Den Tisch teilen, aber nicht das Bett

Christinnen und Christen weht zur Zeit ein rauher Wind um die Nase. Das hat mit der sattsam bekannten zögerlichen Bearbeitung des Skandals um sexualisierte Gewalt zumal hier im Kölner Bistum zu tun. Gott sei Dank gibt es mehr zum Thema Christentum, mit dem sich die Beschäftigung lohnt und die positive Seite des Christentums ins Licht rückt. Ein Beispiel ist der Diognet-Brief – etwa aus dem Jahr 190 n. Chr. – der ein erstaunlich selbstbewusstes und hoch-attraktives Christentum demonstriert: Gerade die Gastfreundschaft brachte der Untergrundreligion Christentum vor der Konstantischen Wende viele neue Anhänger.

Der unbekannte Verfasser, der an seinen Adressaten Diognet schreibt, macht deutlich, wie sich Christen selbst verstehen und wie sie – ohne sich von ihren Nachbarn krampfhaft abzusondern – anders leben. Eben etwa durch die oben genannte Gastfreundlichkeit, die sie den Tisch, aber nicht das Bett teilen lässt. Einige weitere Merkmale des Selbstverständnisses und der Lebensweise hier in Listenform:

• Christinnen und Christen setzen Neugeborene und Menschen mit Behinderung nicht aus.

• Sie leben mit allen, aber nicht wie alle, denn sie sind nicht zuletzt auch Bürger des Himmels.

• Sie werden geschmäht, setzen aber andere nicht herab, sondern segnen sie.

• In ihrer Langmütigkeit und Freundlichkeit streben sie ihrem Gott nach, so dass sie sich in dieser Eigenschaft Gott ähnlich zeigen.

Es lohnt sich, diesen Brief einmal komplett zu lesen. Er ist nur unvollständig erhalten und kann mit 15 Minuten Lesezeit aufgenommen werden. Der Brief im griechischen Original oder in deutscher Übersetzung. Danke für den Hinweis, Professor Lutz.

Holocaust-Gedenktag

Schön ist es nicht, an das heute erinnert werden muss: Am 27.1.1945 erreichten russische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz und konnten zumindest einige wenige Jüdinnen und Juden vor der Vernichtung bewahren. Es ist aber konstitutiv für die Bundesrepublik Deutschland, dass dieser beispiellose Genozid nicht relativiert oder sogar als Fliegenschiss in der deutschen Geschichte (Gauland, AfD) verharmlost wird, sondern erinnert wird. Das soll kein weiteres mal geschehen, weder hier noch sonstwo.

Erfreulich, dass auf meiner Straße in Köln-Ehrenfeld heute jemand den Stolperstein poliert hatte und eine Rose und eine Kerze zur Erinnerung gefunden hatte.

Im Bundestag erinnerten eine sehr alte Jüdin und eine sehr junge an dieses Ereignis: Charlotte Knobloch und Marina Weisband. Jüdische Menschen verwenden übrigens eher den Begriff Shoah.

Zuwarten und Aussitzen ist keine Lösung – Woelki und kein Ende

Die leidige Diskussion um die Verantwortung der Bistumsspitze im Skandal um sexualisierte Gewalt in der Kölner Diözese geht leider weiter. Letzte Stationen waren ein völlig unzulässiger Vergleich von NS-Propaganda und der kritischen Berichterstattung über die Kölner Kirche in den lokalen Medien durch Weihbischof Puff. (KStA 23./24.1.2021)

Davor konnte man beobachten, wie der unbotmäßige Pfarrer Koltermann, der den Rücktritt von Kardinal Woelki gefordert hatte, auf Linie gebracht werden sollte. Die Kirchenleitung muss dabei mehr und mehr eine Erfahrung machen: Solche Versuche gehen regelmäßig nach hinten los. Die Kirchengemeinde des Pfarrers aus Dormagen hat sich hinter ihn gestellt, die versuchte Maßregelung musste zurückgenommen werden. Viele weitere katholische Christinnen und Christen haben sich solidarisiert. Es gab dazu eine weiter fortgeführte Online-Petition (s.u.) Wer ein Kirchenbild à la 50er Jahre aufrecht erhalten möchte, liegt schief.

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Dem Meyerhoff verfallen

Mein Zugang zu Meyerhoff

Alles begann mit einem Geburtstagsgeschenk: Hamster im hinteren Stromgebiet klang zwar als Titel merkwürdig, aber die von Meyerhoff aus erster Hand beschriebenen Erfahrungen mit Schlaganfällen konnte ich mühelos mit entsprechenden Erlebnissen in der Familie verknüpfen. Meyerhoff benutzt aber seine Erlebnisse nicht etwa zu ausgestelltem Selbstmitleid, sondern verwendete Sprache von Anfang an und schon in der Krankheit, im Krankenhaus als Distanzwaffe und Bewältigungsstrategie. Das fand ich spannend. Dazu kam viel Lokalkolorit mit diesem unglaublichen Wiener Schmäh und Schilderungen von den Anforderungen einer Patchwork-Familie. Schon gewusst, was ein von Jungmannen gerne angestrebter Fümriss ist? Bei Meyerhoff lässt es sich nachlesen. Statt kompletten Buchbesprechungen, hier noch Aspekte zu den anderen beiden Büchern, die mich ansprachen.

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war –– Für mich vor allem ein Vaterbuch. Das Erzähler-Ich in der Zeitspanne vom Erstklässler bis zum Mitzwanziger. Die Schilderungen beziehen sich fast ausschließlich auf das Leben in und mit der vom Vater in Schleswig geleiteten Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg. Das abendliche Schreien der Patienten wird vom kleinen Josse nicht im mindesten als bedrohlich, sondern als beruhigender Soundtrack vor dem Einschlafen erlebt. Der Vater – unausgesprochener Mittelpunkt des Romans – wird als einerseits den Patienten und vor allem den Kindern zugewandter Patriarch beschrieben, der in praktischen Dingen aber immer wieder verlässlich und grotesk scheitert: Beim Abnehmen, beim Erwerb von Segelboot und Segelschein oder beim Dauerlauf. Immer wieder gewinnt Meyerhoff den Vorkommnissen viel Witz ab, ohne die Beschriebenen als defizitär zu brandmarken. Die Familie bleibt auch von tragischen Vorfällen nicht verschont: Der mittlere Bruder stirbt und die Familie bricht auseinander, als der Vater sich einer jüngeren Frau zuwendet. Als eine Krebserkrankung diesen auf den Boden der Tatsachen zurück bringt, kommt die ausgezogene Ehefrau zurück, um den Mann zu pflegen. In dieser Notsituation erlebt das Erzähler-Ich die Eltern zum ersten Mal tatsächlich als Paar, als er sich zu ihnen an’s Bett setzt: »Seltsam«, dachte ich, »das sind deine Eltern. Deine schlafenden Eltern. Du hast immer nur Vater und Mutter gehabt, aber niemals Eltern.« Der Vergeblichkeitsmodus des Romantitels kommt nicht von ungefähr: Familiengeschichte geschildert im nachträglich aufgedeckten Scheitern, aber auch mit ihren zum Brüllen komischen Aspekten und Momenten großer Innigkeit. Eine berührende Familiengeschichte.

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Osman Kavala weiter grundlos in Haft

Von Janbazian - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=78366735Der türkische Mäzen und Kulturförderer Kavala wurde zwar erst im Februar 2020 im sogenannten Gezi-Prozess freigesprochen. Noch im Gericht wurde er jedoch erneut verhaftet und sah sich dieses Mal beschuldigt, am Putschversuch gegen Erdogan vom Juli 2016 beteiligt gewesen zu sein. Irgendwelche Beweise dazu wurden nicht vorgelegt. Ein Antrag an das Verfassungsgericht der Türkei, den Fall Kavalas erneut zu verhandeln, wurde gerade mit 8 zu 7 Stimmen abgelehnt.

Damit versucht der türkische Staat erneut, via einer willfährigen Justiz einen Menschen zum Schweigen zu bringen, der eher weiche Themen besetzt und von den Menschen seiner Umgebung als ungewöhnlich zuvorkommend und freundlich beschrieben wird*. Wer jedoch wie Kavala das schwierige Unterfangen betreibt, an den Völkermord an den Armeniern in der Türkei oder den Umgang mit Kurden zu erinnern, macht sich bei Erdogan und seinen Chargen äußerst unbeliebt. Ein probates Mittel, solche Leute zu deckeln: Untersuchungshaft und noch mal Untersuchungshaft, dann irgendwann mal ein Prozess. Erdogan, Putin, Lukaschenka tun sich beim Umgang mit Dissidenten nicht viel.

Wer noch Hoffnung auf die Entwicklung einer Zivilgesellschaft in der Türkei setzt, sollte Kavalas Namen nicht vergessen. Auf Twitter gibt es eine Petition zur Freilassung von Osman Kavala

Beim Thema Zivilgesellschaft in der Türkei sollte auch Can Dündars Name genannt werden: Er wurde kürzlich sogar zu 27 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zum Glück befindet sich der ehemalige Journalist von Cumhuriyet in Berlin, von wo er seine Arbeit fortführt.

*Anthony Barnett entschuldigt sich in einem Artikel über Kavala, dass er eine Charakterisierung von O. Kavala vorlegt, die man sich normalerweise für einen Nachruf aufspart:  “There are those who try to be good. There are those who are good. And there is Osman Kavala, who is in a league of his own. I have never known anyone as virtuous.” 

 

 

Von Irland lernen

Als Irland-Aficionados verfolgen wir natürlich auch, was sich in unserer 2. Heimat in Covid-19-Zeiten tut. Zuerst muss man feststellen, dass Irland mit sehr harten Maßnahmen im Herbst die Erkrankungszahlen deutlich senken konnte: Lebensmittelgeschäfte sind vormittags in bestimmten Zeiten für ältere Menschen reserviert, Pubs und Restaurants haben geschlossen oder sind auf Take-Away beschränkt, der Bewegungsradius ist auf 5 Kilometer um den Wohnort beschränkt (mit Ausnahmen), das Leben ruht weitgehend. Das Ergebnis ist dieses:

Sicher trägt zu solch’ einer rigiden Politik auch bei, dass das irische Gesundheitssystem ziemlich mau ist. Keine/r liegt Wert darauf, in einem irischen Krankenhaus oder einer Ambulanz behandelt zu werden, wenn es um ernsthafte Erkrankungen geht.

Wie besonnen und klug aber der Umgang mit Covid-19 sonst noch ist, lässt sich bei der Irish Times unter dem Stichwort Lives Lost beobachten. Vielleicht geht es leichter in einem kleinen Land, dass das individuelle Leben höher geachtet und die Menschen, die es geführt haben, entschiedener wertgeschätzt werden. Zu sehr vielen Gestorbenen schreibt diese führende Zeitung des Landes einen kleinen Lebenslauf mit Kurzbeschreibung, Lebensdaten und einem Foto. Keine/r bleibt unbedacht.

Vielleicht wären die Nicht- und „Quer“denker in diesem Land anders unterwegs, wenn sie mitbekämen, wer auch aus ihrer Generation gestorben ist und wessen Geschichte besonders berührt. Von „Quer“-Denkern in Irland ist mir jedenfalls nichts bekannt.

PS 31.12.20: Inzwischen sehen die Zahlen für Irland deutlich ungünstiger aus. Möglicherweise ist die neue Virus-Mutation aus dem UK dafür verantwortlich.

Positiv: Der Tagesspiegel hat das Vorbild der Irish Times aufgegriffen. Auch hier finden sich inzwischen Mini-Porträts der Verstorbenen, mit denen diese der Anonymität der großen Zahl entrissen werden. Von solcher Wertschätzung gerne mehr…

Brexit: Eine Mogelpackung ist eine Mogelpackung ist eine Mogelpackung

Boris Johnson hat 2016 eine Weile überlegt, welches Projekt ihm persönlich am meisten Fortkommen verschaffen würde: Ein Vorstoß zu mehr britischem Gewicht innerhalb der EU oder ein Frontalangriff auf die EU. Es kam – wie wir inzwischen wissen – zu der „Vote Leave”-Kampagne. Ein griffiger Slogan lautete damals We send the EU £35 million a week / let’s fund our NHS instead. Solche Parolen und eine hochprofessionell auf Zielgruppen ausgerichtete Propagandamaschine über Social Media verfehlten ihre Wirkung nicht. Am Ende stand ein Abstimmungsergebnis von 52 % zu 48 %. Junge Leute waren überraschender Weise weniger zahlreich im Irrglauben zur Abstimmung gegangen, ihre Stimmen seien entbehrlich.

Vier Jahre und zwei Tory-Regierungen später steht BoJo nun unter enormem Druck das, was er so vollmundig an positiven Effekten eines Brexits beschrieben hat, auch zu liefern.

Dabei hat das UK gleichzeitig sehr heftig unter den Auswirkungen von Covid-19 zu leiden. Die Idee, eine Herdenimmunität zu erzeugen, musste wegen der vielen Corona-Toten (bislang über 64.000) verworfen werden. Gleichzeitig hatten mehrere Lockdowns zusammen mit der Unsicherheit um den Brexit die Wirtschaft schwer gebeutelt: Im 2. Quartal 2020 schrumpfte das Bruttosozialprodukt um beachtliche 20 % (D: -10,1 % im Vergleich). Drei Problemfelder bei den Verhandlungen mit der EU sind nach wie vor geblieben: Die Fischereirechte, die inner-irische Grenze und die Festlegung auf gleiche Spielregeln beim Warenaustausch – auch bekannt unter dem Stichwort level playing field. Mit diesen Regeln soll verhindert werden, dass das UK Subventionen für Produzenten gewährt oder die Qualitätsstandards für britische Waren so herabsetzt, dass bei der Ausfuhr in die EU unfaire Handelsvorteile entstünden.

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Auch das noch: Fungie ist fort

Für 37 Jahre besaß das Städtchen Dingle auf der gleichnamigen Halbinsel eine verlässliche Attraktion: Der auf den Namen Fungie getaufte Delfin lebte ortsfest im großen Naturhafen von Dingle. Seit Mitte Oktober diesen Jahres gab es keine Sichtungen mehr des Delfins. Eine zuverlässige Erwerbsquelle für die Bootsführer einer Reihe von Schiffen ist weggefallen. Diese Menschen müssen sich nach etwas Neuem umsehen.

Auch wenn mir der Rummel um Fungie manchmal auf die Nerven ging (und erst recht vermutlich diesem Tier), war es doch schön, abends zum Leuchtturm zu gehen und einigermaßen zuverlässig Fungie vom Ufer aus beobachten zu können.

Vielleicht war für Fungie auch einfach nicht genug los, jetzt im Covid-19-Lockdown. Häufig lieferte er sich Wettrennen mit den Booten, die jetzt kaum noch ausfuhren. Zum Trost: Ortsfeste Delfin-Gruppen gibt es auch an der schottischen Küste im Moray Firth vor Inverness. Wir haben auch schon mal Delfine vor Ventry / Ceann Trá beobachtet. Die Welt hat es übrigens registriert, dass dieses besondere Tier sich verzogen hat oder tot ist: New York Times, BBC und die Irish Post berichteten.

Kultur der Wertschätzung – auch für Kirchen essentiell

Katholische Kirche in diesen Zeiten – zumal in Köln – ist wahrlich kein Kindergeburtstag: Allen verbalen Bekundungen zum Trotz ist der Missbrauchsskandal noch immer nicht so aufgeklärt, dass die Schuldigen vor Ort und in den kirchlichen Verwaltungen benannt sind. Menschen treten in Scharen aus und Kirchgemeinden müssen zu immer größeren Einheiten zusammengelegt werden. Das trägt nicht gerade zur Identifikation vor Ort bei und bürdet den hauptamtlichen Seelsorgern und den weinigen Seelsorgerinnen eine für die Gesundheit ruinöse Last auf.

Ein durchaus selbstgemachtes Problem ist aber ein eklatanter Mangel an einer Kultur der Wertschätzung, der gerade bei den neuen Verwaltungsstrukturen in Erscheinung tritt. Dazu drei Beispiele:

• Pfarrsekretärinnen sind eine in der Regel unterbewertete Personengruppe in einer Pfarrei: Sie nehmen die Anfragen für Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten entgegen, geben dem Obdachlosen einen Gutschein für die nächste Bäckerei, sorgen für den vielfältigen alltäglichen Bürokram, koordinieren, machen und tun und sind damit ein Gesicht von Kirche nach außen. Sie haben in der Vergangenheit einigermaßen dezentral ihre Aufgaben wahrgenommen, müssen aber – angesichts von sinkenden Kirchensteuereinnahmen – in größeren und anonymeren Pfarrbüros in Zukunft ihre Arbeit bündeln. Wird dann eine sturmerprobte Pfarrsekretärin, die keiner Arbeit aus dem Weg ging und selbstständig arbeitete, verabschiedet, sollte dies zu einer gebührenden Würdigung ihrer Arbeit führen. Auch der neu bestellte Pfarrer, der ihr segensreiches Tun vielleicht nicht so konkret wahrnehmen konnte, ist gut beraten, diese Würdigung unter Einsatz seiner ganzen Person so vorzunehmen. Man befrage einmal die in Ruhestand gegangene Pfarrsekretärin A in B, wie sehr sie sich bei der irgendwie doch zustande gekommenen Verabschiedung wahrgenommen gefühlt hat…

• Die Pfarrgemeinde X in Köln hat eine Grußkarte erhalten. Eine künstlerisch begabte aktive Mitarbeiterin in der Pfarrei hat sie entworfen. Alle, die die Karte in Händen halten, halten sie für einen großen Wurf. Die Pfarrgemeinde setzt die Karte bereits ein. Der Beitrag ist aber weder vom Pfarrer noch von sonst einem Hauptamtlichen wahrgenommen worden, geschweige denn irgendein dankendes Wort ausgesprochen worden. Es ist dem Zufall und einer aufmerksamen anderen Frau aus der Gemeinde zu verdanken, dass die Initiatorin und Schöpferin der Grußkarte überhaupt Kenntnis davon erhält, dass ihre Karte verwendet wird.

• Die Pfarrgemeinde Y in Köln liegt in einem besonderen, eher kirchenfernen Stadtteil. Es ist eher selten, dass die Gemeindemitglieder jemand im kirchlichen Auftrag an der Wohnungstür stehen sehen. Dort war es Jahr für Jahr üblich, dass 60 Sternsingerinnen und Sternsinger in jedem Januar ausgesendet wurden. Die Zusammenlegung der Pfarrbezirke hat dazu geführt, dass übergeordnet dieses ehrenamtliche Engagement der begleitenden Eltern neu “gewürdigt” wird. Statt, dass der Hauptamtler den Eltern die Füße küsst, dürfen diese sich erst einmal anhören, was auf dem Begleitbrief zur Sternsingeraktion alles fehlt. Man würde sich wundern, wenn unter solchen Umständen die Eltern ihr Engagement fortführen – oder?

Ein Anteil an diesem katastrophalen Versagen und ausbleibender Wertschätzung wird man vielleicht den Covid-19-Bedingungen und Nachwirkungen der Neuordnungen zuschreiben können. Mein Verdacht ist aber, dass diese mangelnde Wertschätzung systemisch ist. Eine kleriker-zentrierte Kirche ist offenbar immer noch der Meinung, dass die Hauptamtler die wahren Kirchenvertreter sind und der Rest dahinter zurücktritt. Er darf dann froh sein, auch mal mitmachen zu dürfen.

Der Jesuit Klaus Mertes hat in diesem Zusammenhang mal gesagt Gott spricht durch die Welt. Wer die Lernprozesse in der Kirche auf die harte Tour braucht, tritt weiterhin möglichst vielen Leuten vor das Schienenbein oder übersieht geflissentlich, was die aktiven Frauen und Männer alles bewirken. Jedes Unternehmen, das so verfährt, verschwindet über kurz oder lang. In Sachen Kirchens sind die Leute ein kleines bisschen langmütiger, aber für dumm verkaufen und nicht gesehen, lässt sich auf Dauer keine(r). Man wird Silvester hören, wie viele Menschen erneut aus der Kirche ausgetreten sind. Wundern sollte sich dann keiner.