Fußangel »beinhalten«

Vier Gründe, warum beinhalten doof ist und vermieden gehört:

• Geben Sie zu, auch Sie haben jetzt Bein halten gelesen. Stellen Sie sich vor, Deutsch ist nicht Ihre Erstsprache. Sie versuchen automatisch, Sinneinheiten zu finden und kennen bereits das Wort Bein. Das werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit in diesem Unwort sehen und erst mal Bahnhof verstehen.

• Mit Recht gilt Beamtendeutsch als verpönt: Ohne Not werden aus Verben in diesem Idiom Nomen gemacht. Einige Beispiele:

„Es muss der Nachweis erbracht werden …“, „Restmüllbeseitigungsbehälter“, „Voraussetzung für die Beschäftigung des Auszubildenden in diesem Bereich sind die erfolgte Datenschutzbelehrung und die Teilnahme an der Hygieneunterweisung sowie die Unterzeichnung der entsprechenden Bestätigungen.“

Merke: Nomen sind die erstarrte Lava in der Sprache und sind nur da angebracht, wo sie auch wirklich benötigt werden. Verben hingegen sind die Frischzellenkur, um Texte so tätig und – nun ja – aktiv zu machen, wie nur Verben es nun einmal vermögen.

Von daher ist der Versuch, aus dem Nomen Inhalt das Verb beinhalten abzuleiten, die Totgeburt schlechthin. Sie werden auch aus Betonboden kein Segelboot machen wollen – oder? Dem (Pseudo-)Verb beinhalten haftet noch so viel von seiner Nomenvergangenheit an, dass es nur zum schlechten und unfruchtbaren Zwitter taugt.

• Es gibt viele Alternativen, die das Gleiche aussagen: enthalten, umfassen, aufnehmen, bestehen aus, zusammengesetzt sein aus, manchmal auch speichern.

• Es gab mal eine Zeit, da war Technisches Deutsch ein Weltstandard im Bereich Technik und Naturwissenschaften. Auch im englischsprachigen Raum wurde dies als Fachsprache gelehrt. Die Shoah und der Zweite Weltkrieg haben davon wenig übrig gelassen. Trotzdem sollte jede/r darauf bedacht sein, dass ihre / seine Muttersprache biegsam, funktional und einladend für Sprachlernende aus jedem Land wirkt. beinhalten ist wirklich nur als Fußangel brauchbar. Also lieber weglassen…

Typographie in der Süddeutschen – Leserbrief

Ich abonniere die „Süddeutsche“ seit über 10 Jahren und ich bin von deren journalistischer Qualität, die meiner Frau und mir täglich geboten wird, nach wie vor überzeugt. Was mich seit einiger Zeit stört, ist das Missverhältnis bei der Beachtung typographischer Qualitätsstandards: Einerseits wird einem Politiker wie Erdogan, der Menschenrechte und Demokratie mit Füßen tritt, das ? spendiert. (Kann man so machen, muss man aber nicht.) Andererseits hat die „Süddeutsche“ die typographischen Anführungszeichen durch die Zollzeichen “ “ ersetzt und den Gedankenstrich durch das Minuszeichen. Mir helfen beide Zeichen beim Lesen, den Text schneller zu erfassen. Sie sind im übrigen für mich, vermutlich auch für andere, ein Zeichen der Wertschätzung formaler Textgestaltung. Ich finde, es stünde der „Süddeutschen“ gut an, hier bei Inhalt und Form stimmig im Sinne eines Qualitätsblattes aufzutreten.
G. Jünger, Köln

[Post Scriptum 25.11.19: Bug, no feature: Wie mir in einem freundlichen Antwortbrief der SZ heute mitgeteilt wurde, sind die angemahnten Unschönheiten bei der Typographie nur in der Online-Ausgabe der SZ enthalten und werden als Fehler betrachtet. Diese sollten noch abgestellt werden. Wohlan!]