gemeinsam #besserweiter

Ein paar Menschen gibt es offensichtlich in diesem Land, die immer mal wieder gute Ideen aushecken. Zu diesen Ideen gehörte für mich das BesserWeiter-Ticket, das die DB und andere Verkehrsbetriebe vom 13.9. bis zum 26.9.21 anboten. Mit Hilfe dieses Tickets war es möglich, in ganz Deutschland mit (fast) allen Verkehrsmitteln kostenlos rumzufahren. Ausgenommen waren ICEs und andere überregionale Züge. Voraussetzung für das Ticket: Ein Abo bei einem örtlichen Verkehrsbetrieb.

Mich hat diese Möglichkeit dazu inspiriert, das Main-Tal surfend zu erkunden. Sehr nett, Fotos hier. Meine Bereitschaft, das eigene Auto abzuschaffen, steigt kontinuierlich. Getränkekästen lassen sich auch anders heranschaffen.

Noch ein paar Wünsche für die Zukunft: bitte mehr Transparenz, in welchen Streckenabschnitten z.B. bei der Mittelrheinbahn das Ticket nicht gilt. Mehr Publicity für solch ein Ticket: Wir alle wollen doch den Individualverkehr vermindern.

Ines Geipel – Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass

Was richten 1 3/4 deutsche Diktaturen in den Köpfen der ihnen Unterworfenen an? Wie wirken sich solche über Jahrzehnte und Generationen anhaltenden Repressionserfahrungen vor allen Dingen auf das Binnenklima in den Familien aus? Das könnte man als Ausgangsfragen für Geipels Buch Umkämpfte Zone formulieren.

Zur Frage wird dies mit kaum abweisbarer Dringlichkeit, als ihr der nahestehende Bruder plötzlich stirbt. Mit diesem Tod fällt noch einmal ein Licht auf die mal offen brutalen, mal subtilen Unterdrückungsmechanismen, die dieser mit der Autorin geteilt hat. Von dieser Binnenperspektive geht dann auch ihr Blick auf das größere gesellschaftliche Umfeld. Wie hängen DDR und nachfolgende Bundesrepublik-Geschichte mit der Geipel’schen Familiengeschichte zusammen?

Ein erster Blick Geipels gilt dem Gründungsmythos der DDR, oft mit dem Namen Buchenwald verknüpft. Der mit Buchenwald glorifizierte Anti-Faschismus war alles in allem – so Geipel – ein Betrug. Dies wird deutlich, wenn den im KZ Buchenwald umgebrachten 56.000 Häftlinge der mit 72 verschwindend geringe Anteil getöteter deutscher Kommunisten gegenüber gestellt wird. Das kommunistisch dominierte Kapo-System – so führt Geipel aus – konnte eben dafür sorgen, wer die gefährlichen Funktionen und wer die vor direkter Gewalterfahrung deutlich besser geschützten Verwaltungsposten übernehmen durfte. Dass hierbei die kommunistische Parallel-Lagerleitung ebenfalls Verbrechen beging, war doppelt bedeutsam. Das offizielle DDR-Narrativ nach dem Krieg musste dies um jeden Preis leugnen. Andererseits waren diese Vorfälle aber auch so gut dokumentiert, dass sie im Tauziehen zwischen den Ulbricht-Pieck-Rückkehrern aus Moskau und den zahlenmäßig deutlich überlegenen, in Deutschland verbliebenen Kommunisten als Druckmittel verwendet wurden. Wer hier aus politischer Überzeugung zu widersprechen drohte, konnte gewiss sein, mit alten Taten an’s Messer geliefert zu werden.
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Vom Achtsamkeitsgeschwurbel

Es geht ein Ruf wie Donnerhall. Nun Donnerhall?? Da sei Gott vor. Sagen wir besser: Es geht ein Ruf mit unablässigem Gesäusel: Sei achtsam, Achtsamkeit, ACHTSAMKEIT herrgottsakramentnochmal. Keine Minute ohne Achtsamkeit, achtsam hier, achtsam dort. Zeitung lesen und Brötchen essen?? Igitt, wie unachtsam ist das denn! Du nimmst ja das Weizenkorn und alle anderen Zutaten im Brötchen nicht wahr und ernst. Hinter allem ein Ruf zu Single-Tasking, eins hinter dem anderen. Multitasking ist für die Dumpfbacken und grobschlächtige wie grobstoffliche Zeitgenossen. Auch Anerkennung für das gegenwärtig Vorhandene und Respekt vor aller Kreatur werden mit dem Begriff Achtsamkeit eingefordert. An dieser Stelle lässt sich allerdings kaum widersprechen.

Aber hier komme ich nicht mit: Die Verbissenheit und der kuhäugige Blick, mit dem die Forderung nach Achtsamkeit in die Welt kommt, atmet viel vom Geist einer Ersatzreligion. Ich gebe zu: Ich habe schon – im hohen Maße unachtsam – Mücken erschlagen, bei zuvielen Fruchtfliegen den Staubsauger angeschmissen und Silberfische gemeuchelt.

Auf Normalmaß geschrumpft ist ja der Forderung nach Aufmerksamkeit (engl. mindfulness) für andere und für sich durchaus Sympathie entgegen zu bringen. Wir sind ja tatsächlich in vielem unseren Lebensumständen entfremdet, zünden uns die Hütte, die uns Wohnung sein soll, gerade über dem eigenen Kopf an.
Also Aufmerksamkeit, meinetwegen auch in den kleinen, scheinbar unwichtigen Kleinigkeiten des Alltags und erst recht in den leider globalen Fragen. Auch dem eigenen Körper mehr Aufmerksamkeit entgegen zu bringen, hätte mich vor der ein oder anderen Torheit bewahren können. Aber bitte nicht diese stilisierte, imperative und in Ideologie umschlagende Achtsamkeit, manchmal mit hysterischem Falsett vorgetragen und häufig mit moralischem Schiefblick eingefordert. Grrrrh!

Eine gute Kritik des Begriffs mindfulness von Ronald Purser fand ich übrigens hier.

Der digitale Enkeltrick

Ungefähr einmal pro Woche, manchmal aber auch mehrere Tage lang in rascherer Abfolge, erhalten wir Anrufe des Typs Hello, this is xy from Microsoft…. An dieser Stelle haben die verehrten Damen und Herren dann allerdings unsere Geduld genug strapaziert und wir legen auf.

Was wollen diese Menschen? Eine Freundin von uns war entgegen kommender und hat sich auf diesen Dialog eingelassen. Bevor die Täter allerdings dann Schadsoftware (Ransomware) – quasi unter Aufsicht und mit Zustimmung der Freundin – auf dem Rechner plazieren konnten, war zum Glück die Tochter der Familie präsent. Die Internetverbindung wurde noch rechtzeitig gekappt, bevor Schlimmeres passieren konnte.

Mein Gegenmittel lautet: Ankommende Rufnummer auf die Liste der gesperrten Rufnummern setzen. Das verhindert weitere Anrufe nicht, macht es aber zumindest lästiger für die Kriminellen.

Wie geht ihr / wie gehen Sie mit solchen Anrufen um? Ich bin vermutlich kaum der einzige, der solche Anrufe erhält.

Siehe auch “Mit der „Microsoft-Masche“. Wie Telefonbetrüger Kölner um fast 250.000 Euro bringen”

Gendern Sie schon oder haben Sie sich ästhetischen Geschmack bewahrt?

In der Sache gibt es wenig zu deuteln: Sprache schafft Wirklichkeit. Wenn Frauen in Texten nicht explizit angesprochen werden und unter das in der Regel generische Maskulinum subsummiert werden, drohen sie aus der Wahrnehmung zu verschwinden. Soweit d’accord.

Die Versuche, in Zeitungen und anderen Texten dem etwas entgegen zu setzen, muten aber umständlich, ästhetisch wenig befriedigend (das ließe sich deutlicher formulieren) und von einer neuen Pedanterie besessen an. Dabei ist es fast gleichgültig, ob Frauen mit einem Binnen-I, dem Gendersternchen * oder – besonders hässlich – mit einem Doppelpunkt : einbezogen werden sollen. Sprache sollte nach meiner Vorstellung schlank sein und mit wenig Redundanzen auskommen. Die Täter:innen oder TäterInnen tragen dazu nichts bei. Es bleibt aber nicht bei typographischen Monstern, manchmal muss es auch die Schwänin oder die Gästin sein.

Ganz dankbar bin ich Elke Heidenreich, die sich gerade im Kölner Stadtanzeiger gegen angeblich gendergerechte Sprache eingesetzt hat. Vorschlag zur Güte: Alle 5 Jahre wechseln die generischen Ausdrücke: In den ersten fünf Jahren müssten sich bei dem Wort Ärztinnen auch die männlichen Ärzte mitangesprochen fühlen. Im zweiten Fünf-Jahres-Zeitraum wären bei den Taxifahrern auch die Taxifahrerinnen mitgemeint. Meinetwegen per Empfehlung (nicht: Erlass) durch die Kultusministerien geregelt.

Beispiel aus der taz

Ganz tief ins Klo gegriffen

Lieber Jan-Josef Liefers,

Sie haben offenbar den Versuch unternommen, die Borniertheit und Blasiertheit Ihrer Filmfigur Professor Boerne zu übertreffen. Ich kann feststellen, das ist Ihnen vorzüglich geglückt. Chapeau!

Was mich wundert ist, dass Sie bei der großen Demonstration am 4. November 1989 in Berlin nach meiner Erinnerung ganz vernünftige Sachen gesagt haben. Das waren aber wohl bloße Jugendsünden. Vielleicht sollten Sie Ihren Horizont auch mal ein wenig weiten, indem Sie sich eine Dokumentation zum Klinikalltag in der Charité in ihrem Kampf gegen Covid-19 ansehen. Wenn das nicht hilft, wäre sicher ein 5-Tage-Praktikum in einem beliebigen Krankenhaus mit Pfanne-Schieben und Urin-Flaschen-Leeren von Nutzen. Seien Sie versichert, das erdet.

Vielleicht fällt es anschließend schwerer, so selbstgerecht und scheinbar über das Parteiengezänk erhaben sich die bundesrepublikanische Welt zurecht zu machen. Beim nächsten Mal bitte erst nachdenken, dann quatschen.

freundliche Grüße

G. Jünger

Buddha in Bad Dürkheim

Wer auf der Suche nach einem Feriendomizil in der Pfalz eine ganze Zahl von Wohnungen besichtigt hat, kommt um eine Erfahrung nicht herum: Statt Kruxifix im Eingangsbereich oder Engel über dem Ehebett gibt es nicht selten Buddha-Abbildungen oder -Figuren zu sehen. An einer nicht unwichtigen Stelle hat sich offenbar für viele etwas deutlich geändert: Traditionelle Orientierung am Christentum raus, fernöstliche Buddha-Optik (oder mehr?) rein.

Was bringt Leute dazu – habe ich mich gefragt – sich zumindest äußerlich dieser Weltanschauung zuzuwenden? Dass sie eine honette Religion (Heinrich Heine) sei, lässt sich übrigens bezweifeln, da sie keinen transzendentalen Gott kennt.

Auf der Suche nach Antworten lässt sich Verschiedenes erwägen. Die erste Antwort ist vermutlich eine negative Bestimmung. Die Imprägnierung durch ein auch kulturell und gesellschaftlich etabliertes und damit sichtbares Christentum ist für viele Menschen ausgeblichen. Was nützen die Kirchtürme und das Glockenläuten oder die Heiligenbilder bei der Oma, wenn das gelebte Christentum nur an wenigen Stellen und durch wenige glaubhafte Leute beeindruckt? Christentum hat es dazu noch schwer – ein selbst gemachtes Problem – durch den Skandal um sexualisierte Gewalt positiv zu erscheinen. Das alles hinterlässt eine Leerstelle, wenn Krankheit oder Wissen um die eigene Endlichkeit, auch Kontingenzerfahrung genannt, bohren.

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Online-Handel versus stationärer Handel: Beispiel Rasiererzubehör

Grundsätzlich möchte ich gerne den stationären Handel fördern: Verödete Innenstädte mit 1-Euro-Läden und Wettbüros sind nicht meine Marke.

Vorhin musste ich aber doch schlucken: Das Ersatzteilpaket für meinen Braun-Rasierer kostet in einem Lädchen in der Schweizer Ladenstadt hier in Köln mit 34,95 € ziemlich genau das Doppelte des Online-Preises. Hier wäre das Gleiche für 17,99 € zu haben gewesen. (Da ist das Porto allerdings noch nicht berücksichtigt.)

Beim nächsten Mal werde ich vielleicht erst mal versuchen, den Preis runterzuhandeln…

Wie mit Leid umgehen?

Diese Frage gehört sicher zu denen, die sich irgendwann im Leben für jede und jeden stellen. Meine Hochachtung bei der Beantwortung dieser Herausforderung gehört Samuel Koch. Er hatte vor 10 Jahren in der Gottschalk-Sendung Wetten, dass… einen Sprung über mehrere Autos gewagt und sich dabei die Wirbelsäule schwerwiegend verletzt. Er ist seitdem vom Hals abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl.

Koch hat es aber verstanden, als Schauspieler und im Privatleben durch ungewöhnliche Mittel ein Maximum an selbstgestaltetem Leben zurück zu gewinnen. So hat er beispielsweise als Schauspieler den Faust aufgeschnallt auf Mephisto gespielt und so eine Rollenperformance gegeben, die sicher in die Theater-Geschichte eingehen wird. Auch bei seiner Hochzeit hat er zu ungewöhnlichen Mitteln gegriffen: Weil er die feste Überzeugung besaß, einen Hochzeitswalzer mit seiner Frau tanzen zu müssen, wurde eine entsprechende Hilfskonstruktion gebaut. An ein Drahtseil über eine Hängekonstruktion gekettet, konnte er den Eröffnungstanz tun.

Kein Mensch wünscht sich Lernprozesse dieser Art, die brutal mit dem Holzhammer erfolgen. Manchmal kommt man aber um (im günstigsten Fall weniger) dramatische Ereignisse im Leben nicht herum. Im besten Fall lehren sie einen Demut und Freude an dem, was trotzdem noch geht, was war und wie man sich neue Gestaltungsmöglichkeiten schafft. Christen und Christinnen, zu denen auch Samuel Koch gehört, haben – wenn es gut läuft – einen leichteren Zugang zu Demut. Hut ab vor Ihnen, Samuel Koch.

Ein Interview aus der Süddeutschen Zeitung mit ihm findet sich hier und ein kleiner youtube-Film hier. Eine sehr eindrucksvolle Foto-Text-Reportage , ist leider nur im SZ-plus-Format verfügbar. Und hier noch ein früheres SZ-Interview.

*This image (siehe oben) was originally posted to Flickr by Medienmagazin pro at https://flickr.com/photos/41251841@N08/7175557516. It was reviewed on 29 December 2015 by FlickreviewR and was confirmed to be licensed under the terms of the cc-by-sa-2.0.