburtstag in Permanenz.

Nachdem Andreas Fischer mit der „Königin von Troisdorf” die Latte ziemlich hoch gelegt hatte, fällt „Böll kam nicht bis Troisdorf” fast notwendigerweise ein wenig dahinter zurück.

Andreas Fischer, Böll kam nicht bis Troisdorf, Eschen 4 Verlag, Berlin, 18 €, ISBN 978-3-00-085953-3

Einübung in die organisierte Lieblosigkeit. Eine besondere Familiengeschichte

Bestimmte Rituale in der Familie stehen für Aufmerksamkeit und Liebe, die man sich in diesem Verbund wechselseitig erweist. Wer zum eigenen Geburtstag zumindest von der Tante einen Kuchen erhält, möchte dieses Ritual gerne auch Vater und Mutter gegenüber erweisen. Der Vater verbietet sich grundsätzlich jede Erwähnung, geschweige denn die Feier seines Geburtstags. Die Mutter hat, als ihr der Junge zum Geburtstag den Tisch gedeckt hat, nichts besseres zu tun, als die von ihm liebevoll geschmierten Brote mit Zucker in den Mülleimer zu schmeißen.

Solcherart ist die organisierte Lieblosigkeit, die in Andreas Fischers autobiographischen Roman „Die Königin von Troisdorf” herrscht. Der in dieser Industriestadt heranwachsende Andreas muss sich gegen gleich 6 Erwachsene behaupten: Mutter Ilse, Inhaberin eines Fotogeschäfts, der Vater, meist hinter Zigarettenqualm und Suff verborgen, Oma Lena, Opa Paul, Tante Hilde und Onkel Bruno. Besonders einflussreich in diesem System zeigt sich das Duo aus Großmutter Lena und Mutter, die alle wichtigen Entscheidungen treffen. Wohlgemerkt: Wir schreiben die 60er Jahre! Omas Ruf reicht auch über den Haushalt der Familie hinaus. Sie maßregelt auch die Nachbarschaft, weshalb sie den Spottnamen „Königin von Troisdorf” erhält.

Schon der 8jährige Andreas stellt Überlegungen an, woher dieser „ein(en) bestialischen Gestank” verbreitende allgegenwärtige „Hass” herrührt. Keine Gelegenheit, den Jungen zu erniedrigen, wird ausgelassen: Er wird als „Köttel” oder als jemand, den „man mit dem Kopp gegen die Wand klatschen” sollte, angesprochen. (Gelegentlich musste ich mir beim Lesen von soviel Schwarzer Pädagogik am Stück klar machen „Er hat es überlebt”. Die positive Schlussfolgerung lautete: Bei allem, was meine Eltern an mir und meinen Geschwistern falsch gemacht haben mochten: Sie zeigten uns grundsätzlich vor allem Zuwendung. Das Maßregeln und Herabsetzen war die Ausnahme.)

Die Herkunft des Hasses bringt die zweite Erzählebene ins Spiel. Fischer beschreibt, häufig von Brieffunden oder anderen Dokumenten ausgehend, den militaristischen Subtext dieser Familiengeschichte. Für diese steht der Untertitel des Romans Wie der Endsieg ausblieb. Hier geht es um solche Fragen: Wie haben Wehrdienst und Kampfeinsatz der Männer der Familie deren Denken und Leiden geprägt? Welche Ideologien von starkem Vaterland haben die Männer dazu gebracht, ihren Kriegsdienst nicht vornehmlich überleben zu wollen, sondern geradezu todesversessen zu sein?

In dieser Hinsicht berühren besonders im Roman zitierte Briefe des 1942 in Russland gefallenen Onkels Günther. Immer wieder schreibt er von seinen Bemühungen, nicht weiter Ausbilder zu sein, sondern zur kämpfenden Truppe zu kommen. Er jiepert geradezu nach seinem Tod, der ihn dann auch mit der zu erwartenden Wahrscheinlichkeit ereilt.

Frauen sind in dieser Denkwelt nur Dekoration und wahlweise besorgte Mütter oder Liebhaberinnen. Vielleicht ist der „Hass”, der dem heranwachsenden Andreas entgegen gebracht wird, die Kehrseite dieses Ausgeliefertseins der Frauen. Wenn sie nicht aktiv und vielleicht sogar politisch Front gegen alles militaristische Denken machen, können sie zumindest die moralische Keule auspacken. Alles Männliche wird – auch außerhalb von Krieg und Militär – abgrundtief gehasst und Männer verachtet.

Andreas Fischers Roman bringt es auf 470 Seiten. Formal ist dieses Buch eher sperrig. Ein Staccato aus meist nur kurzen, häufig ein bis zwei Seiten umfassenden Texten durchblättert das Familienarchiv und Fischers Erinnerungen. Die Verschränkung von Vorzeit und Jetztzeit der Troisdorfer Gegenwart lässt kein bestimmtes Schema erkennen. Trotz dieses dokumentarischen und distanzierenden Ansatzes hat Fischer mich durch die nüchterne, aber liebevolle Sicht auf den Jungen, der er mal selbst war, gefesselt. Ein übergeordnetes Thema könnte mit dem Stichwort „Transgenerationales Trauma” beschrieben sein. Nicht nur die beschädigenden Kriegserfahrungen der Männer aus dem 1. und 2. Weltkrieg werden weitergereicht. Auch die Fühllosigkeit einer Freundin, die den Ich-Erzähler der Jetzzeit trotz einer akuten Nierenkollik im Stich lässt, passt zu sehr in das Schema der Kalten Frau als Komplement zu der offen gewaltsamen Männerkultur. Das Buch ist jetzt aber keineswegs tristesse pure. Auch Ereignisse, die lustig oder verblüffend sind oder zum Vergleich mit der eigenen Biographie anregen, haben ihren Platz. Unerwartet, aber um so wichtiger, findet der Vater sogar zu einem Akt väterlicher Solidarität dem Sohn gegenüber. Unbedingt lohnende Lektüre!

Danke an Birgit B. für den Tipp!

Ein Kurzfilm von Andreas Fischer stellt einige der im Buch wichtigen Personen vor: Trans-Ural Photogesellschaft
Der Film muss vor dem Betrachten heruntergeladen werden. Er wird nicht gestreamt.

Andreas Fischer: Die Königin von Troisdorf. Wie der Endsieg ausblieb, Gebundene Ausgabe, Eschen-4-Verlag, 22,50 € -- nicht überall ist das Buch gut lieferbar, eine gewisse Hartnäckigkeit beim Erwerb kann nicht schaden