Hand-, fuß- und kopflos in Berlin

Nun gut, liebe Knall- und Querköppe, Sonderlinge, Verschrobene, Aluhüte und anderweitig Verpeilte, ihr habt am 29.8. am Gitter des Reichstags gekratzt. Das wird sicher nicht noch einmal passieren, da die Mehrheit hier dieses umkämpfte Symbol unserer Demokratie nicht mit euren Schreckgestalten verbunden sehen möchte. Vielleicht doch ein Faktencheck zu einigen eurer Behauptungen und Ideen gefällig? Wenn so etwas überhaupt noch tangiert…

• Da hat Tamara K. aus Roetgen ins Megaphon getrötet, Trump sei gerade nach Berlin gekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Dies wurde an der Höhe der geflaggten US-Fahnen und der Beleuchtung der US-Botschaft abgelesen. Sagt mal, geht’s noch?? Selbst diese Oberpfeife hat im Moment Wichtigeres zu tun und macht in den USA fleißig Wahlkampf für seine hoffentlich nicht zustande kommende Wiederwahl. Wer aber Rationalität durch Spökenkiekerei der plattesten Sorte ersetzt, dem ist jeder Anlass für die eigene und fremde Hysterie recht.

• Stichwort “verfassungsgebende Versammlung”. Nehmen wir mal wohlwollend die Zahl 58.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eure Demo in Berlin an. Bei der letzten Bundestagswahl wurden rund 61,69 Millionen Bürgerinnen und Bürger zur Wahl gerufen. Teilt man diese Zahl durch die Teilnehmerzahl von Samstag, kommt ein Bruchteil von 1/1063,62068 heraus. Mit anderen Worten: Die Anzahl der Teilnehmer an der Gesamtzahl der Wahlberechtigten liegt im Bereich von etwas mehr als einem Promille (1/1000). Das als “verfassungsgebende Versammlung” zu verkaufen hat nicht nur ein Geschmäckle von Landfriedensbruch, sondern hier wird versucht, viel Hund mit ganz wenig Schwanz wackeln zu lassen. Das wird nicht hinhauen, Leute!

• Gandhi und Regenbogenfahnen: Vermutlich die, die nicht ganz vorvorgestrig erscheinen wollten, haben Gandhi-Poster und Regenbogenfahnen mitgebracht. Ehrenwerter Versuch! Gandhi war aber ein politischer Kämpfer, der schon ein bisschen anders gestrickt war als das, wofür eure Demo steht. Vielleicht guckt ihr euch mal – als erste Annäherung – den Attenborough-Film über Gandhi an. Wie langfristig und mit wieviel Bereitschaft für persönliche Konsequenzen waren seine Kampagnen angelegt! Es ging ihm nie darum, seine Gegner vordergründig schlecht aussehen zu lassen. Vielmehr fühlte er sich dem Prinzip von Sadagraha (ein Kunstwort aus “Wahrheit” (Sat) und “Festigkeit” (Agraha), das deutlich mehr umfasst als Gewaltlosigkeit) verpflichtet. Wieviel an “Wahrheit” ist denn in den Verlautbarungen vom Samstag enthalten? Kommende Schülergenerationen werden mal im Deutsch-Unterricht lernen, diese “Verlautbarungen” Stück für Stück zu zerlegen und auf ihren hysterischen, nicht historischen, Kern zurückzuführen. (Überhaupt, am Samstag ist reichlich Foto- und Filmmaterial erzeugt worden. Irgendwann mal beim Kaffeetisch werdet ihr von euren Enkeln und Enkelinnen – vermutlich ungläubig und verlegen – angesprochen werden, was ihr euch mit eurer Teilnahme am 29.8. gedacht habt.)

Zwei Nachrichten zum Schluss, wie so oft, eine positive, eine negative. Sich zu verrennen ist – wenn man denn irgendwann innehält und seine Position überdenkt – menschlich. Von daher ist jede und jeder willkommen, die nach dem Innehalten vielleicht doch noch zu der Erkenntnis kommt, dass Masken und soziale Distanzierung nicht das Übel schlechthin sind. Sie sind vielmehr vorübergehend notwendige Maßnahmen, die niemand als allgemeine Spaßbremse verordnen möchte und verordnet hat. Die aber, Empirie-Checker angeschaltet, Deutschland einen Zustand eingebracht haben, eher von Covid-19 gekratzt als mit voller Wucht getroffen worden zu sein. Umkehren, Christinnen und Christen könnte hier das Wort “metanoia” einfallen, ist von daher Zeichen von Weisheit und Mut. Und definitiv eine Option…

Nun die schlechte Nachricht: Covid-19 wird kein Phänomen bleiben, das wir irgendwann mal überwunden haben und mit einem lauten “Puh” in den Schrank für historisches Gerümpel ablegen können. Covid-19 ist das Vorspiel zu Covid-xx (wobei “xx” für 27, 31, was weiß ich, stehen wird). Das verdanken wir der enormen Plastizität von Viren und unserem westlichen Lebensstil mit Vielfliegerei und Okkupation auch der letzten Lebensräume. (Das wäre jetzt – zugegeben – aber ein anderer Artikel.) Von daher tun wir doppelt gut daran, wenn wir mit ein wenig Distanz und kühlem Kopf uns unsere Situation vergegenwärtigen. Hysterie und Alarmismus sind da schlechte Ratgeber.

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