„Abgerungen“ – Theaterstück zu P. Henkes in der ehemaligen Synagoge

Mit „Abgerungen“ zeigt der Freundeskreis ehemalige Synagoge Deidesheim zum zweiten Mal in kurzer Abfolge ein Ein-Personen-Stück. Diese besondere Herausforderung für einen Schauspieler meistert Bruno Lehan mit Bravour. Worum geht es in dem Stück?

Aus der Perspektive eines Schriftstellers, der Person und Motivation des Pallotinerpaters Richard Henkes untersucht, wird dessen Leben mit den wichtigsten Stationen nachgezeichnet. Henkes, 1900 im Westerwald in Ruppach geboren, teilt den Hurrapatriotismus seiner Generation im 1. Weltkrieg. Aus dem Krieg kommt er aber desillusioniert zurück und tritt 1919 in den Palottinerorden ein. Er wird Lehrer in verschiedenen Schulen des Ordens im Westerwald und in Schlesien. Eine Lebenskrise 1925, die ihn in die Nähe eines Suizids bringt, kann er ebenso wie körperliche Krankheiten meistern.

Seine eigentliche Berufung findet er in der Nazi-Zeit: Mutige Predigten und das Eintreten für einen Ausgleich zwischen Tschechen und Deutschen bringen ihm nicht nur Vorladungen der Gestapo, sondern auch 1938 eine Verurteilung ein. Nur eine Amnestie aus Anlass des Anschlusses Österreichs bewahrt ihn zunächst vor der Inhaftierung. Die bleibt ihm aber nicht erspart, als er deutlich gegen die Ermordung von Kranken im Rahmen der T4-Aktion Stellung nimmt. Im Juli 1943 wird er verhaftet und im KZ Dachau inhaftiert. Rückhalt findet er in einer Gruppe gleichfalls inhaftierter Ordensbrüder. Als Kurz vor Kriegsende 1945 in Dachau Typhus ausbricht, zögert er nicht, sich ohne diese Erkrankung in die Baracke der Typhuserkrankten einschließen zu lassen. Eine Impfung erweist sich als wenig wirksam und nach 8 Wochen Arbeit im Dienste der Leidenden tötet die Krankheit P. Richard Henkes am 22. Februar 1945.

Dieser Tod wird im Stück durch ein lautes Türeknallen verdeutlicht. Vorher war Lehan von der Bühne abgegangen und hatte den Raum verlassen. Das Publikum applaudierte lang anhaltend.

Neben Lehan muss der Autor des Stückes, Boris Weber, gewürdigt werden. Ihm gelingt es nicht nur, eine Vermittlungsfigur in Form eines Schriftstellers einzuführen. Dieser befragt eben nicht nur sich, sondern – an diese gewandt – auch die Zuschauer nach der innersten Motivation der Figur Richard Henkes. Dessen Credo „Einer muss es ja sagen“ ist wie der Titel des Stückes sperrig. Auf diese Weise wird Henkes uns, die eher Themen wie „nächster Urlaub“ beschäftigen, in seinem absoluten Einsatz für seine Sache vielleicht nicht vertraut, aber doch lebendig. Den Mittelpunkt des Stückes bildet die Predigt „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“. Lehan deutet die Predigt an, indem er auf ein Podest steigt. Diese ist ein beeindruckendes Manifest und ein klares Zeugnis gegen nationalsozialistischen Ideen von höher- und minderwertigen Menschen. Sie ist geradezu ein Fanal, wie aus christlichem Verständnis heraus der Einsatz für die Randständigen und Verachteten nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten ist. Allein um dieses Textes / dieser Predigt willen, lohnt sich ein Besuch von „Abgerungen“.

Was bleibt? Der Freundeskreis erweitert mehr als 80 Jahre nach der Shoah sein Themenspektrum sinnvoll. Die Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden wird in einen größeren Zusammenhang eingebettet, wie Ausgrenzung funktioniert und wie Gegenkräfte mobilisiert werden können. Das kann ein Rückgriff auf die 48er Revolution sein oder – wie jüngst – die Dokumentation von christlichem Widerstand im Dritten Reich. Ein guter Weg.

Häretiker Woelki

Die Beratungen zum Synodalen Weg in der katholischen Kirche fanden am vergangenen Wochenende ihren Abschluss in Stuttgart. Allerdings ohne Beteiligung von Kölner Bischöfen. Ein Selbst- und Amtsverständnis des hiesigen Kardinals Woelki, unmittelbar von Christus eingesetzt worden zu sein und deswegen nicht in einem Gremium mit Laienbeteiligung mitarbeiten zu dürfen, hat der Kirchenrechtler Thomas Schüller aus Münster „strukturell häretisch“ genannt (KStA 29.1.26). Nach Gutsherrenart den eigenen Willen für absolut zu halten, hat mit christlicher Kirche wirklich nichts zu tun. Ich habe in meinen Ekklesiologievorlesungen gelernt, dass Kirche bis zur umfassenden Verwirklichung des Reiches Gottes eine vorläufige und begrenzte Organisationsform darstellt. Solchermaßen relativiert sollte ein Hochmut, wie ihn Woelki pflegt, gar nicht erst gedeihen dürfen. Die Mahnung von Thomas Schüller „Ein Bischof ohne Volk ist – nichts“ dürfte sich bald auch auf andere Weise bewahrheiten, wenn Woelki alle vertrieben hat, die sich für eine lebendige und von allen getragene Kirche einsetzen. Er scheint sich das Ziel gesetzt zu haben, katholische Kirche im Rheinland endgültig gegen die Wand zu fahren.

Papst Leo, bitte üben Sie einen Akt der Barmherzigkeit und befreien uns von diesem Verkünder der unfrohen Botschaft Woelki!

Evangelische Kirche auf Abwegen?

Kirchen sind in der Moderne gefordert, neue Wege zu beschreiten, christlichen Glauben zu leben und zu bekennen. Soweit d’accord. Wenn – nennen wir es mal so – das Markenprofil dabei über die Wupper geht, geht es in die falsche Richtung. Mein Eindruck ist, dass die evangelische Kirche da an einigen Orten falschen Wegmarken folgt.

Hier in Köln gibt es zwei Beispiele:
• In Köln-Longerich wird die Immanuelkirche in der Paul-Humbug-Straße niedergelegt und durch eine Cafédrale ersetzt. Die Pläne (auch im Netz zu finden) sehen eine Kombination aus Gemeindezentrum, Wohngebäude, Co Working Space und Kita vor.
• In Köln-Michaelshoven gibt es dann die Wohnzimmerkirche. Das ist nett für einen Seniorennachmittag. Aber ob in einem solchen Gewusel Gottesbegegnung stattfinden kann, wage ich zu bezweifeln. Das war für mich als Christ katholischer Provenienz bisher ein positives Merkmal, dass evangelische Kirchen eher nüchtern daher kamen und einen Fokus auf Altar und Kanzel setzten.

Wie soll ich in all dem Plüsch Abstand von meinem Alltagsleben gewinnen und mein Leben reflektieren und vor Gott tragen?

• Das krasseste Beispiel kommt aus Berlin. Dort hat die Pfarrerin Lena Müller eine polyamoröse Gemeinschaft von vier Männern gesegnet. Das Ganze fand im Rahmen eines Pop-up-Hochzeitsfestivals (hmmm…) statt. Mit dem Umfeld Pop-up-Hochzeitsfestival sollte es nicht Wunder nehmen, dass diese Segnung in die Nähe einer Trauung gestellt und in der Öffentlichkeit genauso wahrgenommen wurde.

Es ist richtig, die Menschen dort aufzusuchen, wo sie sind. In diesem Sinne war das Wort vom Stallgeruch, den Kirchen nach Ansicht des verstorbenen Papstes Franzikus annehmen sollten, ein hilfreicher Begriff. (Der wollte auch Gottesdienste in umgebauten Garagen ermöglichen.) Auch der Ansatz Citypastoral in seinen verschiedenen Formen ist fruchtbar.

Bei der Suche nach geeigneten Räumen für lebendige Gemeinden muss man auch mal die Möglichkeit für kleinere Missverständnisse in Kauf nehmen. Generell können kirchliche Räume z.B. durch eine entfernbare Bestuhlung für mehr Zwecke verwendet werden (z.B. Weihnachtsmarkt, Lesungen, Ausstellungen… ). Das tut dann aber einem (wieder) umgerüsteten Raum für die Gottesdienstgemeinde keinen Abbruch.

Überspannen Gemeinden den Bogen, verschwindet Christentum im Nebulösen, wenig Identifizierbaren. Sie geben dann ohne Not Begegnung mit der Wort Gottes und Liturgie auf. Für Jugendliche und junge Erwachsene auf der Suche nach Gott wird so ein Angebot kaum attraktiv sein. Sie werden sich dann eher muslimischen Gemeinden oder tendenziell fundamentalistischen christlichen Gruppen zuwenden. Das wäre in meinen Augen sehr zu bedauern. Und natürlich brauchen Gemeinden auch Platz für Begegnung untereinander, gerade wenn die Begegnung mit anderen Christinnen und Christen im Alltag weniger häufig ausfällt.

Kirche bei den Menschen – ja bitte, Kirche, die sich fortwährend anbiedert, nein Danke.

Netz – Anna Sokolova in St. Peter

Die weißrussische Künsterin Anna Sokolova hat mit Netz eine beeindruckende Installation nach St. Peter gebracht. Sie passt besonders gut in die Advents- und Weihnachtszeit mit diesem Jesaja-Wort:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Zuletzt fand ich die Ausstellung EMBODIES von Johanna von Monkiewitsch eher nichtssagend und habe sie bei mir als Matrazengruft abgespeichert. Wohlan, mehr Kunst, die sich sinnlich und ohne guten Willen unendlich bemühen zu müssen erschließt.

Priester Ue. und Kardinal Woe.

Vor kurzem wurde in erster Instanz die Klage eines Opfers sexualisierter Gewalt gegen das Erzbistum Köln zurückgewiesen. Die Klägerin war mit Billigung eines Vorgängers von Kardinal Woelki in den Haushalt eines Priesters gegeben worden und wurde über Jahre sexuell missbraucht. Die Folgen waren zwei Schwangerschaften und eine Abtreibung. Die Klägerin hatte maßvolle 850.000 € als persönliche Kompensation gefordert. Ein letztinstanzliches Urteil steht noch aus.

Jeder Mensch mit Restbeständen von moralischem Urteilsvermögen wird hat sich auf die Seite von Frau F. gestellt haben. Die Kommentare hier im Lokalblatt Kölner Stadtanzeiger waren der Sache angemessen. Joachim Frank sprach am 3.7.25 von einem „Moralische(n) Totalausfall” des Erzbistums. Er wies auf die absurde Argumentation des Erzbistums hin, die zwischen einer Amts- und einer Privatperson Ue. unterscheiden wollte. Nur der Privatperson Ue. sei der sexuelle Missbrauch anzulasten. Das Ue. Stunden vor und nach dem Beischlaf mit seiner Schutzbefohlenen als Priester auftrat? Nebbich.

Diese Argumentation hat in Köln viele mit Recht in Rage gebracht. Man sollte von Kirchenleuten an dieser Stelle eigentlich Demut erwarten. Das ist aber nicht das Ding von Woelki und seiner Kamarilla. Frank Hüppelshäuser, Amtsleiter von Woelki, sprach allen Ernstes von einer „menschenverachtende(n)“ Berichterstattung. Da bleibt mir die Spucke weg und Woelki reiht sich ein in die Liste der Menschen mit „reality distorsion“, einer chronisch fehlerhaften Realitätswahrnehmung.

Mein Bild dazu: Jesus hat, wie in Mt 21,12 dargestellt, angesichts einer verdinglichten und entfremdeten Religion die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel getrieben. Ein Reinigungsakt. Das müsste genau so mit einem halsstarrigen Woelki passieren. Dass sich Jesus unter uns materialisiert und diesen Job übernimmt? Eher unwahrscheinlich. Gott wirkt durch die Menschen: Also sind wir gefordert.

Es gibt übrigens Diözesen in Deutschland, von denen Köln definitiv etwas lernen kann. Ich habe letztens als Lektor im Bistum Speyer eine Vermeldung machen dürfen, in der auf eine Veranstaltung zur „queersensiblen Pastoral” hingewiesen wurde.

Lebensmelodien-Konzert 11.6.24 Deidesheim

Lebensmelodien-Konzert realisiert ein musikalisches Vermächtnis (Deidesheim 11.6.24)

„Meine Teuren! 

Bevor ich von dieser Welt gehe, will ich Euch meine Liebsten einige Zeilen hinterlassen. Wenn Euch einmal dieses Schreiben erreichen wird, bin ich und wir alle nicht mehr da. – Unser Ende naht. Man spürt es, man weiß es. Wir sind alle, genau so wie die schon hingerichteten, unschuldigen, wehrlosen Juden zum Tode verurteilt. Der kleine Rest, der seit den Massenmorden noch zurückgeblieben ist, kommt in der allernächsten Zeit (Tage oder Wochen) an die Reihe. Es ist schauderhaft, aber wahr. Leider gibt es für uns keinen Ausweg, diesem grauenhaften, fürchterlichen Tode zu entrinnen.“

Zugegeben, der Titel „Lebensmelodien” mag erst einmal falsche Assoziationen bedienen. Er klingt womöglich nach gemütlichem Sonntagsnachmittagsprogramm vor dem Radio. Wenn man weiß, dass „Leben” hier aber keineswegs gemütlich, sondern als das blanke „Über-Leben” in einer extrem feindlichen und vernichtenden Umgebung bedeutet, erhält der Titel seine wahre Bedeutung. Worum ging es bei dem Konzerten unter dieser Überschrift?

Konzerte dieses Namens sind zunächst mit dem Namen des israelischen Klarinettisten Nur Ben Shalom verbunden. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit wechselnden Ensembles die musikalischen Zeugnisse jüdischen Überlebenswillens einer Nachwelt zu erhalten, die gerade die letzten Überlebenden der Shoah verabschieden muss. Er hat dabei den klaren Auftrag seiner Großtante und Musikerkollegin Salomea Ochs Luft, „Rache” zu üben, auf musikalische Weise sublimiert. Wir dürfen ihm dafür dankbar sein.

Mit dem Stichwort Musik kommt das Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz (Montabaur) ins Spiel. Die Schülerinnen und Schüler haben mit ihrem Konzert am 11.6.24 in der St. Ulrich-Kirche Deidesheim den Liedern und Musikstücken der Ermordeten neues Leben eingehaucht. Als eines der verschiedenen Ensembles von Nur Ben Shalom holten die über 40 Schülerinnen und Schüler die Stücke, die für die ermordeten Menschen stehen, in unser Leben zurück. Wer sich vor Augen führt, wie professionell und empathisch sich die Schüler einer zehnten Klasse dieser schwierigen Musik angenommen haben, wird beim Stichwort „Rechtsruck der Jugend” vorsichtiger urteilen.

Lebensmelodien-Konzert realisiert ein musikalisches Vermächtnis (Deidesheim 11.6.24) weiterlesen

Phantasten unterwegs – Warum Ostermärsche Putins Spiel betreiben

Zunächst eine persönliche Bemerkung: Ich bin selbst in den siebziger und achtziger Jahren einige Male Teilnehmer der Ostermärsche gewesen. Die Bedrohung einschließlich eines möglichen Atomschlags für beide sich gegenüber stehenden Lager im Westen und im Osten erschien mir damals nur durch einen Gewaltverzicht erreichbar.

30 Jahre später und von einigen naiven Weltsichten geheilt, erscheint mir das, was die gegenwärtige Ostermarschbewegung vorlegt, schon als hirnverbrannt. Eine militärische Selbstaufgabe, auf die ein Verzicht von Waffenlieferungen an die Ukraine hinausliefe, ist nur für Phantasten (m/w/d) ein gangbarer Weg. Ich würde mir wirklich wünschen, dass Menschen mit dieser Forderung mal 14 Tage in die Ukraine fahren, um das dortige Leid hautnah mitzubekommen. Ich denke, der Mehrteil dieser Menschen käme geläutert zurück.

Ja, irgendwann muss auch verhandelt werden. Dies kann aber ohne Selbstaufgabe für die Ukraine nur dann passieren, wenn sie nicht aus einer Position der absoluten Unterlegenheit in solche Gespräche gehen muss. Minsk 1 und 2 lassen grüßen. Um das nicht im Jahr X geschehen zu lassen, sollten jetzt Taurus-Marschflugkörper und Granaten im Standardformat in solcher Zahl geliefert werden, dass selbst für einen Putin die Kosten des Dauerkriegs zu hoch werden. Denn eine wehrhafte Ukraine, die bei einem möglichen zukünftigen Waffenstillstand auch auf bewaffnete Garantiemächte im Land zurückgreifen muss, fällt nicht vom Himmel.

Schaltet euer Gehirn ein, liebe Ostermarschierer und -marschiererinnen. Handelt solidarisch (das ist doch hoffentlich eurer Anspruch)!

Ramadan 2024 – gemischte Gefühle

Zufälligerweise ist für mich als Christ auch gerade Fastenzeit. Ich kann von daher verstehen, dass es für die muslimische, vornehmlich türkisch geprägte Community hier in Köln eine besondere Zeit ist. Sie lenkt für sie wie für mich den Blick darauf, wie halte ich es mit Gott, meinen Mitmenschen und mir. Soweit alles in Butter…

Was mich am Ramadan in der Vergangenheit immer wieder befremdet hat, war das Verhalten vieler Schüler (gewesener Hauptschullehrer) von mir, wenn der Ramadan in die Sommermonaten fiel. Sie kamen unterzuckert und häufig deutlich aggressiver als sonst in den Unterricht. Ich hatte sogar einen ehemals muslimischen Bekannten gefragt, ob es für dieses Problem ’Ramadan mit Extremtemperaturen’ kein Rechtsgutachten gibt, das hier auf breiter Front Ausnahmen zuließe. Der Bekannte erklärte sich für unzuständig.

Dieses Jahr sind die Fastenregeln (kein Essen, kein Trinken während des Tages) besser zu ertragen. Was mich heuer befremdet, ist die abendliche Ramadan-Beleuchtung zum Beispiel auf der Venloer Straße. Ich hätte überhaupt kein Problem mit solch’ einer Wertschätzung religiösen Lebens, wenn sie nur minimal auf Wechselseitigkeit beruhen würde. Blicke ich jedoch auf die Türkei oder – noch schärfer ausgeprägt – auf Aserbeidschan, kann ich dort nur eine gezielte Unterdrückung der christlichen Religion feststellen. In Aserbeidschan werden im Gebiet von Berg Karabach jahrhundertealte Kirchen unwiederbringlich zerstört. Nichts und niemand soll daran erinnern, dass hier Christinnen und Christen über Jahrhunderte gewohnt haben. In der Türkei geht die aktive Verdrängung alles Christlichen etwas subtiler vor sich: Umgehungsstraßen oder andere Straßenprojekte werden vorzugsweise dort entlang geführt, wo sich noch Überreste von Kirchen und Kapellen befinden. Mit juristischen Winkelzügen wird in Istanbul verhindert, dass armenisch-stämmige Christen ein Priesterseminar, das ihnen vor dem Genozid gehört hat, wieder nutzen können.

Von daher erlebe ich die Politik der Stadt Köln gegenüber der muslimischen Community (Gebetsruf von der Zentralmoschee, Ramadanbeleuchtung) eher wie einen großen Kotau. Ich wäre froh, wenn ich anderes sagen könnte…

Quellen: 
• Zukunft gesucht von Tigran Petrosyan (taz, 4.10.2023)
https://taz.de/Massenflucht-aus-Bergkarabach/!5961130&s=berg+karabach/
• Unbequeme Spuren. Zerstörung armenischer Kultur von Lisa Schneider (taz, 29.9.2024)
https://taz.de/Zerstoerung-armenischer-Kultur/!5960840&s=berg+karabach/
• Christentum in der Türkei (Wikipedia-Artikel)
https://de.wikipedia.org/wiki/Christentum_in_der_Türkei