Burmester hat’s vergeigt – Wie der Umgang mit der Coesfeld-Liste die AfD befördert

Anfang des Jahres hatte der neue Kölner OB Burmester noch mit großer Geste verkündet, er wolle die Abschiebung des Bosniers Marko M., vielfach straffällig geworden wie auch Ehefrau und Kinder, zur Chefsache machen. Immerhin liegt diese Familie der Stadt Köln mit ca. 7.500 € monatlich auf der Tasche.

Inzwischen wissen wir aber, dass Burmester nicht nur in dieser Sache offenbar untätig geblieben ist. Die Stadtverwaltung hat darüberhinaus die Amtshilfe, die die sog. Coesfeld-Liste mit den 500 Namen von abschiebepflichtigen Personen ermöglicht hätte, aktiv ausgeschlagen.

Auch die Mitglieder von Kölner Großfamilien, die sich jüngst an Schießereien im Stadtteil Mülheim beteiligt haben, stehen auf der Coesfeld Liste. Unter dem fadenscheinigen Grund Integration von geduldeten Migranten wird das Weggucken institutionalisiert. Statt geltendem Recht Geltung zu verschaffen, wird Untätigkeit geübt, indem die per Coesfeld Liste mögliche Amtshilfe ausgeschlagen wird. Wie der KStA am 20.8.26 berichtete, sind von 471 ausreisepflichtigen Personen gerade mal 5 abgeschoben worden. Das ist 1 (in Worten: ein) Prozent. Untägigkeit solcher Art fällt allen demokratischen Parteien gewaltig auf die Füße. In diesem Fall darf sich besonders Herr Burmeister an die eigene Nase packen und schon mal die Ehrenmitgliedschaft in der AfD beantragen. Er hat ihr gewaltig genützt und fördert die Marginalisierung der SPD. Da kann man sich vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6.9.26 nur gruseln.

Kermanis Rede anlässlich des Rekrutengelöbnisses in Berlin am 20.7.26

Mit Recht ist gefragt worden, ob jeder Migrant / jede Migrantin einen positiven Beitrag zur Stadt- und Zivilgesellschaft in Köln leistet. Dazu wird im Moment unter dem Stichwort Coesfeld-Liste diskutiert. 

Ein Kölner Bürger mit migrantischen Wurzeln, der unzweifelhaft Großes für Köln und für die Gesellschaft in Deutschland beigetragen hat, ist Navid Kermani. Seine Rede zur Rekrutenvereidigung am 20.7. in Berlin gibt sehr entschieden Auskunft, wann Loyalität zu einem Gemeinwesen eben dann auch mit einer Waffe in der Hand geboten ist und wann dieser Gehorsam im Interesse von übergeordneten Menschen- und Bürgerrechten nicht mehr gilt. Deswegen hier zumindest die Hälfte dieser sehr abwägenden Rede, die auch von der FAZ und vom Stadtanzeiger in Gänze abgedruckt wurde.

Dass die Bundeswehr ihr Feierliches Gelöbnis am 20. Juli begeht, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn dieser Tag steht nicht etwa für den Gehorsam, der in einer Armee jeden Tag eingeübt wird. Der 20. Juli steht dafür, dass man Widerstand leisten muss, wenn Diensterfüllung ein Verbrechen ist. Dass jungen Menschen gleichsam mit dem Tag ihres Eintritts in die militärische Laufbahn die Tugend des Neinsagens nahegebracht wird, wäre in kaum einer anderen Armee vorstellbar und war auch bei der Gründung der Bundeswehr noch undenkbar. Denn die Attentäter des 20. Juli 1944, die wir heute gemeinsam ehren, galten den meisten Bürgern der jungen Bundesrepublik noch als Verräter. Und mochten sich die Gründerväter der Bundeswehr auch glaubhaft auf das Erbe des 20. Juli berufen, waren doch viele der neuen Soldaten bis zum bitteren Schluss der Wehrmacht treu geblieben. Sie taten sich schwer, sich plötzlich in der Nachfolge von Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu sehen. Wie schwierig der Bruch mit der eigenen Vergangenheit war, zeigte der Streit um die Wehrmachtsausstellung.

Und so fielen die Reaktionen durchaus gemischt aus, als der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping 1999 den 20. Juli als Tag des Feierlichen Gelöbnisses festlegte. Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie wissen jetzt schon besser als ich, der nie eine Waffe getragen hat, warum es wichtig ist und im Gefecht sogar überlebenswichtig werden kann, als Soldat gehorsam zu sein. Man kann nicht jeden Befehl infrage stellen, wenn man im Krieg bestehen will, und weil das so ist, achten Armeen bereits im Frieden streng auf Disziplin, Kameradschaft und die Einhaltung der Hierarchie. Diese genuin soldatischen Tugenden haben Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, bis gestern gelernt und werden Sie von morgen an weiter lernen.

Der heutige Tag lehrt Sie etwas anderes. Er lehrt Sie, dass Sie in bestimmten Situationen Nein sagen können und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet. Die Attentäter des 20. Juli brauchten lange, zu lange, um die Lektion zu lernen. Es steht uns als Bürgern eines demokratischen und friedlichen Staates nicht zu, sie dafür zu kritisieren. Keiner von uns kann sicher sagen, er oder sie hätte sich unter denselben Umständen auch nur ansatzweise bewährt. Umso dankbarer müssen wir jenen Deutschen sein, die in der Katastrophe – und ja, manche von ihnen in der Schuld – über sich hinausgewachsen sind: nicht nur Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Friedrich Olbricht und Werner von Haeften, die heute vor 82 Jahren an diesem Ort hingerichtet wurden, und ihre etwa zweihundert Mitstreiter. Ich möchte auch an Georg Elser erinnern, an die Mitglieder der Weißen Rose, an den Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke, an Dietrich Bonhoeffer und die vielen anderen Aktivisten im Untergrund wie im Exil, die ihre Treue zu Deutschland dadurch erwiesen, dass sie untreu waren dem deutschen Staat. Wir verneigen uns vor ihnen.
Gelöbnis gilt dem demokratischen Staat

Liebe Rekrutinnen und Rekruten, das Gelöbnis, das Sie in wenigen Minuten ablegen werden, gilt nicht einem Führer. Es gilt einem demokratischen Staat und einem freien Volk. Dennoch wird es auch für Sie nicht immer einfach sein, den Punkt zu erkennen, an dem Sie Nein sagen müssen. Man soll seinem Gewissen folgen, heißt es, und das klingt auch im Ideal der Inneren Führung an, das die Bundeswehr sich gegeben hat. Allein, dieses Gewissen ist ein sehr zweifelhafter Bürge. Terroristen berufen sich ebenfalls auf ihr Gewissen, wenn sie Hunderte Menschen in die Luft sprengen, und selbst Himmler glaubte, anständig zu sein, als er in Posen über die Auslöschung des jüdischen Volkes sprach. Das Gewissen allein genügt nicht, um zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Das Gewissen braucht ein objektives Korrektiv, soll es nicht willkürlich sein. Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, besitzen ein solches Korrektiv in Gestalt unseres Grundgesetzes und der darin verankerten Grundrechte, die durch keine Mehrheitsentscheidung geändert werden dürfen. Diese Grundrechte stehen über jedem Befehl Ihres Vorgesetzten, gleich unter welchen Umständen.

Allein schon Artikel eins macht hinreichend klar, dass entwürdigende Rituale, sexuelle Belästigungen oder rassistische Äußerungen nicht mit Ihrem heutigen Gelöbnis zu vereinbaren sind und gemeldet werden müssen, sollten Sie davon Kenntnis erlangen. Nun sind Missbrauch, Willkür oder Extremismus in den eigenen Reihen vergleichsweise einfache, weil offenkundige Gründe, um Nein zu sagen. Deutlich schwieriger wird die Beurteilung in einer Gefechtslage, sagen wir bei einem Auslandseinsatz, der für viele von Ihnen eine reale Perspektive ist. Seit ihrer Gründung 1959 war die Bundeswehr in siebzig Ländern im Einsatz. Allein seit 1991 haben mehr als fünfhunderttausend deutsche Soldaten im Ausland gedient. Wen diese Zahlen überraschen, mag dies als Hinweis darauf werten, wie wenig Bewusstsein über die Arbeit der Bundeswehr in Deutschland herrscht – und wie wenig Anerkennung ihr dafür zuteilwird. Besonders für ihren größten Auslandseinsatz in Afghanistan steht die Politik in der Schuld der Bundeswehr. Denn mit dem ungeordneten Rückzug infolge der Machtübergabe an die Taliban, also praktisch der Kapitulation vor einem menschenverachtenden, frauenfeindlichen Regime, hat der Westen und damit auch Deutschland nicht nur die Millionen Afghanen und insbesondere die Afghaninnen im Stich gelassen, denen es den Wiederaufbau ihres Landes versprochen hatte.

Ich habe Afghanistan während des Krieges zweimal bereist und weiß, wie viel Dankbarkeit die lokale Bevölkerung der Bundeswehr entgegenbrachte, die deutlich weniger aggressiv und hemdsärmelig auftrat als andere ausländische Armeen. Das plötzliche und so chaotische Ende des Einsatzes hat die jahrelange, gefährliche Arbeit unserer Soldatinnen und Soldaten über Nacht zunichtegemacht. Und nicht ein einziger Repräsentant des deutschen Staates war anwesend, als ein Großteil der Truppe ratlos, deprimiert, in vielen Fällen auch traumatisiert am 30. Juni 2021 auf dem Fliegerhorst Wunstorf landete. Weil zudem die parlamentarische Aufarbeitung des Versagens im Sande verlief, steht die Afghanistan-Mission dauerhaft für die fehlende Wertschätzung und Unterstützung der Bundeswehr durch Staat und Gesellschaft. Sicher, man kann darüber diskutieren, ob der Einsatz richtig war oder nicht. Aber wenn sich die Bundesrepublik zu einem Auslandseinsatz entschließt, muss sie ihre Soldaten ausreichend ausstatten, damit sie ihren Auftrag erfüllen können. Und sie muss ihnen vor allem: danken.

Dass weder das eine noch das andere angemessen geschehen ist, erfüllt mich als Deutscher bis heute mit Scham. Aber zurück zu meiner Frage, wann der Punkt kommt, an dem Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, Nein sagen können und Nein sagen müssen. Es gehört zum Wesen von Kriegen, dass sie aus dem Ruder laufen und Situationen entstehen, die niemand vorausgesehen hat. Auch deutsche Soldaten haben in Afghanistan Fehler gemacht und am 9. September 2009 in Kundus viele Dutzend Zivilisten getötet. Aber pauschal lässt sich der Einsatz gewiss nicht als Unrecht bezeichnen, das eine Befehlsverweigerung gerechtfertigt hätte. Auch für die übrigen Auslandseinsätze der Bundeswehr gab es plausible Gründe, eine parlamentarische Legitimation und in den meisten Fällen ein Mandat der Vereinten Nationen. So umstritten einzelne Missionen waren, insbesondere der Kosovo-Einsatz, lag doch in keinem Fall ein offenbares Unrecht vor, das Widerstand grundsätzlich zur Pflicht gemacht hätte, wie man es für den deutschen Angriffskrieg von 1939 sagen muss. Aber wird das so bleiben?
Deutschland ist dem Völkerrecht verpflichtet. […]

Die vollständige Rede ist unter anderem hier zu finden.

Böll kam nicht bis Troisdorf – neue Erzählung von Andreas Fischer

Wenn Andreas Fischer in „Die Königin von Troisdorf” den Blick auf die eigene Familie richtete, geht es nun in „Böll kam nicht bis Troisdorf” um das Lebensalter ab 18 und einen neuen Personenkreis. Die Mentoren und Freundinnen und Freunde auf dem Weg ins Erwachsenenalter stehen im Mittelpunkt.

Das Schema des Aufbaus für diese Erzählung wird von der „Königin” übernommen: Die Kapitel und ihre Folgekapitel sind jeweils zeitlich verortet, allerdings ohne strenge Chronologie. Sie schildern die Erlebnisse des jungen Andreas in seiner Adoleszenz mit dessen Augen. Dazu treten Reflektionen des erwachsenen Andreas auf seine zurückliegenden Begegnungen und Erlebnisse. Eingestreut dazwischen sind die ersten Gehversuche des Autors auf dem Gebiet der eigenen Textgestaltung.

Zwei Personen sind für den Andreas der Erzählung besonders wichtig. Zunächst ist dies Frieder Salzgraf, angeblich Mitglied der Gruppe 47 und mit Heinrich Böll bekannt. Die Lokalzeitung meldet, dass Salzgraf einen Schreibkurs anbietet. Andreas ist Feuer und Flamme und meldet sich sofort zu diesem Kurs an. Dort trifft er auf andere Schreibenthusiasten, die mit unterschiedlichen Sujets und Techniken arbeiten. Andreas bringt regelmäßig in seiner Kladde Kurztexte oder Gedichte mit und findet erst mal einen gnädigen Salzgraf. (Wie erwähnt, lässt Fischer solche Texte dokumentarisch den Erzählfluss unterbrechen.)

Salzgraf entpuppt sich je länger, je mehr als launischer und unberechenbarer Mentor. Er schmeißt Andreas kurzerhand aus seinem Kurs, als er von einem harmlosen Treffen von Andreas mit einer Kursteilnehmerin erfährt. Geradezu absurd wird dieser Rausschmiss, da er durch ein nächtliches Telegram übermittelt wird. Der Rausschmiss wird nach einiger Zeit zurückgenommen. Allerdings, ohne dass dieser ein Wort der Entschuldigung fände. Ähnlich unsouverän erweist sich Salzgraf, als er von Andreas’ Kontakt zu Josef Beuys erfährt. Salzgraf wird ausfällig und nennt diesen einen „Scharlatan”. Fremde Götter zu haben, lässt der auf meisterliche Distanz und Überlegenheit bedachte Mentor nicht zu.

Sein wie auch immer geartetes Mentorenverhältnis zu Andreas verrät Salzgraf komplett mit einem sexuellen Übergriff. Der betrunkene Salzgraf wird nicht nur verbal ausfällig, sondern auch in derber Weise handgreiflich. Eine ältere Künstler-Freundin von Andreas hat einiges zu tun, um den aus Salzgrafs Wohnung flüchtenden Andreas wieder aufzurichten.

In der Folgezeit – Andreas lässt nach einigen Monaten Stillschweigen und einem Treffen auf der Straße Umgang mit Salzgraf wieder zu – verändert sich das Meister-Schüler-Verhältnis: Andreas übernimmt nicht nur Alltagsverrichtungen für Salzgraf, sondern regelt auch die Folgen eines Alkoholabsturzes im Sinne Salzgrafs in einer Weinkneipe. Der zeitweilig trockene Alkoholiker Salzgraf ist nun bis zu seinem baldigen Tod auf einer abschüssigen Bahn.

Andreas bleibt aber loyal zu Salzgraf. Er erwähnt bei Gelegenheit dessen Namen gegenüber Ingrid, der Redaktionssekretärin der Zeitung, für die Andreas regelmäßig schreibt. Vermittelt durch ihn kommt es zum Treffen zwischen Ingrid und Salzgraf. Andreas muss feststellen, dass beide gleich beim „Du” sind, das ihm – jahrelang mit Salzgraf befreundet – verweigert wurde. Noch stärker ausgebootet fühlt sich Andreas, als er mit Ingrid gemeinsam in seinem Auto eine Fahrt zu Salzgraf in eine Reha-Klinik unternimmt. Ingrid lässt ihn wissen, sie wolle erst mal alleine mit Salzgraf sprechen. Dem im Auto wartenden Andreas wird nach Stunden klar, dass er als williger Chauffeur missbraucht wurde.

Förderlich ist hingegen das Verhältnis von Andreas zu Wolfgang Korruhn. Dieses Mal geht es nicht um das Schreiben, sondern um das Filmemachen. Das Produzieren von Filmen wird der Brotberuf von Andreas. Der eigenwillige Filmemacher und Interviewer Korruhn bleibt über Jahrzehnte Ratgeber und im positiven Sinne Mentor und Begleiter für Andreas. „Vielleicht sind wir ja alle füreinander gegenseitig Stellvertreter…” lässt Korruhn Andreas wissen. Korruhn formuliert damit einen Vorbehalt, den auch das sonst positive Verhältnis zu Andreas kennzeichnet. Zu viel Nähe kann auch Abwehr auslösen, was in diesem Fall wohl Korruhns Problem war.

Resümée? Das Buch Fischers zeigt, wie sich der Ich-Erzähler – von der Niedertracht seiner Herkunfsfamilie befreit – sich selbst erprobt und ins Leben tritt. Die Figur Salzgraf ist nur scheinbar ein uneigennütziger Förderer. Er entpuppt sich mit seinen literarischen Ambitionen und angeblichen Kontakten als Rosstäuscher. Seine kaputte Sexualität bekommt Andreas gewaltsam zu spüren. Korruhn steht dem gegenüber als positive Figur. Das ist mit den übrigen Erlebnissen einer coming of age-Erzählung glaubhaft und mit bisweilen lustigen Episoden (Lilly!) erzählt, auch mit Lokalkolorit versehen. Dem nach Anerkennung suchenden Andreas hätte man von außen gesehen einen reibungsloseren Emanzipationsprozess gewünscht. Realität funktioniert aber selten wie Kindergeburtstag in Permanenz.

Nachdem Andreas Fischer mit der „Königin von Troisdorf” die Latte ziemlich hoch gelegt hatte, fällt „Böll kam nicht bis Troisdorf” fast notwendigerweise ein wenig dahinter zurück.

Andreas Fischer, Böll kam nicht bis Troisdorf, Eschen 4 Verlag, Berlin, 18 €, ISBN 978-3-00-085953-3

„Es ist vorbei“ – Ungarn entscheidet sich für Europa und Demokratie

„Es ist vorbei“

Habe mich lange nicht mehr so über ein Wahlergebnis gefreut wie über die Abwahl Orbáns in Ungarn. Dass der Rechtsstaat stranguliert wurde, friends & family Orbáns sich das Geld in die Tasche schaufeln durften, wird jetzt hoffentlich vorbei sein. Die Zweidrittelmehrheit für die Partei von Péter Magyar sollte ihm gestatten, die Umwandlung Ungarns in einen autoritären und illiberalen Staat wieder rückgängig zu machen. Auch die Fürsprache von J.D. Vance hat sich als sowenig hilfreich erwiesen wie die Kungelei Orbáns mit Putin, der oft noch aus den Brüsseler Vorzimmern vertrauliche Informationen erhielt. Kein Wunder, dass sich die jungen Leute auf den berühmten Rolltreppen Budapests mit der Versicherung „Es ist vorbei“ gegenseitig abklatschten.

Jetzt gilt es, diese Zuversicht von „Es ist vorbei“ auch für die Landtagswahlen im September zu pflegen und gegen die AfD politisch nutzbar zu machen. Populisten haben den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren.

Russland ist durchgängig militarisiert

Es ist erschreckend, dass bereits 16jährige in Russland als Rüstungsarbeiter eingesetzt werden, wie n-tv am 24.3.26 berichtete.

Und hier haben schon Mitglieder der Linken Probleme, wenn sich Menschen von der Bundeswehr in Schulen vorstellen. Eine wehrhafte Demokratie kann aber (leider) auf eine Unterstützung durch die Menschen hier für eine demokratisch legitimierte und kontrollierte Armee nicht verzichten.

Quelle: n-tv, 24.3.26

„Abgerungen“ – Theaterstück zu P. Henkes in der ehemaligen Synagoge

Mit „Abgerungen“ zeigt der Freundeskreis ehemalige Synagoge Deidesheim zum zweiten Mal in kurzer Abfolge ein Ein-Personen-Stück. Diese besondere Herausforderung für einen Schauspieler meistert Bruno Lehan mit Bravour. Worum geht es in dem Stück?

Aus der Perspektive eines Schriftstellers, der Person und Motivation des Pallotinerpaters Richard Henkes untersucht, wird dessen Leben mit den wichtigsten Stationen nachgezeichnet. Henkes, 1900 im Westerwald in Ruppach geboren, teilt den Hurrapatriotismus seiner Generation im 1. Weltkrieg. Aus dem Krieg kommt er aber desillusioniert zurück und tritt 1919 in den Palottinerorden ein. Er wird Lehrer in verschiedenen Schulen des Ordens im Westerwald und in Schlesien. Eine Lebenskrise 1925, die ihn in die Nähe eines Suizids bringt, kann er ebenso wie körperliche Krankheiten meistern.

Seine eigentliche Berufung findet er in der Nazi-Zeit: Mutige Predigten und das Eintreten für einen Ausgleich zwischen Tschechen und Deutschen bringen ihm nicht nur Vorladungen der Gestapo, sondern auch 1938 eine Verurteilung ein. Nur eine Amnestie aus Anlass des Anschlusses Österreichs bewahrt ihn zunächst vor der Inhaftierung. Die bleibt ihm aber nicht erspart, als er deutlich gegen die Ermordung von Kranken im Rahmen der T4-Aktion Stellung nimmt. Im Juli 1943 wird er verhaftet und im KZ Dachau inhaftiert. Rückhalt findet er in einer Gruppe gleichfalls inhaftierter Ordensbrüder. Als Kurz vor Kriegsende 1945 in Dachau Typhus ausbricht, zögert er nicht, sich ohne diese Erkrankung in die Baracke der Typhuserkrankten einschließen zu lassen. Eine Impfung erweist sich als wenig wirksam und nach 8 Wochen Arbeit im Dienste der Leidenden tötet die Krankheit P. Richard Henkes am 22. Februar 1945.

Dieser Tod wird im Stück durch ein lautes Türeknallen verdeutlicht. Vorher war Lehan von der Bühne abgegangen und hatte den Raum verlassen. Das Publikum applaudierte lang anhaltend.

Neben Lehan muss der Autor des Stückes, Boris Weber, gewürdigt werden. Ihm gelingt es nicht nur, eine Vermittlungsfigur in Form eines Schriftstellers einzuführen. Dieser befragt eben nicht nur sich, sondern – an diese gewandt – auch die Zuschauer nach der innersten Motivation der Figur Richard Henkes. Dessen Credo „Einer muss es ja sagen“ ist wie der Titel des Stückes sperrig. Auf diese Weise wird Henkes uns, die eher Themen wie „nächster Urlaub“ beschäftigen, in seinem absoluten Einsatz für seine Sache vielleicht nicht vertraut, aber doch lebendig. Den Mittelpunkt des Stückes bildet die Predigt „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“. Lehan deutet die Predigt an, indem er auf ein Podest steigt. Diese ist ein beeindruckendes Manifest und ein klares Zeugnis gegen nationalsozialistischen Ideen von höher- und minderwertigen Menschen. Sie ist geradezu ein Fanal, wie aus christlichem Verständnis heraus der Einsatz für die Randständigen und Verachteten nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten ist. Allein um dieses Textes / dieser Predigt willen, lohnt sich ein Besuch von „Abgerungen“.

Was bleibt? Der Freundeskreis erweitert mehr als 80 Jahre nach der Shoah sein Themenspektrum sinnvoll. Die Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden wird in einen größeren Zusammenhang eingebettet, wie Ausgrenzung funktioniert und wie Gegenkräfte mobilisiert werden können. Das kann ein Rückgriff auf die 48er Revolution sein oder – wie jüngst – die Dokumentation von christlichem Widerstand im Dritten Reich. Ein guter Weg.

Xavier Naidoo völlig im Abseits

Manchmal muss man sich nicht nur von Verwandten und Freunden/Freundinnen verabschieden, sondern auch von Künstlern. So geht es mir mit Xavier Naidoo.

Er hatte das Verdienst zeigen zu können, dass so etwas wie deutscher Soul möglich ist. Ok, die Texte waren z.T. auch nicht schlauer als das, was wir an englischsprachigen Songs tag-ein, tag-aus konsumieren. Die Songs hatten aber Inbrunst und waren für mich Soul-Food.

Eine Ausstellung zum Thema „Antisemitismus“ hat mich aber mit einer älteren Äußerung von Naidoo konfrontiert. Die ist so platt und antisemitisch, dass sie wenig Alternativen lässt, als Naidoo auszumustern. Schade!

Postscriptum 15.3.: Als hätte es eines weiteren Beweises bedurft für praktizierte Verpeiltheit, hat Naidoo gestern auf der Bühne gestanden. Er hat den Schwachsinn von Menschenfleisch in Chips der Firma Lay wiederholt. Mensch, geht’s noch??!!

Ukraine-Unterstützung braucht langen Atem — was sonst?

Vielleicht muss man dies zugestehen: Nach 4 Jahren Angriffskrieg auf die Ukraine sind nicht wenige hier müde geworden, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Dabei bleibt wahr, dass die Ukraine mit ihrer zahlen- und kräftemäßig so unterlegenen Position gerade mit den gezeigten Entbehrungen und Verlusten auch uns hier in Mitteleuropa verteidigt. (Es gibt glücklicherweise auch in der SPD, z.B. mit Ex-Bundespräsidenten Joachim Gauck, Menschen, deren Solidarität die Taurus-Lieferung an die Ukraine einschließt. Unser SPD-Lokalmatador Rolf Mützenich zieht es vor, weiter den Kopf in den Sand zu stecken.)

Hier in Köln sammelten sich vorgestern Abend deutlich weniger Menschen auf dem Roncalli-Platz als noch vor einem Jahr. Besonders gut gefallen hat uns die grüne Vize-Ministerpräsidentin Mona Neubaur mit entschiedenen Worten. Danke, Dom-Forum, dass ihr wieder die ukrainischen Farben gezeigt habt.

In dieser Situation tut es gut, dass es jetzt mal ein Musikvideo von TT und Ed Sheeran gibt, das gute Stimmung und Mut trotz ernstem Thema macht (s. oben).

Im übrigen gilt:
• Geld für die Ukraine spenden, z.B. dem Blau-Gelben Kreuz, aber unbedingt auch den Portalen für Waffenspenden
• nicht nach Ungarn oder in die Slovakei fahren mit ihrer Anti-Ukraine-Haltung
• in das USAr…lochland fahren wir ohnehin nicht