Böll kam nicht bis Troisdorf – neue Erzählung von Andreas Fischer

Wenn Andreas Fischer in „Die Königin von Troisdorf” den Blick auf die eigene Familie richtete, geht es nun in „Böll kam nicht bis Troisdorf” um das Lebensalter ab 18 und einen neuen Personenkreis. Die Mentoren und Freundinnen und Freunde auf dem Weg ins Erwachsenenalter stehen im Mittelpunkt.

Das Schema des Aufbaus für diese Erzählung wird von der „Königin” übernommen: Die Kapitel und ihre Folgekapitel sind jeweils zeitlich verortet, allerdings ohne strenge Chronologie. Sie schildern die Erlebnisse des jungen Andreas in seiner Adoleszenz mit dessen Augen. Dazu treten Reflektionen des erwachsenen Andreas auf seine zurückliegenden Begegnungen und Erlebnisse. Eingestreut dazwischen sind die ersten Gehversuche des Autors auf dem Gebiet der eigenen Textgestaltung.

Zwei Personen sind für den Andreas der Erzählung besonders wichtig. Zunächst ist dies Frieder Salzgraf, angeblich Mitglied der Gruppe 47 und mit Heinrich Böll bekannt. Die Lokalzeitung meldet, dass Salzgraf einen Schreibkurs anbietet. Andreas ist Feuer und Flamme und meldet sich sofort zu diesem Kurs an. Dort trifft er auf andere Schreibenthusiasten, die mit unterschiedlichen Sujets und Techniken arbeiten. Andreas bringt regelmäßig in seiner Kladde Kurztexte oder Gedichte mit und findet erst mal einen gnädigen Salzgraf. (Wie erwähnt, lässt Fischer solche Texte dokumentarisch den Erzählfluss unterbrechen.)

Salzgraf entpuppt sich je länger, je mehr als launischer und unberechenbarer Mentor. Er schmeißt Andreas kurzerhand aus seinem Kurs, als er von einem harmlosen Treffen von Andreas mit einer Kursteilnehmerin erfährt. Geradezu absurd wird dieser Rausschmiss, da er durch ein nächtliches Telegram übermittelt wird. Der Rausschmiss wird nach einiger Zeit zurückgenommen. Allerdings, ohne dass dieser ein Wort der Entschuldigung fände. Ähnlich unsouverän erweist sich Salzgraf, als er von Andreas’ Kontakt zu Josef Beuys erfährt. Salzgraf wird ausfällig und nennt diesen einen „Scharlatan”. Fremde Götter zu haben, lässt der auf meisterliche Distanz und Überlegenheit bedachte Mentor nicht zu.

Sein wie auch immer geartetes Mentorenverhältnis zu Andreas verrät Salzgraf komplett mit einem sexuellen Übergriff. Der betrunkene Salzgraf wird nicht nur verbal ausfällig, sondern auch in derber Weise handgreiflich. Eine ältere Künstler-Freundin von Andreas hat einiges zu tun, um den aus Salzgrafs Wohnung flüchtenden Andreas wieder aufzurichten.

In der Folgezeit – Andreas lässt nach einigen Monaten Stillschweigen und einem Treffen auf der Straße Umgang mit Salzgraf wieder zu – verändert sich das Meister-Schüler-Verhältnis: Andreas übernimmt nicht nur Alltagsverrichtungen für Salzgraf, sondern regelt auch die Folgen eines Alkoholabsturzes im Sinne Salzgrafs in einer Weinkneipe. Der zeitweilig trockene Alkoholiker Salzgraf ist nun bis zu seinem baldigen Tod auf einer abschüssigen Bahn.

Andreas bleibt aber loyal zu Salzgraf. Er erwähnt bei Gelegenheit dessen Namen gegenüber Ingrid, der Redaktionssekretärin der Zeitung, für die Andreas regelmäßig schreibt. Vermittelt durch ihn kommt es zum Treffen zwischen Ingrid und Salzgraf. Andreas muss feststellen, dass beide gleich beim „Du” sind, das ihm – jahrelang mit Salzgraf befreundet – verweigert wurde. Noch stärker ausgebootet fühlt sich Andreas, als er mit Ingrid gemeinsam in seinem Auto eine Fahrt zu Salzgraf in eine Reha-Klinik unternimmt. Ingrid lässt ihn wissen, sie wolle erst mal alleine mit Salzgraf sprechen. Dem im Auto wartenden Andreas wird nach Stunden klar, dass er als williger Chauffeur missbraucht wurde.

Förderlich ist hingegen das Verhältnis von Andreas zu Wolfgang Korruhn. Dieses Mal geht es nicht um das Schreiben, sondern um das Filmemachen. Das Produzieren von Filmen wird der Brotberuf von Andreas. Der eigenwillige Filmemacher und Interviewer Korruhn bleibt über Jahrzehnte Ratgeber und im positiven Sinne Mentor und Begleiter für Andreas. „Vielleicht sind wir ja alle füreinander gegenseitig Stellvertreter…” lässt Korruhn Andreas wissen. Korruhn formuliert damit einen Vorbehalt, den auch das sonst positive Verhältnis zu Andreas kennzeichnet. Zu viel Nähe kann auch Abwehr auslösen, was in diesem Fall wohl Korruhns Problem war.

Resümée? Das Buch Fischers zeigt, wie sich der Ich-Erzähler – von der Niedertracht seiner Herkunfsfamilie befreit – sich selbst erprobt und ins Leben tritt. Die Figur Salzgraf ist nur scheinbar ein uneigennütziger Förderer. Er entpuppt sich mit seinen literarischen Ambitionen und angeblichen Kontakten als Rosstäuscher. Seine kaputte Sexualität bekommt Andreas gewaltsam zu spüren. Korruhn steht dem gegenüber als positive Figur. Das ist mit den übrigen Erlebnissen einer coming of age-Erzählung glaubhaft und mit bisweilen lustigen Episoden (Lilly!) erzählt, auch mit Lokalkolorit versehen. Dem nach Anerkennung suchenden Andreas hätte man von außen gesehen einen reibungsloseren Emanzipationsprozess gewünscht. Realität funktioniert aber selten wie Kindergeburtstag in Permanenz.

Nachdem Andreas Fischer mit der „Königin von Troisdorf” die Latte ziemlich hoch gelegt hatte, fällt „Böll kam nicht bis Troisdorf” fast notwendigerweise ein wenig dahinter zurück.

Andreas Fischer, Böll kam nicht bis Troisdorf, Eschen 4 Verlag, Berlin, 18 €, ISBN 978-3-00-085953-3

Xavier Naidoo völlig im Abseits

Manchmal muss man sich nicht nur von Verwandten und Freunden/Freundinnen verabschieden, sondern auch von Künstlern. So geht es mir mit Xavier Naidoo.

Er hatte das Verdienst zeigen zu können, dass so etwas wie deutscher Soul möglich ist. Ok, die Texte waren z.T. auch nicht schlauer als das, was wir an englischsprachigen Songs tag-ein, tag-aus konsumieren. Die Songs hatten aber Inbrunst und waren für mich Soul-Food.

Eine Ausstellung zum Thema „Antisemitismus“ hat mich aber mit einer älteren Äußerung von Naidoo konfrontiert. Die ist so platt und antisemitisch, dass sie wenig Alternativen lässt, als Naidoo auszumustern. Schade!

Postscriptum 15.3.: Als hätte es eines weiteren Beweises bedurft für praktizierte Verpeiltheit, hat Naidoo gestern auf der Bühne gestanden. Er hat den Schwachsinn von Menschenfleisch in Chips der Firma Lay wiederholt. Mensch, geht’s noch??!!

Bernie Sanders warnt vor dem Umbau der USA zu einem autoritären Staat

Wer eine Niederlage einfährt, leckt sich vielleicht eine Weile die Wunden, rappelt sich dann aber wieder auf. Demokratische Partei in den USA? Fehlanzeige.

Gut, dass ein Bernie Sanders (83, sic) bei diesem Verkriechen nicht mit macht. Er hielt am 11.2.25 eine Rede im Senat. In dieser warnt er glasklar vor dem Umbau der USA zu einem autoritären Staat. Sanders warnt nicht nur vor dem dramatischen Auseinanderklaffen des Reichtums. Hier die Musks, Bezos und Zuckerbergs, dort die große Mehrheit, die sich die Medikamente, die ihnen verschrieben wurde, nicht mehr leisten können. Auch ein Justizwesen unter Druck ist höchst bedrohlich. Genauso eine Presse, die sich Schadensersatzforderungen gegenüber sieht, sobald Unrecht beim Namen genannt wird. Auf den Punkt gebracht lautet die Gegenüberstellung bei Sanders: Statt der von Abraham Lincoln 1863 in Gettysberg beschworenen Regierung „of the people, by the people, for the people” steht als neue Vision „a government of the billionaire class, by the billionaire class, for billionaire class”. Amerikanerinnen und Amerikaner, zieht euch warm an…

Verständlich, dass er mit diesen klaren Worten offenbar vor einem weitgehend leeren Saal reden muss. Glücklicherweise ist diese Rede aber via youtube verfügbar. Wer sie hört, kann sich an diesem alten Haudegen aufrichten.

Der Text der Rede zum Nachlesen findet sich hier.

„Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen / Proud Boys marschiert…“

„Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen…“ — okay, bei „fest geschlossen“ ist noch ein bisschen Arbeit nötig

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf ist für manche Überraschung gut und liefert Satirematerial ohne Ende, von dem die Schriftstellerinnen der Zukunft noch für Jahrzehnte zehren werden. Ein eindrucksvolles Beispiel:

In Springfield, Ohio, wurde eine Katze vermisst und tauchte einige Tage später wieder auf. End of story.* Ende der Geschichte? Pustekuchen! JD Vance nutzte eine unbewiesene Behauptung eines Nachbarn des Katzenbesitzers, um eine Geschichte über haustierfressende Haitianer zu konstruieren.

Trump verbreitete diese unverblümte Lüge während seiner Fernsehdebatte mit Kamala Harris. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte für die Menschen, die in Springfield leben. Haitianer, vor sehr großer Not in Haiti geflohen und unbescholten,  wurden bedroht und zwei Schulen mussten nach der Lüge von JD Vance und Trump vorübergehend schließen.

Eine Gruppe der Proud Boys kam nach Springfield und versuchte, ihre Macht auf der Straße auszuüben. Nicht viel anders, wie das die SA im nationalsozialistischen Deutschland machte: Sie okkupierten die Straße und bedrohten alleine durch ihre Präsenz jeden, den sie als Feinde betrachteten.

Amerikaner, denkt noch einmal nach, bevor ihr für diese Trump- und Vance-Gestalten stimmt …

* https://www.vanityfair.com/news/story/cat-at-center-of-jd-vance-pet-eating-claims-is-alive-and-well [Danke für Ihre Faktenprüfung und Ihren Artikel]

Das Trump No. 1

Das ist der übliche Trump-Style: Donald startet mit dem Thema “Migrantenschwemme”, rudert viel mit den Armen hin und her und landet bei… Überraschung … der Figur Hannibal Lector. So geschehen am 13.5.24 in New Jersey

Der Satz, der mich und andere interessiert hat:

The late great Hannibal Lector. He’s a wonderful man. He oftentimes would have a friend for dinner.

Für Menschen, die mit diesem mit Anthony Hopkins verfilmten Romanstoff Das Schweigen der Lämmer und der Hauptfigur Hannibal Lector von Thomas Harris nichts anzufangen wissen: Es geht um einen überaus gebildeten Kannibalen, der mehrere Menschen grausam umbringt, um sie anschließend zu verspeisen. Was sollen da beide Themen Immigration und Hannibal Lector verbinden? Es gibt natürlich NICHTS. Vielleicht ein bemühter Witz “He oftentimes would have a friend for dinner.” Der macht aus den Subjekten Gäste Objekte Fleisch. Diese Umkehrfigur ist nichts Neues in unseren Tagen.

Ansonsten kann man nur sagen “Banane”. [Wenn das Ganze nach dem missglückten Attentat erfolgt wäre, könnte man Vermutungen über vielleicht grundlegendere Schäden bei Trump anstellen. War aber vorher.]

Es beruhigt mich wenigstens, dass die meisten Kommentatoren des Filmschnippsels Trump für ähnlich bescheuert halten wie ich:

“The Late Great Hannibal Lecter” Trump’s Mind is Literally Melting
and Untethered from Reality. • Does anyone know the context • Diarrhea of the mouth. • Getting more bizarre as his mental decline gets worse.

Schauen wir, was der große Donald in den nächsten Wochen und Monaten noch Wirres produziert. Hätte man nicht erfahren können, dass genügend Amerikaner solchen Schwachsinn zu goutieren scheinen, könnte man sich einfach nur herzhaft kaputt lachen…

Adieu Deutschlandfunk

Das Schema der unterschiedlichen Sendungen des DLFs war über Jahrzehnte meine Begleitung über den Tag. Dazu fallen mir ein „Tag für Tag”, „Die internationale Presseschau”, „Forschung aktuell“, „Sonntagsspaziergang” und manche anderen Sendungen. Schon in der Corona-Zeit hatte mich ein gewisser Verdruss befallen, die in der Regel bedrückenden Nachrichten mit der immer gleichen Art der Moderation hinzunehmen. Oft war dann bei Haushaltsarbeiten Musik aus dem Plattenschrank oder von der Festplatte vorzuziehen.

Was mir entgültig die Schuhe ausgezogen hat, war eine im DLF kommmentarlos weitergegebene Hörermeldung eines Herrn Fischer aus Bremen. In dieser hatte er allen Ernstes als Idee, den Ukraine-Krieg zu beenden, geäußert: „Indem man Selenskyj und seine Verbrecherbande, seine Völkermörderbande, festnimmt, ihn lebendig vierteilt und enthauptet.“

Das quasi als O-Ton DLF gesendet zu haben, streicht den DLF für mich zumindest für die nächsten Monate und Jahre aus dem Kreis ernstzunehmender Medien. Da bediene ich mich lieber bei BBC, CNN und Printmedien wie Süddeutscher und FAZ.

Ich hoffe, dass zumindest die verantwortliche Redakteurin / der verantwortliche Redakteur in die Wüste gejagt wurden.

Woke me up before I gogo

In der Penetranz den Zeugen Jehovas oder irgendwelchen ML-Splittergruppen der 70er Jahre nicht unähnlich, bekommen wir Heutigen das Schlagwort wokeness um die Ohren gehauen. Worum geht’s? Im Zeichen einer Identitätspolitik, die bestimmte Merkmale als Eigentum einer Gruppe definiert, werden mit einer Pose des Rechthabens und der Kontrolle Regulierungen der öffentlichen Präsenz eingefordert. Das Stichwort ist cancel culture und die gibt es wirklich. Die Cornrow-Frisur steht demnach nur Schwarzen zu. Filmrollen sind danach zu vergeben,  dass die Rolle in jedem Fall auch von einem entsprechenden Repräsentanten / einer Repräsentantin dieser Gruppe gespielt werden darf. Auch die bislang zum Kanon gehörende Literatur der Vergangenheit wird kritisch gesichtet: Darf ich meiner Enkelin demnächst noch Jim Knopf und Lukas der Lokomitivführer vorlesen, oder steht auch dieses Buch schon unter einem Verdikt? Der Tagesspiegel erwähnt heute, dass Uwe Johnson mit den „Jahrestagen“ und Wolfgang Koeppen mit „Tauben im Gras“ das N-Wort verwenden. Auch bei Böll, Bachmann, Dieter Forte und Hans Erich Nossack wird Kritikwürdiges vermutet. Bei Mark Twain in Tom Sawyer und Huckleberry Finn heißt es noch eine Spur schärfer Nigger. Ja, heute sollten wir diese Wörter nicht mehr in den Mund nehmen, weil sie in aller Regel herabsetzend gemeint sind.* Wir werden aber die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte oder Jahrzehnte nicht nachträglich rein waschen können. Wenn ich Verleger eines dieser Bücher wäre, würde ich einen kleinen Zettel beilegen, der den Unterschied von heutiger und vergangener Verwendung bestimmter Begriffe herausstellt.

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Gotteslob würdigt Jochen Klepper und nimmt Lieder von ihm auf

Das Gesangsbuch für die katholische Kirche in deutschsprachigen Ländern heißt jetzt schon in der zweiten, völlig neu bearbeiteten Auflage Gotteslob. Es hat in mancherlei Hinsicht gewonnen. Die schönen Grafiken von Monika Bartholomé haben die Bleiwüste der Vorgängerversion „durchlüftet“. Dieses Buch lädt ein, auch einfach mal nur so durchgeblättert zu werden.

Noch wichtiger aber sind inhaltlich neue Dinge. Katholische Kirche zeigt sich hier mal ihrem Namen entsprechend (gr. katholikós allumfassend) offen und hat zum einen eine Anzahl fremdsprachiger Lieder berücksichtigt. Diese stammen beispielsweise aus dem englischen (Wait for the Lord GL 732), spanischen (Nada te turbe GL 813), französischen (La ténèbre GL 812) oder griechischen Sprachraum (Hágios ho Theós GL 300,2). Dass die ausdrucksstarken Lieder von Huub Osterhuis weiter vertreten sind, darf man als Erfolg gegen Hinterwäldler hervorheben.

Zum anderen wird mit Jochen Klepper ein Liedautor gewürdigt, der es schon lange in die evangelischen Gesangsbücher geschafft hat. Seine Liedtexte wurden – zu Unrecht wie ich meine – von seiner tragischen Lebensgeschichte überschattet. Jochen Klepper (*22.3.1903 – †11.12.1942) war ein evangelischer Pfarrerssohn, Schriftsteller und Journalist – ein Grenzgänger par excellence. Wegen seiner labilen Gesundheit beendete er sein Theologiestudium nicht. Er reüssierte jedoch mit Der Vater, einem Roman über Friedrich Wilhelm I. von Preußen und mit Der Kahn der fröhlichen Leute, einem Heimatroman. Außerdem gelang es ihm, im Vorwärts und im Wochenblatt Unsere Kirche zu publizieren. Auch im neuen Medium Rundfunk konnte er Beiträge plazieren.

Nach 1933 spitzte sich für ihn und seine Familie die Lage zu. Seine Frau, die zwei Töchter mit in die Ehe gebracht hatte, galt als Jüdin. Eine Weile vermochte Klepper seine Familie zu schützen. Seiner Tochter Brigitte gelang es, vor der drohenden Deportation über Schweden nach England zu emigrieren. Nachdem eine zwangsweise Annullierung der Ehe seine Frau und seine verbliebene Tochter Renate mit der Deportation und absehbarem Tod bedrohte, verübte Klepper gemeinsam mit beiden am 11.12.1942 Suizid. Sein Grab befindet sich in Berlin-Nikolassee, unweit von seiner letzten Wohnadresse. Der letzte Tagebucheintrag vor dem Suizid von ihm lautet: „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Überdauert haben ihn vor allem seine Lieder, die ein der Moderne angemessenes Gottesbild übermitteln. Das Gotteslob hat insgesamt 6 Lieder aufgenommen, eine Bistums- und eine Länderausgabe verzeichnet sogar ein weiteres.

Trostlied am Abend

In jeder Nacht, die mich bedroht,
ist immer noch dein Stern erschienen.
Und fordert es, Herr, dein Gebot,
so naht dein Engel, mir zu dienen.
In welchen Nöten ich mich fand,
du hast dein starkes Wort gesandt.

Hat banger Zweifel mich gequält,
hast du die Wahrheit nie entzogen.
Dein großes Herz hat nicht gezählt,
wie oft ich mich und dich betrogen.
Du wußtest ja, was mir gebricht.
Dein Wort bestand: Es werde Licht!

Hat schwere Sorge mich bedrängt,
ward deine Treue mir verheißen.
Den Strauchelnden hast du gelenkt
und wirst ihn stets vom Abgrund reißen.
Wenn immer ich den Weg nicht sah:
Dein Wort wies ihn. Das Ziel war nah.

Hat meine Sünde mich verklagt,
hast du den Freispruch schon verkündet.
Wo hat ein Richter je gesagt,
er sei dem Schuldigen verbündet?
Was ich auch über mich gebracht,
dein Wort hat stets mein Heil bedacht.

In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiß.

Text: Jochen Klepper 1940
 

Ines Geipel – Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass

Was richten 1 3/4 deutsche Diktaturen in den Köpfen der ihnen Unterworfenen an? Wie wirken sich solche über Jahrzehnte und Generationen anhaltenden Repressionserfahrungen vor allen Dingen auf das Binnenklima in den Familien aus? Das könnte man als Ausgangsfragen für Geipels Buch Umkämpfte Zone formulieren.

Zur Frage wird dies mit kaum abweisbarer Dringlichkeit, als ihr der nahestehende Bruder plötzlich stirbt. Mit diesem Tod fällt noch einmal ein Licht auf die mal offen brutalen, mal subtilen Unterdrückungsmechanismen, die dieser mit der Autorin geteilt hat. Von dieser Binnenperspektive geht dann auch ihr Blick auf das größere gesellschaftliche Umfeld. Wie hängen DDR und nachfolgende Bundesrepublik-Geschichte mit der Geipel’schen Familiengeschichte zusammen?

Ein erster Blick Geipels gilt dem Gründungsmythos der DDR, oft mit dem Namen Buchenwald verknüpft. Der mit Buchenwald glorifizierte Anti-Faschismus war alles in allem – so Geipel – ein Betrug. Dies wird deutlich, wenn den im KZ Buchenwald umgebrachten 56.000 Häftlinge der mit 72 verschwindend geringe Anteil getöteter deutscher Kommunisten gegenüber gestellt wird. Das kommunistisch dominierte Kapo-System – so führt Geipel aus – konnte eben dafür sorgen, wer die gefährlichen Funktionen und wer die vor direkter Gewalterfahrung deutlich besser geschützten Verwaltungsposten übernehmen durfte. Dass hierbei die kommunistische Parallel-Lagerleitung ebenfalls Verbrechen beging, war doppelt bedeutsam. Das offizielle DDR-Narrativ nach dem Krieg musste dies um jeden Preis leugnen. Andererseits waren diese Vorfälle aber auch so gut dokumentiert, dass sie im Tauziehen zwischen den Ulbricht-Pieck-Rückkehrern aus Moskau und den zahlenmäßig deutlich überlegenen, in Deutschland verbliebenen Kommunisten als Druckmittel verwendet wurden. Wer hier aus politischer Überzeugung zu widersprechen drohte, konnte gewiss sein, mit alten Taten an’s Messer geliefert zu werden.
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Gendern Sie schon oder haben Sie sich ästhetischen Geschmack bewahrt?

In der Sache gibt es wenig zu deuteln: Sprache schafft Wirklichkeit. Wenn Frauen in Texten nicht explizit angesprochen werden und unter das in der Regel generische Maskulinum subsummiert werden, drohen sie aus der Wahrnehmung zu verschwinden. Soweit d’accord.

Die Versuche, in Zeitungen und anderen Texten dem etwas entgegen zu setzen, muten aber umständlich, ästhetisch wenig befriedigend (das ließe sich deutlicher formulieren) und von einer neuen Pedanterie besessen an. Dabei ist es fast gleichgültig, ob Frauen mit einem Binnen-I, dem Gendersternchen * oder – besonders hässlich – mit einem Doppelpunkt : einbezogen werden sollen. Sprache sollte nach meiner Vorstellung schlank sein und mit wenig Redundanzen auskommen. Die Täter:innen oder TäterInnen tragen dazu nichts bei. Es bleibt aber nicht bei typographischen Monstern, manchmal muss es auch die Schwänin oder die Gästin sein.

Ganz dankbar bin ich Elke Heidenreich, die sich gerade im Kölner Stadtanzeiger gegen angeblich gendergerechte Sprache eingesetzt hat. Vorschlag zur Güte: Alle 5 Jahre wechseln die generischen Ausdrücke: In den ersten fünf Jahren müssten sich bei dem Wort Ärztinnen auch die männlichen Ärzte mitangesprochen fühlen. Im zweiten Fünf-Jahres-Zeitraum wären bei den Taxifahrern auch die Taxifahrerinnen mitgemeint. Meinetwegen per Empfehlung (nicht: Erlass) durch die Kultusministerien geregelt.

Beispiel aus der taz