„Es ist vorbei“ – Ungarn entscheidet sich für Europa und Demokratie

„Es ist vorbei“

Habe mich lange nicht mehr so über ein Wahlergebnis gefreut wie über die Abwahl Orbáns in Ungarn. Dass der Rechtsstaat stranguliert wurde, friends & family Orbáns sich das Geld in die Tasche schaufeln durften, wird jetzt hoffentlich vorbei sein. Die Zweidrittelmehrheit für die Partei von Péter Magyar sollte ihm gestatten, die Umwandlung Ungarns in einen autoritären und illiberalen Staat wieder rückgängig zu machen. Auch die Fürsprache von J.D. Vance hat sich als sowenig hilfreich erwiesen wie die Kungelei Orbáns mit Putin, der oft noch aus den Brüsseler Vorzimmern vertrauliche Informationen erhielt. Kein Wunder, dass sich die jungen Leute auf den berühmten Rolltreppen Budapests mit der Versicherung „Es ist vorbei“ gegenseitig abklatschten.

Jetzt gilt es, diese Zuversicht von „Es ist vorbei“ auch für die Landtagswahlen im September zu pflegen und gegen die AfD politisch nutzbar zu machen. Populisten haben den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren.

Russland ist durchgängig militarisiert

Es ist erschreckend, dass bereits 16jährige in Russland als Rüstungsarbeiter eingesetzt werden, wie n-tv am 24.3.26 berichtete.

Und hier haben schon Mitglieder der Linken Probleme, wenn sich Menschen von der Bundeswehr in Schulen vorstellen. Eine wehrhafte Demokratie kann aber (leider) auf eine Unterstützung durch die Menschen hier für eine demokratisch legitimierte und kontrollierte Armee nicht verzichten.

Quelle: n-tv, 24.3.26

„Abgerungen“ – Theaterstück zu P. Henkes in der ehemaligen Synagoge

Mit „Abgerungen“ zeigt der Freundeskreis ehemalige Synagoge Deidesheim zum zweiten Mal in kurzer Abfolge ein Ein-Personen-Stück. Diese besondere Herausforderung für einen Schauspieler meistert Bruno Lehan mit Bravour. Worum geht es in dem Stück?

Aus der Perspektive eines Schriftstellers, der Person und Motivation des Pallotinerpaters Richard Henkes untersucht, wird dessen Leben mit den wichtigsten Stationen nachgezeichnet. Henkes, 1900 im Westerwald in Ruppach geboren, teilt den Hurrapatriotismus seiner Generation im 1. Weltkrieg. Aus dem Krieg kommt er aber desillusioniert zurück und tritt 1919 in den Palottinerorden ein. Er wird Lehrer in verschiedenen Schulen des Ordens im Westerwald und in Schlesien. Eine Lebenskrise 1925, die ihn in die Nähe eines Suizids bringt, kann er ebenso wie körperliche Krankheiten meistern.

Seine eigentliche Berufung findet er in der Nazi-Zeit: Mutige Predigten und das Eintreten für einen Ausgleich zwischen Tschechen und Deutschen bringen ihm nicht nur Vorladungen der Gestapo, sondern auch 1938 eine Verurteilung ein. Nur eine Amnestie aus Anlass des Anschlusses Österreichs bewahrt ihn zunächst vor der Inhaftierung. Die bleibt ihm aber nicht erspart, als er deutlich gegen die Ermordung von Kranken im Rahmen der T4-Aktion Stellung nimmt. Im Juli 1943 wird er verhaftet und im KZ Dachau inhaftiert. Rückhalt findet er in einer Gruppe gleichfalls inhaftierter Ordensbrüder. Als Kurz vor Kriegsende 1945 in Dachau Typhus ausbricht, zögert er nicht, sich ohne diese Erkrankung in die Baracke der Typhuserkrankten einschließen zu lassen. Eine Impfung erweist sich als wenig wirksam und nach 8 Wochen Arbeit im Dienste der Leidenden tötet die Krankheit P. Richard Henkes am 22. Februar 1945.

Dieser Tod wird im Stück durch ein lautes Türeknallen verdeutlicht. Vorher war Lehan von der Bühne abgegangen und hatte den Raum verlassen. Das Publikum applaudierte lang anhaltend.

Neben Lehan muss der Autor des Stückes, Boris Weber, gewürdigt werden. Ihm gelingt es nicht nur, eine Vermittlungsfigur in Form eines Schriftstellers einzuführen. Dieser befragt eben nicht nur sich, sondern – an diese gewandt – auch die Zuschauer nach der innersten Motivation der Figur Richard Henkes. Dessen Credo „Einer muss es ja sagen“ ist wie der Titel des Stückes sperrig. Auf diese Weise wird Henkes uns, die eher Themen wie „nächster Urlaub“ beschäftigen, in seinem absoluten Einsatz für seine Sache vielleicht nicht vertraut, aber doch lebendig. Den Mittelpunkt des Stückes bildet die Predigt „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“. Lehan deutet die Predigt an, indem er auf ein Podest steigt. Diese ist ein beeindruckendes Manifest und ein klares Zeugnis gegen nationalsozialistischen Ideen von höher- und minderwertigen Menschen. Sie ist geradezu ein Fanal, wie aus christlichem Verständnis heraus der Einsatz für die Randständigen und Verachteten nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten ist. Allein um dieses Textes / dieser Predigt willen, lohnt sich ein Besuch von „Abgerungen“.

Was bleibt? Der Freundeskreis erweitert mehr als 80 Jahre nach der Shoah sein Themenspektrum sinnvoll. Die Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden wird in einen größeren Zusammenhang eingebettet, wie Ausgrenzung funktioniert und wie Gegenkräfte mobilisiert werden können. Das kann ein Rückgriff auf die 48er Revolution sein oder – wie jüngst – die Dokumentation von christlichem Widerstand im Dritten Reich. Ein guter Weg.

Ukraine-Unterstützung braucht langen Atem — was sonst?

Vielleicht muss man dies zugestehen: Nach 4 Jahren Angriffskrieg auf die Ukraine sind nicht wenige hier müde geworden, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Dabei bleibt wahr, dass die Ukraine mit ihrer zahlen- und kräftemäßig so unterlegenen Position gerade mit den gezeigten Entbehrungen und Verlusten auch uns hier in Mitteleuropa verteidigt. (Es gibt glücklicherweise auch in der SPD, z.B. mit Ex-Bundespräsidenten Joachim Gauck, Menschen, deren Solidarität die Taurus-Lieferung an die Ukraine einschließt. Unser SPD-Lokalmatador Rolf Mützenich zieht es vor, weiter den Kopf in den Sand zu stecken.)

Hier in Köln sammelten sich vorgestern Abend deutlich weniger Menschen auf dem Roncalli-Platz als noch vor einem Jahr. Besonders gut gefallen hat uns die grüne Vize-Ministerpräsidentin Mona Neubaur mit entschiedenen Worten. Danke, Dom-Forum, dass ihr wieder die ukrainischen Farben gezeigt habt.

In dieser Situation tut es gut, dass es jetzt mal ein Musikvideo von TT und Ed Sheeran gibt, das gute Stimmung und Mut trotz ernstem Thema macht (s. oben).

Im übrigen gilt:
• Geld für die Ukraine spenden, z.B. dem Blau-Gelben Kreuz, aber unbedingt auch den Portalen für Waffenspenden
• nicht nach Ungarn oder in die Slovakei fahren mit ihrer Anti-Ukraine-Haltung
• in das USAr…lochland fahren wir ohnehin nicht

ICE-A marschiert mit ruhig festem Schritt

Diese Zuschreibung haben sich die ICE-Leute gut verdient: 5jährige Kinder wegsperren, Leute unter Vorwänden aus dem Haus locken, Leute umbringen und sich in der Anonymität versteckt halten… Wer weiß, was sie sonst noch der USA auf dem Weg zu einem autoritären Staat bescheren.

A London Diary – NS-Opfern ein Gesicht geben

Selbstbildnis von Lili

Meine Mutter hatte in ihrer Grundschule zahlreiche jüdische Mitschülerinnen. Man schrieb das Jahr 1931 und so etwas wie ein Hitler-Deutschland schien ziemlich weit weg. Das suggerieren jedenfalls die Bilder der Geburtstagsfeier von Lili Cassel. Meine Mutter wurde übrigens exakt einen Monat vor Lili geboren.

Was kam, ist allen bekannt: Unterdrückungsmaßnahmen, Ausschluss von den den meisten Berufen, willkürliche Verhaftungen und Ermordungen und schließlich systematische Vernichtung aller Jüdinnen und Juden. Familie Cassel hatte diese Entwicklung vorausgesehen und konnte erreichen, dass Lili gemeinsam mit ihrer Schwester nach den Novemberprogromen 1938 nach England auswanderte. Auch den Eltern gelang die Flucht nach England, von dort später mit den Kindern in die USA.

Wie rasch und auf welch hohem Niveau Lili (mit 15 !) sich mit ihrer neuen Umgebung in England und speziell in London auseinandersetzte, zeigt das jetzt als Buch zugängliche A London Diary. Kein Wunder, dass Lili später als Lili Cassel-Wronker eine Karriere als Illustratorin und Typographin gelang. Und es berührt einen, wie unbefangen Lili Gasmasken malt, um dann zu schreiben: „Ich hoffe nur, dass sie [die Menschen] sie nie brauchen werden.”

einige Seiten aus dem Tagebuch

Unser Vermächtnis in Deutschland ist (gestern war Holocaust-Gedenktag), zumindest mit allem, was vertriebene Jüdinnen und Juden hinterlassen haben, auf ihr Schicksal eindringlich hinzuweisen. Und energisch aller Ausgrenzung, wo immer sie geschieht, jetzt und in Zukunft zu widerstehen.

 

Lili Cassel-Wronker, A London Diary.Vorwort von Ursula Krechel, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2025, 22 €

Requiem für eine marode Brücke – ein besonderes Theaterstück im Kolumba

während einer Probe

An manchem muss Köln schwer tragen: Bauprojekte wie Oper oder Miqua, die jeden Zeit- und Kostenrahmen sprengen, einem Kardinalfehler, einer noch nicht verheilten U-Bahn-Wunde, der Selbstbesoffenheit der Kölner, einem Stadtrat, der für klein-klein steht …. Einerseits. Andererseits ist Köln aber immer wieder in der Lage, verblüffend Neues und Originelles zu schaffen. Wie jetzt bei einer Kooperation quer über normalerweise getrennte Einrichtungen und Milieus hinweg deutlich wurde.

Es geht um die Aufführung des Stücks „Requiem für eine marode Brücke” im Kolumba. Zusammen kommen das Schauspiel Köln, das Kolumba als Austragungsstätte, der Domchor und der Experimentalchor Köln. Und heraus kommt ein Theatererlebnis der besonderen Art, das bei Besucherinnen und Besuchern noch lange nachhallen dürfte.

Der Inhalt kann grob umrissen werden mit der Frage, wie kann und soll der öffentliche Raum gestaltet werden. Wem wird Priorität eingeräumt? Den Autos, Männern, die motorisiert zur Arbeit müssen oder Grünflächen und kleinräumigen und nachbarschaftlichen Strukturen, die die Bedürfnisse von Frauen und Kindern in den Blick nehmen. Aber auch Wohnraum ist ein Thema: Wie können beispielsweise ältere Menschen sicher und leichter aus zu großen Wohnungen in kleinere Wohneinheiten gelangen, um Platz für Familien mit Kindern zu schaffen?

Auf der Ebene der musikalischen Inszenierung ragt der Chor „Denn wir haben hier keine bleibende Statt” aus Brahms „Deutschen Requiem” heraus. Vorgetragen wird er von den jungen Sängerinnen und Sängern des Domchors. Er hebt mit Worten aus dem Hebräerbrief die Frage nach den Umständen, unter denen wir leben, auf eine metaphysische Ebene.

Was dieses Stück besonders macht, ist die Kreativität und das spielerische Moment, mit denen die Ausstellungsstücke des Kolumba einbezogen werden. Die Kugelbahn von Manos Tsangaris wird so zum Sinnbild für die Kanalisation. Oder die großformatigen Bilder von Anna und Bernhard Blume erläutern die neun Planungsschritte der imaginären HAIO.

Überhaupt die Verwaltungsordnung HAIO. Sie soll – wie von der überragenden Hasti Molavian als Juristin erläutert – Planungsprozesse in der Stadt rational gestalten.* Im Subtext dient diese Ordnung vorwiegend dazu, Verantwortlichkeit zu kollektivieren und letztlich zu atomisieren und Kostenangaben zu streamlinen. Jedem Kölner und jeder Kölnerin werden dazu reale Vorgänge in der Stadt einfallen.

Hier bei der Inszenierung dieses Irrsinns darf aber auch gelacht werden. Die Absurditäten des aufgespreizten Planungsprozesses lassen kaum eine andere Reaktion übrig. Von einem zum nächsten Augenblick wechselt dann die Juristin zu einer gewaltigen Gesangseinlage. Diese endet passend im von Terry Fox (einem Hausheiligen des Kolumba) entlehnten Geknödel und Gewürge der Sängerin, eine passende Metapher für Planungsprozesse nicht nur in Köln. Großes Kino!

Dieser Teil des Spiels wird dann fortgeführt, indem das Publikum in den Zentralraum 13 des Kolumba geführt wird. Das Schlusstableau ist der diskursive Teil des Stückes. Benjamin Höppner nennt einige Stichworte, wie Stadt zukünftig gestaltet werden soll: Nutzung des öffentlichen Raumes durch wen und mit welcher Priorisierung? Und Transformation des bestehenden Zustands zu einem, in dem Grünflächen und Plätze Menschen zum Aufenthalten einladen. In einer solchen Stadt sind auch Libellen oder Frösche ein Thema. Dazu passt der an die Decke geworfene Dschungelhimmel. Hier kommt noch einmal der Experimentalchor zum Einsatz. Er steuert Klänge und Töne bei, wie sie ein solcher Lebensraum hervorbringen könnte.

Ob es sich bei diesem Requiem nun um ein simples Theaterstück handelt oder eine Oper oder ein Mysterienspiel, mögen zukünftige Studierende untersuchen. Es bleibt in jedem Fall ein Spiel für alle Sinne, das dem Thema Stadtplanung und Partizipation eine völlig neue Facette verleiht. Das schönste Geschenk hat sich der scheidende Leiter des Kolumba, Stefan Kraus, damit selbst gemacht. Neben ihm ist Regisseurin Anna-Sophie Mahler zu nennen, die der Theaterkunst ein neues Kapitel hinzufügt.

Weitere Termine für dieses besondere Stück im neuen Jahr. Eine positive Würdigung findet sich in der Süddeutschen, die Dorfzeitung aka Kölner Stadtanzeiger war überfordert und badet in Defizitorientierung. Suum cuique…

*Das Thema Stadtplanung und Architektur in der Stadt war bereits in der Jahresausstellung Liebe deine Stadt von 2022/23 Thema.

Biermann in Köln, die zweite

Wie kann man mit fast 89 noch die Anstrengungen eines Konzertes stemmen? Wolf Biermann wählte am 1.11.2025 im Tanzbrunnen unweit der legendären Sporthalle vom seinem ersten Konzert in Köln einen klugen Ansatz: Angesagt von seiner charmanten Frau Pamela bestritten andere Künstlerinnen und Künstler, auf die ein oder andere Art mit Biermann verbunden, diese Hälfte.

Knallig los ging es mit der Band Van Holzem aus Ulm, die das Thema Hoffnung / Hoffnungslosigkeit auf ihre Art interpretierte. Gitarristin Nora Buschmann (Jg. 1969) begeisterte mit lateinamerikanischen Stücken und konnte auf die Gespräche im Elternhaus verweisen, die sich in der DDR aus Biermanns Ausbürgerung ergaben. Ein Heimspiel war dann der Auftritt von Wolfgang Niedecken, der von Mike Herting am Flügel begleitet wurde. Später waren noch Campino und Kuddel von den „Toten Hosen” am Zug mit einer überzeugenden Version der „Ermutigung”.

Dann schaltete sich Biermann in den Auftritt ein mit der Ballade vom „Preußischen Ikarus”. Er beherrscht die Gitarre nach wie vor meisterlich und seine Stimme lässt keinen fast Neunzigjährigen vermuten. Die „Bilanzballade im dreißigsten Jahr” brachte dann Günter Sommer und Uli Gumpert, ausgewiesene Jazzer, ins Spiel. Sommer wusste zu berichten, wie er das Schlagwerk, das er bei der Aufnahme von Biermanns LP verwendete, unter den Augen der Stasi in die Chausseestraße 131 schaffen konnte. Biermanns Korrekturen an Günter Sommer beim Reenactment dieser Aufnahme zeigten die zickige und weniger sympathische Seite von Biermann.

Alles in allem war es ein lohnendes Konzert von diesem Großmeister des politischen Liedes in Deutschland. Und Biermann zum zweiten Mal bei einem Konzert in Köln zu erleben, ist ein Erlebnis, um es den Enkeln zu erzählen. Biermann hat viele Einflüsse aufgenommen und Impulse weitergegeben. Insgesamt ist er mit seiner Lebensspanne von 1936 bis heute ein Stück deutscher Geschichte auf zwei Beinen. Überzeugend für mich sein Motto „Nur wer sich ändert / bleibt sich treu”. Dass er überhaupt noch da sei, sprach Biermann am Ausgang des Konzertes mehr zu sich selbst. Das war sicher eine sehr ehrliche Aussage.