Kermanis Rede anlässlich des Rekrutengelöbnisses in Berlin am 20.7.26

Mit Recht ist gefragt worden, ob jeder Migrant / jede Migrantin einen positiven Beitrag zur Stadt- und Zivilgesellschaft in Köln leistet. Dazu wird im Moment unter dem Stichwort Coesfeld-Liste diskutiert. 

Ein Kölner Bürger mit migrantischen Wurzeln, der unzweifelhaft Großes für Köln und für die Gesellschaft in Deutschland beigetragen hat, ist Navid Kermani. Seine Rede zur Rekrutenvereidigung am 20.7. in Berlin gibt sehr entschieden Auskunft, wann Loyalität zu einem Gemeinwesen eben dann auch mit einer Waffe in der Hand geboten ist und wann dieser Gehorsam im Interesse von übergeordneten Menschen- und Bürgerrechten nicht mehr gilt. Deswegen hier zumindest die Hälfte dieser sehr abwägenden Rede, die auch von der FAZ und vom Stadtanzeiger in Gänze abgedruckt wurde.

Dass die Bundeswehr ihr Feierliches Gelöbnis am 20. Juli begeht, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn dieser Tag steht nicht etwa für den Gehorsam, der in einer Armee jeden Tag eingeübt wird. Der 20. Juli steht dafür, dass man Widerstand leisten muss, wenn Diensterfüllung ein Verbrechen ist. Dass jungen Menschen gleichsam mit dem Tag ihres Eintritts in die militärische Laufbahn die Tugend des Neinsagens nahegebracht wird, wäre in kaum einer anderen Armee vorstellbar und war auch bei der Gründung der Bundeswehr noch undenkbar. Denn die Attentäter des 20. Juli 1944, die wir heute gemeinsam ehren, galten den meisten Bürgern der jungen Bundesrepublik noch als Verräter. Und mochten sich die Gründerväter der Bundeswehr auch glaubhaft auf das Erbe des 20. Juli berufen, waren doch viele der neuen Soldaten bis zum bitteren Schluss der Wehrmacht treu geblieben. Sie taten sich schwer, sich plötzlich in der Nachfolge von Claus Schenk Graf von Stauffenberg zu sehen. Wie schwierig der Bruch mit der eigenen Vergangenheit war, zeigte der Streit um die Wehrmachtsausstellung.

Und so fielen die Reaktionen durchaus gemischt aus, als der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping 1999 den 20. Juli als Tag des Feierlichen Gelöbnisses festlegte. Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie wissen jetzt schon besser als ich, der nie eine Waffe getragen hat, warum es wichtig ist und im Gefecht sogar überlebenswichtig werden kann, als Soldat gehorsam zu sein. Man kann nicht jeden Befehl infrage stellen, wenn man im Krieg bestehen will, und weil das so ist, achten Armeen bereits im Frieden streng auf Disziplin, Kameradschaft und die Einhaltung der Hierarchie. Diese genuin soldatischen Tugenden haben Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, bis gestern gelernt und werden Sie von morgen an weiter lernen.

Der heutige Tag lehrt Sie etwas anderes. Er lehrt Sie, dass Sie in bestimmten Situationen Nein sagen können und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet. Die Attentäter des 20. Juli brauchten lange, zu lange, um die Lektion zu lernen. Es steht uns als Bürgern eines demokratischen und friedlichen Staates nicht zu, sie dafür zu kritisieren. Keiner von uns kann sicher sagen, er oder sie hätte sich unter denselben Umständen auch nur ansatzweise bewährt. Umso dankbarer müssen wir jenen Deutschen sein, die in der Katastrophe – und ja, manche von ihnen in der Schuld – über sich hinausgewachsen sind: nicht nur Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Friedrich Olbricht und Werner von Haeften, die heute vor 82 Jahren an diesem Ort hingerichtet wurden, und ihre etwa zweihundert Mitstreiter. Ich möchte auch an Georg Elser erinnern, an die Mitglieder der Weißen Rose, an den Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke, an Dietrich Bonhoeffer und die vielen anderen Aktivisten im Untergrund wie im Exil, die ihre Treue zu Deutschland dadurch erwiesen, dass sie untreu waren dem deutschen Staat. Wir verneigen uns vor ihnen.
Gelöbnis gilt dem demokratischen Staat

Liebe Rekrutinnen und Rekruten, das Gelöbnis, das Sie in wenigen Minuten ablegen werden, gilt nicht einem Führer. Es gilt einem demokratischen Staat und einem freien Volk. Dennoch wird es auch für Sie nicht immer einfach sein, den Punkt zu erkennen, an dem Sie Nein sagen müssen. Man soll seinem Gewissen folgen, heißt es, und das klingt auch im Ideal der Inneren Führung an, das die Bundeswehr sich gegeben hat. Allein, dieses Gewissen ist ein sehr zweifelhafter Bürge. Terroristen berufen sich ebenfalls auf ihr Gewissen, wenn sie Hunderte Menschen in die Luft sprengen, und selbst Himmler glaubte, anständig zu sein, als er in Posen über die Auslöschung des jüdischen Volkes sprach. Das Gewissen allein genügt nicht, um zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Das Gewissen braucht ein objektives Korrektiv, soll es nicht willkürlich sein. Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, besitzen ein solches Korrektiv in Gestalt unseres Grundgesetzes und der darin verankerten Grundrechte, die durch keine Mehrheitsentscheidung geändert werden dürfen. Diese Grundrechte stehen über jedem Befehl Ihres Vorgesetzten, gleich unter welchen Umständen.

Allein schon Artikel eins macht hinreichend klar, dass entwürdigende Rituale, sexuelle Belästigungen oder rassistische Äußerungen nicht mit Ihrem heutigen Gelöbnis zu vereinbaren sind und gemeldet werden müssen, sollten Sie davon Kenntnis erlangen. Nun sind Missbrauch, Willkür oder Extremismus in den eigenen Reihen vergleichsweise einfache, weil offenkundige Gründe, um Nein zu sagen. Deutlich schwieriger wird die Beurteilung in einer Gefechtslage, sagen wir bei einem Auslandseinsatz, der für viele von Ihnen eine reale Perspektive ist. Seit ihrer Gründung 1959 war die Bundeswehr in siebzig Ländern im Einsatz. Allein seit 1991 haben mehr als fünfhunderttausend deutsche Soldaten im Ausland gedient. Wen diese Zahlen überraschen, mag dies als Hinweis darauf werten, wie wenig Bewusstsein über die Arbeit der Bundeswehr in Deutschland herrscht – und wie wenig Anerkennung ihr dafür zuteilwird. Besonders für ihren größten Auslandseinsatz in Afghanistan steht die Politik in der Schuld der Bundeswehr. Denn mit dem ungeordneten Rückzug infolge der Machtübergabe an die Taliban, also praktisch der Kapitulation vor einem menschenverachtenden, frauenfeindlichen Regime, hat der Westen und damit auch Deutschland nicht nur die Millionen Afghanen und insbesondere die Afghaninnen im Stich gelassen, denen es den Wiederaufbau ihres Landes versprochen hatte.

Ich habe Afghanistan während des Krieges zweimal bereist und weiß, wie viel Dankbarkeit die lokale Bevölkerung der Bundeswehr entgegenbrachte, die deutlich weniger aggressiv und hemdsärmelig auftrat als andere ausländische Armeen. Das plötzliche und so chaotische Ende des Einsatzes hat die jahrelange, gefährliche Arbeit unserer Soldatinnen und Soldaten über Nacht zunichtegemacht. Und nicht ein einziger Repräsentant des deutschen Staates war anwesend, als ein Großteil der Truppe ratlos, deprimiert, in vielen Fällen auch traumatisiert am 30. Juni 2021 auf dem Fliegerhorst Wunstorf landete. Weil zudem die parlamentarische Aufarbeitung des Versagens im Sande verlief, steht die Afghanistan-Mission dauerhaft für die fehlende Wertschätzung und Unterstützung der Bundeswehr durch Staat und Gesellschaft. Sicher, man kann darüber diskutieren, ob der Einsatz richtig war oder nicht. Aber wenn sich die Bundesrepublik zu einem Auslandseinsatz entschließt, muss sie ihre Soldaten ausreichend ausstatten, damit sie ihren Auftrag erfüllen können. Und sie muss ihnen vor allem: danken.

Dass weder das eine noch das andere angemessen geschehen ist, erfüllt mich als Deutscher bis heute mit Scham. Aber zurück zu meiner Frage, wann der Punkt kommt, an dem Sie, liebe Rekrutinnen und Rekruten, Nein sagen können und Nein sagen müssen. Es gehört zum Wesen von Kriegen, dass sie aus dem Ruder laufen und Situationen entstehen, die niemand vorausgesehen hat. Auch deutsche Soldaten haben in Afghanistan Fehler gemacht und am 9. September 2009 in Kundus viele Dutzend Zivilisten getötet. Aber pauschal lässt sich der Einsatz gewiss nicht als Unrecht bezeichnen, das eine Befehlsverweigerung gerechtfertigt hätte. Auch für die übrigen Auslandseinsätze der Bundeswehr gab es plausible Gründe, eine parlamentarische Legitimation und in den meisten Fällen ein Mandat der Vereinten Nationen. So umstritten einzelne Missionen waren, insbesondere der Kosovo-Einsatz, lag doch in keinem Fall ein offenbares Unrecht vor, das Widerstand grundsätzlich zur Pflicht gemacht hätte, wie man es für den deutschen Angriffskrieg von 1939 sagen muss. Aber wird das so bleiben?
Deutschland ist dem Völkerrecht verpflichtet. […]

Die vollständige Rede ist unter anderem hier zu finden.

Der Terror der Abstraktion. Wie ein Anschlag auf Berliner Infrastruktur gerechtfertigt wird

Am 9.9.25 wurden durch Brandanschläge in den Berliner Stadtteilen Treptow und Köpenick ca. 50.000 Haushalte teilweise für bis zu 3 Tagen vom Stromnetz abgeschnitten. Im Klartext bedeutet das Busse und Bahnen, die nicht verkehren, Aufzüge, die ausfallen, Kühltruhen, deren Inhalt verdirbt, Beatmungsgeräte, die versagen u.a.m. In jedem Fall steht dieser Anschlag für vielfachen Eingriff in das Privatleben von Menschen in der Größenordnung einer mittleren Kleinstadt.

Das Bekennerschreiben bei indy media verdient Aufmerksamkeit, weil es die Denke der Täterinnen und Täter offenlegt. Übrigens auch nicht lesbarer als das, was RAF, Bewegung 2. Juni & Co von sich gaben. Der Text entpuppt sich mit ca. 12.000 Zeichen als kleine Fleißarbeit. Ein Kernsatz zur Rechtfertigung der Anschläge lautet: „Kritische Infrastruktur anzugreifen, bedeutet eine der Hauptadern der Unterwerfung des Menschen über den Menschen und der Natur anzugreifen.” Die böse Instanz, die die Unterwerfung von Mensch und Natur ins Werk setzt, ist also die „Infrastruktur”. Als Element dieser Infrastruktur wurde für die Attacke der ubiquitäre Strom ausgewählt. Als ließe sich Energie für das Textverarbeitungsprogramm, das die Täter mit Sicherheit für ihren Text nutzten oder mit der auch Autonome mit S- oder U-Bahn von A nach B fahren, von deren vermeintlich verwerflicher Nutzung durch böse Firmen trennen. Zu diesen zählen die Täter Atos, Astrial , die DLR, Edag, Eurovia/Vinci, Jenoptik, Rohde & Schwarz, Siemens und Trumpf. Das sind Firmen, die mit Chips arbeiten oder Luft- und Raumfahrt betreiben oder in Rüstungsherstellung involviert sind oder simple Baufirmen. Im Umkehrschluss muss aber die Frage erlaubt sein: Soll eine EU, die sich einer russischen Aggression in der Ukraine, in Georgien oder noch unterhalb der Schwelle manifester Gewalt  in Polen oder dem Baltikum gegenübersieht, einfach unterwerfen? Was die nach wie vor bestehenden Blöcke angeht, muss man den Verfasserinnen und Verfassern entweder bodenlose Naivität oder stillschweigende Übereinkunft mit Russland unterstellen.

Nachdem sich die Autorinnen und Autoren über die aus ihrer Sicht totalitäre Wirkungsweise der Gesellschaft ausgelassen haben, bleibt eine Frage unbeantwortet: Wo ist – und sei es nur ansatzweise – eine Gesellschaft oder ein Modell zu finden, die aus diesem Jammertal hinausführen? Sind da etwa Venezuela, Kuba, Russland, Nord-Korea oder China gemeint? Gott bewahre! So zu fragen ist aber mit Sicherheit für die Autorinnen und Autoren des Textes nicht statthaft: Im Zweifelsfall hat der Fragende den großen und totalitären Verblendungszusammenhang nur noch nicht wahrgenommen.  Wer aber in solcher Abstraktion lebt (formal am absoluten Übergewicht der Nomen gegenüber Verben erkennbar), ist für lebenspraktische Fragen nicht mehr erreichbar.

Was wäre zu tun? Konsequenz aus diesen Anschlägen sollte sein, dass solche Taten wie auch Anschläge auf das Bahnnetz mit deutlich höheren Strafen geahndet werden. Gleichzeitig muss kritische Infrastruktur besser gesichert werden. Erfreulich, dass die taz bei den Täterinnen und Tätern generelle Probleme mit der Moderne feststellt. Zum Schluss noch eine kleine Kostprobe für die Weltsicht des Textes:  „alle starren auf ihre Bildschirme. Unmengen Autos durchqueren die Straßen, der Blaulichtlärm erschrickt die wenigen Vögel, die über der Stadt kreisen…”. Wenn die Konsequenzen nicht so ernst wären, könnte man über diese Lyrik lachen…

Gleich um gleich gesellt sich gern

Als wäre es von irgendwelchen bösen Menschen bestellt, trafen sich auf Einladung des russischen Botschafters Egon Krenz (SED, kurzzeitig für den Exekutor der “chinesischen Lösung” gehandelt), Gerhard Schröder (immer noch SPD), Klaus Ernst (Linkspartei) und Alexander Gauland und Tino Chrupalla (AfD).*

Sollten alle fünf im Olymp der spitting images verewigt werden, ist meine Meinung. Und SPD? Immer noch keinen Anlass gefunden, Schröder aus einer Partei mit einer langen demokratischen Tradition rauszuschmeißen?

*Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/jahrestag-des-sieges-ueber-die-nazis-empfang-in-der-russischen-botschaft-li.346797

Russen in Berlin – nicht alle Russen sind Kriegstreiber

An diesem besonderen Wochenende, an dem sich der brutale Überfall auf die Ukraine zum ersten Mal jährt, habe ich am Freitag (24.2.23) in der Rochus-Kirche hier in Köln-Bickendorf ein bewegendes Konzert mit jungen Musikerinnen und Musikern aus der Ukraine gehört. Die Qualität der musikalischen Beiträge war absolut riesig und spricht dem russischen Hochmut über eine angeblich zweitrangige Ukraine auch auf diesem Gebiet hohn. Ich wünschte, alle Beteiligten könnten bald in eine sichere und unbedrohte Ukraine zurückkehren (falls sie dies wollen). Ich weiß aber auch, dass das zur Zeit ein etwas naiver Traum ist.

Trotzdem ist es wichtig im Kopf zu behalten, dass nicht alle Russinnen und Russen mit den gleichgeschalteten und einer beständigen Gehirnwäsche unterzogenen Bewohnern dieses Staates in einen Topf geworfen werden dürfen. Der Tagesspiegel hat 3 Neu-Berlinnerinen und -Berliner vorgestellt, die den Sprung nach Berlin ins kalte Wasser einem korrumpierenden Leben in Russland vorgezogen haben. Ein anderes, passendes youtube-Video aus dem Sommer füge ich hinzu.

Russen in Berlin: Sasha Andjelo

Russen in Berlin: Natalie Goldman

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Gotteslob würdigt Jochen Klepper und nimmt Lieder von ihm auf

Das Gesangsbuch für die katholische Kirche in deutschsprachigen Ländern heißt jetzt schon in der zweiten, völlig neu bearbeiteten Auflage Gotteslob. Es hat in mancherlei Hinsicht gewonnen. Die schönen Grafiken von Monika Bartholomé haben die Bleiwüste der Vorgängerversion „durchlüftet“. Dieses Buch lädt ein, auch einfach mal nur so durchgeblättert zu werden.

Noch wichtiger aber sind inhaltlich neue Dinge. Katholische Kirche zeigt sich hier mal ihrem Namen entsprechend (gr. katholikós allumfassend) offen und hat zum einen eine Anzahl fremdsprachiger Lieder berücksichtigt. Diese stammen beispielsweise aus dem englischen (Wait for the Lord GL 732), spanischen (Nada te turbe GL 813), französischen (La ténèbre GL 812) oder griechischen Sprachraum (Hágios ho Theós GL 300,2). Dass die ausdrucksstarken Lieder von Huub Osterhuis weiter vertreten sind, darf man als Erfolg gegen Hinterwäldler hervorheben.

Zum anderen wird mit Jochen Klepper ein Liedautor gewürdigt, der es schon lange in die evangelischen Gesangsbücher geschafft hat. Seine Liedtexte wurden – zu Unrecht wie ich meine – von seiner tragischen Lebensgeschichte überschattet. Jochen Klepper (*22.3.1903 – †11.12.1942) war ein evangelischer Pfarrerssohn, Schriftsteller und Journalist – ein Grenzgänger par excellence. Wegen seiner labilen Gesundheit beendete er sein Theologiestudium nicht. Er reüssierte jedoch mit Der Vater, einem Roman über Friedrich Wilhelm I. von Preußen und mit Der Kahn der fröhlichen Leute, einem Heimatroman. Außerdem gelang es ihm, im Vorwärts und im Wochenblatt Unsere Kirche zu publizieren. Auch im neuen Medium Rundfunk konnte er Beiträge plazieren.

Nach 1933 spitzte sich für ihn und seine Familie die Lage zu. Seine Frau, die zwei Töchter mit in die Ehe gebracht hatte, galt als Jüdin. Eine Weile vermochte Klepper seine Familie zu schützen. Seiner Tochter Brigitte gelang es, vor der drohenden Deportation über Schweden nach England zu emigrieren. Nachdem eine zwangsweise Annullierung der Ehe seine Frau und seine verbliebene Tochter Renate mit der Deportation und absehbarem Tod bedrohte, verübte Klepper gemeinsam mit beiden am 11.12.1942 Suizid. Sein Grab befindet sich in Berlin-Nikolassee, unweit von seiner letzten Wohnadresse. Der letzte Tagebucheintrag vor dem Suizid von ihm lautet: „Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Überdauert haben ihn vor allem seine Lieder, die ein der Moderne angemessenes Gottesbild übermitteln. Das Gotteslob hat insgesamt 6 Lieder aufgenommen, eine Bistums- und eine Länderausgabe verzeichnet sogar ein weiteres.

Trostlied am Abend

In jeder Nacht, die mich bedroht,
ist immer noch dein Stern erschienen.
Und fordert es, Herr, dein Gebot,
so naht dein Engel, mir zu dienen.
In welchen Nöten ich mich fand,
du hast dein starkes Wort gesandt.

Hat banger Zweifel mich gequält,
hast du die Wahrheit nie entzogen.
Dein großes Herz hat nicht gezählt,
wie oft ich mich und dich betrogen.
Du wußtest ja, was mir gebricht.
Dein Wort bestand: Es werde Licht!

Hat schwere Sorge mich bedrängt,
ward deine Treue mir verheißen.
Den Strauchelnden hast du gelenkt
und wirst ihn stets vom Abgrund reißen.
Wenn immer ich den Weg nicht sah:
Dein Wort wies ihn. Das Ziel war nah.

Hat meine Sünde mich verklagt,
hast du den Freispruch schon verkündet.
Wo hat ein Richter je gesagt,
er sei dem Schuldigen verbündet?
Was ich auch über mich gebracht,
dein Wort hat stets mein Heil bedacht.

In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiß.

Text: Jochen Klepper 1940
 

Dogan Akhanli – ein etwas anderer Held

Wieviele Saftsäcke der politischen Bühne erfreuen sich bester Gesundheit und dann stirbt so ein ruhiger und bescheidener Menschenrechtsaktivist und Schriftsteller… Nein, auch auf dieser Ebene geht es nicht gerecht zu in dieser Welt. Trotzdem sollten ihn alle Menschen in ihrem Herzen behalten. Dies gilt besonders für solche, die sich wie er für Frieden, Aufdeckung von Unrecht und beharrliches Widersprechen gegen gängige Lügen („Nein, in der Türkei hat es niemals einen Genozid an Armeniern gegeben”) einsetzen.

Ich habe ihn, als er noch in meinem Nachbarstadtteil Bickendorf wohnte, mal auf der Straße angesprochen und ihm meinen Respekt für sein Tun ausgesprochen. Auch per Email waren wir noch einmal in Kontakt. Shalom, Do?an Akhan?. Möge deine Person und deine Arbeit nicht in Vergessenheit geraten und von anderen Frauen und Männern fortgesetzt werden.

* Quelle des Fotos: Wikipedia-Artikel zu D. A.

Konzept für eine politische Theologie im Jahr 2021

Der Jesuit Felix Körner war vergangenen Mittwoch (24.3.21) bei der Katholischen Akademie in Berlin eingeladen, um sein Buch „Politische Religion – Theologie der Weltgestaltung: Christentum und Islam” vorzustellen. In einem fesselnden Gespräch mit Akademie-Leiter Hake konnte Körner nicht auf alle 7 Hauptkapitel gleichermaßen (1 Kultur, 2 Identität, 3 Gewalt, 4 Relativierung, 5 Schwäche, 6 Inspiration, 7 Anerkennung) innerhalb einer Stunde eingehen, verstand es aber trotzdem, wichtige Grundsätze von Christentum und Islam unter dem Blickwinkel „Politische Religion/Theologie” zu entfalten. Der Jesuit Körner, ein ausgewiesener Islam-Experte, war übrigens vor kurzem noch selbst in Berlin als Fellow am Wissenschaftskolleg und ist aktuell Professor für Dogmatik an der Gregoriana in Rom.

Welches Verständnis hat nun Körner von politischer Religion oder Theologie, die immer mal wieder auch unter einem Vorbehalt stand? Diese war z.B. in der Spätantike verdächtigt worden, einfach nur den Bestand der polis garantieren zu wollen. In den 70er und 80er Jahren hingegen musste sich eine gesellschaftskritisch verstehende Theologie z.B. eines J. B. Metz mit dem Vorwurf auseinandersetzen, den Glauben zugunsten der bloßen Hoffnung aufzugeben.

Schon im Buchtitel enthalten ist zunächst eine fundamentale Gemeinsamkeit, die Christentum und Islam teilen. Diese besteht in dem Anspruch, nicht nur die individuelle Frömmigkeit der Gläubigen fördern zu wollen, sondern die Welt insgesamt zu gestalten. Dass dies in einer pluralen Welt nicht mit einem Monopolanspruch geschehen kann, ist für Körner selbstverständlich. Seine Ausführungen umkreisen im einzelnen eine Fülle von Fragestellungen: Wie lässt sich die Tradition der Religion aneignen einschließlich deren außer-rationale Inhalte (z.B. Liturgie), ohne in einen entfremdenden und fremdbestimmten Prozess einzutreten? Wie lässt sich ausschließen, dass Religion zur Ausübung von Herrschaft und Gewalt missbraucht wird? Wie lässt sich Religion verwenden, um diese als Inspiration zu erfahren und mit ihr als Konzept im Konzert der anderen Stimmen einer pluralen Gesellschaft selbstbewusst, aber ohne Dominanzstreben aufzutreten? Wie kann die christliche Idee vom Reich Gottes so in der Außenwelt erfahrbar werden, dass sie mehr als die eigene Person umgestaltet?

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Hand-, fuß- und kopflos in Berlin

Nun gut, liebe Knall- und Querköppe, Sonderlinge, Verschrobene, Aluhüte und anderweitig Verpeilte, ihr habt am 29.8. am Gitter des Reichstags gekratzt. Das wird sicher nicht noch einmal passieren, da die Mehrheit hier dieses umkämpfte Symbol unserer Demokratie nicht mit euren Schreckgestalten verbunden sehen möchte. Vielleicht doch ein Faktencheck zu einigen eurer Behauptungen und Ideen gefällig? Wenn so etwas überhaupt noch tangiert…

• Da hat Tamara K. aus Roetgen ins Megaphon getrötet, Trump sei gerade nach Berlin gekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Dies wurde an der Höhe der geflaggten US-Fahnen und der Beleuchtung der US-Botschaft abgelesen. Sagt mal, geht’s noch?? Selbst diese Oberpfeife hat im Moment Wichtigeres zu tun und macht in den USA fleißig Wahlkampf für seine hoffentlich nicht zustande kommende Wiederwahl. Wer aber Rationalität durch Spökenkiekerei der plattesten Sorte ersetzt, dem ist jeder Anlass für die eigene und fremde Hysterie recht.

• Stichwort “verfassungsgebende Versammlung”. Nehmen wir mal wohlwollend die Zahl 58.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eure Demo in Berlin an. Bei der letzten Bundestagswahl wurden rund 61,69 Millionen Bürgerinnen und Bürger zur Wahl gerufen. Teilt man diese Zahl durch die Teilnehmerzahl von Samstag, kommt ein Bruchteil von 1/1063,62068 heraus. Mit anderen Worten: Die Anzahl der Teilnehmer an der Gesamtzahl der Wahlberechtigten liegt im Bereich von etwas mehr als einem Promille (1/1000). Das als “verfassungsgebende Versammlung” zu verkaufen hat nicht nur ein Geschmäckle von Landfriedensbruch, sondern hier wird versucht, viel Hund mit ganz wenig Schwanz wackeln zu lassen. Das wird nicht hinhauen, Leute!

• Gandhi und Regenbogenfahnen: Vermutlich die, die nicht ganz vorvorgestrig erscheinen wollten, haben Gandhi-Poster und Regenbogenfahnen mitgebracht. Ehrenwerter Versuch! Gandhi war aber ein politischer Kämpfer, der schon ein bisschen anders gestrickt war als das, wofür eure Demo steht. Vielleicht guckt ihr euch mal – als erste Annäherung – den Attenborough-Film über Gandhi an. Wie langfristig und mit wieviel Bereitschaft für persönliche Konsequenzen waren seine Kampagnen angelegt! Es ging ihm nie darum, seine Gegner vordergründig schlecht aussehen zu lassen. Vielmehr fühlte er sich dem Prinzip von Sadagraha (ein Kunstwort aus “Wahrheit” (Sat) und “Festigkeit” (Agraha), das deutlich mehr umfasst als Gewaltlosigkeit) verpflichtet. Wieviel an “Wahrheit” ist denn in den Verlautbarungen vom Samstag enthalten? Kommende Schülergenerationen werden mal im Deutsch-Unterricht lernen, diese “Verlautbarungen” Stück für Stück zu zerlegen und auf ihren hysterischen, nicht historischen, Kern zurückzuführen. (Überhaupt, am Samstag ist reichlich Foto- und Filmmaterial erzeugt worden. Irgendwann mal beim Kaffeetisch werdet ihr von euren Enkeln und Enkelinnen – vermutlich ungläubig und verlegen – angesprochen werden, was ihr euch mit eurer Teilnahme am 29.8. gedacht habt.)

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Dorotheenstädtischer Friedhof Berlin Chausseestraße


Wikipedia verzeichnet alle bedeutenden Gräber, die sich auf diesem Friedhof finden lassen. Zwei Irrtümer zu diesem Friedhof: Biermann besingt den Friedhof als Hugenottenfriedhof (W. Biermann, Für meine Genossen). Der befindet sich aber woanders. Es gibt einen zweiten Dorotheenstädtischen Friedhof in der Liesenstraße, der aber mit dem an der Chausseestraße nicht verwechselt werden sollte.

Wer ein Café in der Nähe sucht, wird direkt auf dem Friedhof hinter der Kapelle fündig: guter Kuchen, winzig und viele Bücher im Regal, die auf die Toten des Friedhofs Bezug nehmen.

Berlin ehrt Weizenbaum mit Institutsgründung

Joseph Weizenbaum, 2008 verstorben, deutsch-amerikanischer Informatiker mit jüdischem Hintergrund wird von der Berliner Senatsverwaltung dadurch geehrt, dass das neue Internet-Institut in der Hardenbergstraße, um dessen Ansiedlung verschiedene Bundesländer konkurriert hatten, seinen Namen erhält.

Weizenbaum erlebte einen Wendepunkt in seiner Informatikerkarriere, als er die völlig naive Rezeption seines Eliza-Programms – ein Simulator, aber eben auch nicht mehr für Gesprächstherapie – bei Menschen in seiner Umgebung registrierte. Weizenbaum lebte seit 1996 überwiegend wieder in Berlin, von wo seine Familie 1935 noch rechtzeitig geflohen war. Sein Hauptwerk Macht der Computer und Ohnmacht der Vernunft ist immer noch ein wichtiges Werk für eine kritische Einordnung der Informatik und die Folgen einer ungebremsten Computerisierung aller Lebensräume.

Zu diesen Themen-Bündeln soll geforscht werden: Arbeit und Innovation, Verträge und Verantwortung auf digitalen Märkten, Governance und Normsetzung, Technikwandel, digitale Bildung sowie Partizipation und Öffentlichkeit.

Das Joe-Weizenbaum-Institut wird in den nächsten 5 Jahren mit Landes- und Bundesmitteln in Höhe von 55 Millionen Euro gefördert. Mit im Boot des Instituts sitzen die Freie Universität Berlin, die Humboldt-Universität, die Universität der Künste Berlin, die TU Berlin, das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme und die Universität Potsdam.