Vigil – spannende Mini-Serie auf arte

Loben bringt mehr als Sanktionieren. Alte Pädagogenweisheit. Hoffen wir mal, dass auch das Öffentlich-Rechtliche durch beständiges Loben und Hervorheben des Positiven den Anteil von gelungenen Filmproduktionen im Vergleich zu der schnarchlangweiligen Dauerkost steigert.

Heute gibt es eine spannende Serie von arte anzuzeigen, die dieser Sender von der bbc übernommen hat. Vigil spielt in Schottland auf einem U-Boot und – parallel zu der Haupthandlung – ebendort an Land. Amy, Ermittlerin, wird beauftragt, einen mysteriösen Todesfall an Bord eines Trident-U-Boots zu untersuchen. Sie muss dabei mit ihren Klaustrophobieattacken zurecht kommen, die auf einen familären Schicksalsschlag zurückgehen. Ihr gegenüber steht die rothaarige Kirsten. Beide Frauen sind oder waren ein Paar. Davon zeugt eine völlig unkitschig-schöne Liebesszene, die mit Musik von Novo Amor unterlegt ist. (Wer’s genau wissen will: Folge 4/6, etwa bei 48:26.) Auch eine Entdeckung.

Ansonsten lebt die Serie Vigil nicht nur von der besonderen Location eines U-Boots, sondern auch von den internationen Verwicklungen. Das U-Boot soll nämlich in jedem Fall unentdeckt bleiben vor den Nachstellungen russischer Boote, aber auch eines amerikanischen U-Boots. Daneben sind die Darstellerinnen hervorragend. Außer den beiden Frauen sind auch Garry Lewis (ein Wiedersehen nach Billy Elliot) und Paterson Joseph als Kapitän des U-Boots erwähnenswert.

In der Mediathek von arte noch eine Weile vorgehalten. Die Folgen 4 bis 6 werden in Kürze ausgestrahlt.

Tipps zu Recherche-Arbeiten bei T4-Ermordeten?

Die Mitteilung an die Mutter des Ermordeten

Ein Verwandter von mir wurde im Februar 1941 in Hadamar im Rahmen der sogenannten T4-Aktion hingerichtet. Er wurde im Jahr 1907 im Westerwald geboren. T4 stand übrigens für die Berliner Tiergartenstraße 4, unter deren Adresse die reichsweit angelegten Tötungsaktionen organisiert wurden.

Das Schema, das in Hadamar verfolgt wurde, sah so aus: Die dorthin Verfrachteten wurden gleich bei ihrer Ankunft untersucht, um die später vorgegebene angebliche Todesursache halbwegs stimmig klingen zu lassen. Anschließend wurden sie in Gaskammern geführt, ermordet und zum Schluss in Krematorien verbrannt. Die Angehörigen erhielten einen nichtssagenden Brief mit einer erfundenen Todesursache.

Glücklicherweise sind auch diese Ermordeten inzwischen als Opfer anerkannt und werden erinnert. Für meinen Verwandten soll in seiner Heimatgemeinde in diesem Sinne ein Stolperstein verlegt werden.

Was mir und uns vor dieser Gedenkaktion noch fehlt sind Hinweise, wie sich der Aufenthalt des Verwandten vor seiner Hinrichtung nachweisen lässt. Er hat zu dieser Zeit in einem Kloster im Westerwald als Gärtner gearbeitet. Möglicherweise lässt sich dieser Raum sogar auf den Umkreis von Montabaur eingrenzen. Vier Klöster in diesem Raum habe ich bereits angeschrieben, ohne bislang aussichtsreiche Informationen erhalten zu haben.

Da ich nicht der Erste bin, der so eine Recherche-Arbeit angeht, hoffe ich von den Erfahrungen anderer profitieren zu können. Meine Fragen dazu:

• Ist es aussichtsreich, irgendwo Meldeunterlagen aus der Zeit von 1921 bis 1941 greifen zu können? Falls ja, wo werden diese vorgehalten?
• Sind Schulabschlüsse und Schulaufenthalte in der Regel erfasst? Ich habe eine Schule aus dem fraglichen Raum angeschrieben, um Vorgängerschulen zu ermitteln. Wo wären dann, wenn die Schule des Verwandten nicht mehr existiert, möglicherweise vorhandene Unterlagen weitergereicht worden?
• Wie weit hat Sozialversicherung auch Leute erfasst, die in einem Kloster gearbeitet haben? Wo sind aus damaliger Zeit vielleicht vorhandene Unterlagen heute zugreifbar?
• Die Nazi-Tötungsmaschinerie ließ es sich nicht nehmen, auch noch über die Ermordeten peinlich genau Buch zu führen. Sind weitere Unterlagen außer diesen Briefen nach vollzogener Ermordung in Hadamar zu erwarten?

Über Hinweise, auch Literaturhinweise, wie sich weitere Informationen beschaffen lassen, würde ich mich sehr freuen. Hierzu ließe sich die Kommentarfunktion meines Blogs benutzen oder die Email-Adresse “hennef_mann(at)gmx.de”.

Schneller als die Angst – Fernsehen mal spannend und attraktiv

Friederike Becht als Sunny

Es geht mir wahrscheinlich nicht alleine so: Vieles von dem, was das Öffentlich-Rechtliche an Filmen produziert, ist schnarchlangweilig und kann nicht wirklich überzeugen. Schön, wenn es Ausnahmen wie jetzt mit dem Sechsteiler „Schneller als die Angst” (ARD) gibt.

Der Plot zerfällt in zwei Teile: Die junge Kommissarin Sunny vom LKA Magdeburg steigt nach einer Auszeit, die ihre Vergewaltigung erzwungen hat, wieder in den Dienst ein. Sie hat begründet die Vermutung, einen ihrer eigenen Kollegen der Tat zu verdächtigen. Handlungsstrang II dreht sich um André Haffner, einen wahlweise charmanten, dann wieder durchtriebenen und brutalen Frauenmörder. Gespielt wird Haffner von Felix Klare, der als Herr Botz im Stuttgarter Tatort im Vergleich zu dieser Krimiserie nur Fingerübungen verrichtet, quasi Pille-Palle. Sunny, dargestellt von Friederike Becht, fällt gegenüber Klare in keiner Weise ab. Ihre Panikattacken und ihr Schwanken zwischen dem Wunsch, sich mit den Kolleginnen und Kollegen gemein zu machen, und ihrem Misstrauen werden glaubhaft dargestellt. Auch die weiteren Rollen halten da Schritt: der von allen erst mal ausgegrenzte Thorsten („Brandenburg”), dargestellt von Andreas Döhler, oder der direkte Vorgesetzte Ralf alias Thomas Loibl.

Schneller Schnitt und viele Nahaufnahmen sorgen für den nötigen Drive. Von solchen Krimis gegen Routine und 08/15-Muster gerne mehr.

Hier ein Link auf die Folge 1 des Sechsteilers. Die ARD-Webseite spricht von einer Pilot-Serie. Eine Fortsetzung wäre prima.

Wanderer, kommst du nach…

Wanderhütte mit den Angeboten

Süchterscheid, so berichte den Dortigen…?!

Lassen wir das mit dem Bildungsgerümpel und noch mal in Prosa: Wandern überhaupt, also auch im Siegtal, macht Spaß, aber auch hungrig und durstig. Wer die Pfalz durchwandert, findet im 15-km-Abstand fast überall eine Hütte oder Gelegenheit zur Einkehr. So weit sind wir im Siegtal noch nicht.

Die Hütte (roter P.) befindet sich in westlicher Richtung auf dem Weg nach Blankenberg

Aber Süchterscheid! Der Bio-Laden Hüsgen hat es sich nicht nehmen lassen, für die bedürftigen Wanderer einen einladenden Rastplatz bereit zu stellen. Dieser langt allemal für den kleinen Durst und Hunger. Das Prinzip ist Freiwilligkeit: Jede und jeder bedient sich an heißem Wasser, Kaffee-Extrakt oder Tee und den leckeren Plätzchen und hinterlässt anschließend in der Porzellan-Spardose einen angemessenen Beitrag. Auch Getränke wie z.B. eine leckere Radler-Limonade stehen bereit.

Herzlichen Dank an den Bio-Laden Hüsgen.

Öffnungszeiten: Die Wanderhütte steht winters wie sommers am Wochenende mit den oben beschriebenen Angeboten zur Verfügung. Auch außerhalb dieser Zeit lassen sich die Sitzgelegenheiten in und vor der Hütte benutzen. In diesem Fall muss dann selbst etwas mitgebracht werden. Einkehrmöglichkeiten in der Nähe für den größeren Hunger finden sich in Süchterscheid direkt an der Kirche und in Blankenberg (Restaurant Zum Alten Turm, Haus Sonnenschein, Panorama Café).

„Noch ist Polen nicht verloren” ̶ ̶ ??

„Noch ist Polen nicht verloren” sangen republikanisch gesinnte Menschen in Europa, als sich die Polen 1830 gegen die russische Fremdherrschaft vergeblich erhoben. Auch zu anderen Zeiten war Polen sich der Sympathien sicher: 1980 leiteten die Streiks auf der Danziger Werft – angeführt von Solidarność – den späteren Zusammenbruch des Ostblocks mit ein. Auch als ein Jahr später das Kriegsrecht in Polen eingeführt wurde, stand die westliche Linke in Deutschland mehrheitlich den Oppositionellen in Polen bei.

Und heute? Polen, seit 2004 EU-Mitglied, scheint Homophobie in den Rang einer Staatsdokrin erheben zu wollen und versucht schon seit einigen Jahren, die Richterschaft zu knebeln. Da die EU darauf besteht, dass die EU-Verträge, die Polen unterzeichnet hat, auch eingehalten werden, droht demnächst ein Zwangsgeld von 1,5 Millionen Euro täglich.

Dies vor Augen holt Herr Kaczyński den nationalistischen Hammer raus und spricht von Reparationen, die Deutschland noch zu leisten habe. Auch der Ruf nach einem EU-Austritt wird lauter.

Ich finde, dass die EU nun gefordert ist: Sie darf nicht nur das Mündchen spitzen, sie muss auch pfeifen. Pfeifen auf ein Polen, das die Klub-Regeln der EU offensichtlich missachtet. Frau Merkel, gestern verabschiedet, hat sich immer bemüht, Polens Regelverstöße gegen EU-Recht irgendwie einzufangen. Wer das aber als Aufforderung missversteht, auf diesem Weg unbeirrt weiter zu machen, muss jetzt ein deutliches Stop-Signal vermittelt bekommen.

Liebe Polinnen und Polen, wenn ihr eurem Vize-Ministerpräsidenten Kaczyński und seiner PiS-Datei ins Abseits folgen wollt: Bitte sehr. Vielleicht nehmt ihr auch gleich noch Ungarn mit und macht euren eigenen Verein auf. Wer Menschenrechte, eine offene Presse und freie Sender nicht verträgt und mitträgt, kann in der EU nicht bleiben. Sie ist mehr als ein Wirtschaftsverein, in dem es um die Maximierung der eigenen ökonomischen Vorteile möglichst auf Kosten der anderen geht. Die Rückkehr unter anderen Umständen ist genauso wenig wie für das UK ausgeschlossen.

Gotteslob würdigt Jochen Klepper und nimmt Lieder von ihm auf

Das Gesangsbuch für die katholische Kirche in deutschsprachigen Ländern heißt jetzt schon in der zweiten, völlig neu bearbeiteten Auflage Gotteslob. Es hat in mancherlei Hinsicht gewonnen. Die schönen Grafiken von Monika Bartholomé haben die Bleiwüste der Vorgängerversion „durchlüftet“. Dieses Buch lädt ein, auch einfach mal nur so durchgeblättert zu werden.

Noch wichtiger aber sind inhaltlich neue Dinge. Katholische Kirche zeigt sich hier mal ihrem Namen entsprechend (gr. katholikós allumfassend) offen und hat zum einen eine Anzahl fremdsprachiger Lieder berücksichtigt. Diese stammen beispielsweise aus dem englischen (Wait for the Lord GL 732), spanischen (Nada te turbe GL 813), französischen (La ténèbre GL 812) oder griechischen Sprachraum (Hágios ho Theós GL 300,2). Dass die ausdrucksstarken Lieder von Huub Osterhuis weiter vertreten sind, darf man als Erfolg gegen Hinterwäldler hervorheben.

Zum anderen wird mit Jochen Klepper ein Liedautor gewürdigt, der es schon lange in die evangelischen Gesangsbücher geschafft hat. Seine Liedtexte wurden – zu Unrecht wie ich meine – von seiner tragischen Lebensgeschichte überschattet. Jochen Klepper (*22.3.1903 – †11.12.1942) war ein evangelischer Pfarrerssohn, Schriftsteller und Journalist – ein Grenzgänger par excellence. Wegen seiner labilen Gesundheit beendete er sein Theologiestudium nicht. Er reüssierte jedoch mit Der Vater, einem Roman über Friedrich Wilhelm I. von Preußen und mit Der Kahn der fröhlichen Leute, einem Heimatroman. Außerdem gelang es ihm, im Vorwärts und im Wochenblatt Unsere Kirche zu publizieren. Auch im neuen Medium Rundfunk konnte er Beiträge plazieren.

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Kölner Synagoge in der Glockengasse visualisiert – 9.11.2021

Wahrscheinlich ist diese neue Form der Erinnerungskultur an die Shoah unumgänglich, wenn die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wegsterben. (Ich denke hier besonders an die Opfer, die Täter sind meistens wenig auskunftsfreudig.) Der Architekt und Dozent Marc Grellert (TU Darmstadt) hat seine Erfahrungen mit Antisemitismus in eine besondere Aktion umgesetzt. Er hat es sich gemeinsam mit einer Projekt-Gruppe zur Aufgabe gemacht, durch die Visualisierung einer Reihe deutscher Synagogen dem Vergessen etwas entgegenzusetzen. Fast alle Synagogen waren bekanntlich im Novemberprogrom 1938 von den Nazis zerstört worden. Selten, dass Bürgerinnen und Bürger in den Städten und Dörfern Deutschlands diesem Treiben etwas entgegen gesetzt hätten.

Eine besonders prächtige Synagoge stand in Köln in der Glockengasse dort, wo heute die Oper steht. Sie war im 19. Jahrhundert im sogenannten maurischen Stil nach Plänen des Dombaumeisters Zwirner errichtet worden. Finanziert hatte sie Freiherr von Oppenheim. Auch diese Synagoge brannte am 9.11.1938. Eine Tora-Rolle von dort wurde, nachdem sie durch einen katholischen Priester nach dem Anschlag beiseite gebracht werden konnte, nach dem Krieg der neuentstandenen Synagogengemeinde übergeben.

Am Gedenktag des Novemberprogroms bestand nun in Köln die Gelegenheit, die Visualisierung der zerstörten Synagoge auf einer Großleinwand in der Nähe ihres früheren Ortes zu sehen. Besonders eindrücklich war, mit 3D-Brillen den Innenraum und das Äußere der Synagoge erkunden zu können.

Vier weitere Fotos von mir finden sich hier.

„Lieber Thomas“ – Film zu Thomas Brasch jetzt im Kino

Die Brüder Brasch – Thomas, Klaus, Peter

Zu den wenigen Dingen, die man an der DDR positiv hervorheben kann, gehören die Enfants terribles, die sie hervorgebracht hat. Der rotlackierte Obrigkeitsstaat hat eben einen enorm großen Widerstand im Namen von Selbstbestimmung und Freiheit verursacht. Namen, die mir hier einfallen: Volker Braun, Wolf Biermann, Florian Havemann, Sascha Anderson, Nina Hagen und sicher auch Thomas Brasch.

Diesem ist ein fulminanter Film gewidmet, der seit letztem Donnerstag in den Kinos läuft. „Lieber Thomas”, in sieben Kapitel gegliedert, vermittelt zunächst wichtige Stationen auf dem Weg des späteren Schriftstellers und Regisseurs. Einem braven Biopic entkommt der Film aber dadurch, dass Braschs Geschichte auf’s Engste mit deutscher Zeitgeschichte verschränkt ist. (Andreas Kilb hat in seiner Besprechung des Films in der FAZ daraus den entgegen gesetzten Vorwurf abgeleitet, dass der Film weder der privaten noch der öffentlichen Ebene gerecht werde.) Der Film zeigt Thomas zunächst in einer Kadettenanstalt, die er allerdings bald wieder verlassen darf. Hierfür sorgt sein Vater Horst Brasch, als stellvertretender Kultusminister hoch in der DDR-Nomenklatura angesiedelt. Vater Horst und Sohn Thomas erscheinen trotz des karriereabträglichen Endes dieser Schullaufbahn in dieser Phase als miteinander verbunden. Der Bruch mit der eigenen Herkunftsfamilie, beide Eltern als Juden und Kommunisten im englischen Exil gewesen, vollzieht sich erst später drastisch. Der Vater denunziert den Sohn bei den Staatsorganen wegen dessen Teilnahme an Protesten gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Thomas wird verhaftet und landet im Gefängnis. Kurze Zeit später wird er zur „Bewährung in der Produktion” entlassen.

Parallel hierzu entwickelt sich Thomas als fast schon besessener Schriftsteller. Das wilde Schreibmaschinengeklapper ist im Film der basso continuo seiner frühen Jahre und transportiert seine ungezügelte Energie. Dann greift die Zeitgeschichte ein zweites Mal machtvoll ein: Im November 1976 wird Wolf Biermann nach seinem Konzert in Köln die Staatsbürgerschaft der DDR entzogen. Die Proteste dagegen führen im Jahr 1976 schließlich dazu, dass Brasch im gleichen Jahr mit seiner Freundin Katharina Thalbach nach West-Deutschland ausreist. Dort hat er zwar seinen literarischen Durchbruch mit „Vor den Vätern sterben die Söhne” [sic!], ist aber – abgenabelt von der alten Umgebung – im Westen niemals heimisch geworden.

Der Film zollt mit seinen Schwarz-Weiß-Bildern dem bekanntesten Film von Brasch, „Engel aus Eisen” (1980) Tribut und überzeugt vor allen Dingen durch seine Darsteller und Darstellerinnen. Albrecht Schluch gibt einen Brasch, der als Wortberserker und Umgetriebener sich niemals mit Vorgefundenem anfreundet. Dieser Darsteller ist eine Wucht! Aber auch die anderen Akteure im Film halten da mit. Bemerkenswert ist ebenfalls die Filmmusik, die einen breiten Bogen von Bach über Cool Jazz bis Punk aufspannt. Unbedingt sehenswert.

Wer weitere Hintergründe der Familie Brasch kennenlernen möchte, kann auf Filmschnipsel seiner Schwester Marion Brasch zurückgreifen. Sie hat im Buch („Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie”) und in diversen Interviews Zeugnis von dieser besonderen Familiengeschichte gegeben.

P.S.: Ein spannendes Interview mit dem Regisseur Andreas Kleinert und eine Filmbesprechung in der taz.

Doğan Akhanlı – ein etwas anderer Held

Wieviele Saftsäcke der politischen Bühne erfreuen sich bester Gesundheit und dann stirbt so ein ruhiger und bescheidener Menschenrechtsaktivist und Schriftsteller… Nein, auch auf dieser Ebene geht es nicht gerecht zu in dieser Welt. Trotzdem sollten ihn alle Menschen in ihrem Herzen behalten. Dies gilt besonders für solche, die sich wie er für Frieden, Aufdeckung von Unrecht und beharrliches Widersprechen gegen gängige Lügen („Nein, in der Türkei hat es niemals einen Genozid an Armeniern gegeben”) einsetzen.

Ich habe ihn, als er noch in meinem Nachbarstadtteil Bickendorf wohnte, mal auf der Straße angesprochen und ihm meinen Respekt für sein Tun ausgesprochen. Auch per Email waren wir noch einmal in Kontakt. Shalom, Doğan Akhanlı. Möge deine Person und deine Arbeit nicht in Vergessenheit geraten und von anderen Frauen und Männern fortgesetzt werden.

* Quelle des Fotos: Wikipedia-Artikel zu D. A.

Gebetsruf in Deutschland – Unterdrückung von Christinnen und Christen in der Türkei. Offener Brief an Frau Reker

Sehr geehrte Frau Reker,

ein Muezzin-Ruf zum Freitagsgebet in den Moscheen wird in Köln ausgesprochen kontrovers diskutiert. Ich möchte dazu Stellung nehmen und auf Punkte hinweisen, die bislang wenig Beachtung fanden.

• Islam in Köln ist im wesentlichen türkisch und sunnitisch geprägt. Die meisten hiesigen Moscheen stehen unter der Leitung der DITIB. Diese wiederum ist Befehlsempfängerin der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Diese Abhängigkeit hat zu einer Reihe hässlicher Vorfälle geführt: Bespitzelung von muslimischen Gläubigen, Instrumentalisierung der Moscheen in den Auseinandersetzungen mit der Gülen-Bewegung, Lobpreisungen in den Moscheen für militärische „Heldentaten” u.a.m.

• Auch die Einweihung der Ehrenfelder Großmoschee, die ja eigentlich ein Willkommen der Stadt für die hiesigen Muslime darstellen sollte, ging – Sie werden sich erinnern – drastisch daneben. Eine Einladung an Sie und andere Repräsentanten der Zivilgesellschaft wurde „vergessen”. Der ehemalige Bürgermeister Schramma hat hier deutlich davor gewarnt, diese unfreundliche Haltung der DITIB nun in besonderer Weise durch eine einseitig positive Haltung der Stadt Köln zu honorieren (KStA 16./17.10.21).

• Vollständig unbegreiflich wird Ihre sogenannt „liberale” Haltung der türkisch-muslimischen Gemeinde gegenüber, wenn die Verhältnisse für Christen und Kirchen in der Türkei gegen die in Deutschland gewährte Religionsfreiheit gehalten werden. Prinzipien wie Menschenwürde, Freiheit (lat. libertas) oder Religionsfreiheit sind universell. Wer sie in Anspruch nimmt, muss wechselweise genau so handeln. Diese Prinzipien müssten daher im Gegenzug auch anderen, nicht-muslimischen Relgionsgemeinschaften in der Türkei eingeräumt werden. Davon kann dort allerdings überhaupt keine Rede sein (s.u.).

Ich bitte Sie daher dringend, den DITIB- und anderen türkisch geprägten Moscheen keinen Muezzin-Ruf zu gestatten und es bei der bisherigen Regelung zu belassen. Sollte sich in einigen Jahren die Situation von Christinnen und Christen in der Türkei grundlegend zum Besseren wenden, ließe sich über den Gebetsruf noch einmal neu nachdenken.

Stellen Sie sich vor: Deutsche Muslime sähen sich nur einem Bruchteil der einschränkenden und unterdrückerischen Maßnahmen gegenüber, die Christen und Christinnen in der Türkei zu ertragen haben. Das Geschrei wäre ohrenbetäubend. Wo soll der Sinn liegen, in dieser Situation türkisch-dominierte Moscheegemeinden noch zu hofieren?

mit freundlichen Grüßen

G. Jünger

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