Requiem für eine marode Brücke – ein besonderes Theaterstück im Kolumba

während einer Probe

An manchem muss Köln schwer tragen: Bauprojekte wie Oper oder Miqua, die jeden Zeit- und Kostenrahmen sprengen, einem Kardinalfehler, einer noch nicht verheilten U-Bahn-Wunde, der Selbstbesoffenheit der Kölner, einem Stadtrat, der für klein-klein steht …. Einerseits. Andererseits ist Köln aber immer wieder in der Lage, verblüffend Neues und Originelles zu schaffen. Wie jetzt bei einer Kooperation quer über normalerweise getrennte Einrichtungen und Milieus hinweg deutlich wurde.

Es geht um die Aufführung des Stücks „Requiem für eine marode Brücke” im Kolumba. Zusammen kommen das Schauspiel Köln, das Kolumba als Austragungsstätte, der Domchor und der Experimentalchor Köln. Und heraus kommt ein Theatererlebnis der besonderen Art, das bei Besucherinnen und Besuchern noch lange nachhallen dürfte.

Der Inhalt kann grob umrissen werden mit der Frage, wie kann und soll der öffentliche Raum gestaltet werden. Wem wird Priorität eingeräumt? Den Autos, Männern, die motorisiert zur Arbeit müssen oder Grünflächen und kleinräumigen und nachbarschaftlichen Strukturen, die die Bedürfnisse von Frauen und Kindern in den Blick nehmen. Aber auch Wohnraum ist ein Thema: Wie können beispielsweise ältere Menschen sicher und leichter aus zu großen Wohnungen in kleinere Wohneinheiten gelangen, um Platz für Familien mit Kindern zu schaffen?

Auf der Ebene der musikalischen Inszenierung ragt der Chor „Denn wir haben hier keine bleibende Statt” aus Brahms „Deutschen Requiem” heraus. Vorgetragen wird er von den jungen Sängerinnen und Sängern des Domchors. Er hebt mit Worten aus dem Hebräerbrief die Frage nach den Umständen, unter denen wir leben, auf eine metaphysische Ebene.

Was dieses Stück besonders macht, ist die Kreativität und das spielerische Moment, mit denen die Ausstellungsstücke des Kolumba einbezogen werden. Die Kugelbahn von Manos Tsangaris wird so zum Sinnbild für die Kanalisation. Oder die großformatigen Bilder von Anna und Bernhard Blume erläutern die neun Planungsschritte der imaginären HAIO.

Überhaupt die Verwaltungsordnung HAIO. Sie soll – wie von der überragenden Hasti Molavian als Juristin erläutert – Planungsprozesse in der Stadt rational gestalten.* Im Subtext dient diese Ordnung vorwiegend dazu, Verantwortlichkeit zu kollektivieren und letztlich zu atomisieren und Kostenangaben zu streamlinen. Jedem Kölner und jeder Kölnerin werden dazu reale Vorgänge in der Stadt einfallen.

Hier bei der Inszenierung dieses Irrsinns darf aber auch gelacht werden. Die Absurditäten des aufgespreizten Planungsprozesses lassen kaum eine andere Reaktion übrig. Von einem zum nächsten Augenblick wechselt dann die Juristin zu einer gewaltigen Gesangseinlage. Diese endet passend im von Terry Fox (einem Hausheiligen des Kolumba) entlehnten Geknödel und Gewürge der Sängerin, eine passende Metapher für Planungsprozesse nicht nur in Köln. Großes Kino!

Dieser Teil des Spiels wird dann fortgeführt, indem das Publikum in den Zentralraum 13 des Kolumba geführt wird. Das Schlusstableau ist der diskursive Teil des Stückes. Benjamin Höppner nennt einige Stichworte, wie Stadt zukünftig gestaltet werden soll: Nutzung des öffentlichen Raumes durch wen und mit welcher Priorisierung? Und Transformation des bestehenden Zustands zu einem, in dem Grünflächen und Plätze Menschen zum Aufenthalten einladen. In einer solchen Stadt sind auch Libellen oder Frösche ein Thema. Dazu passt der an die Decke geworfene Dschungelhimmel. Hier kommt noch einmal der Experimentalchor zum Einsatz. Er steuert Klänge und Töne bei, wie sie ein solcher Lebensraum hervorbringen könnte.

Ob es sich bei diesem Requiem nun um ein simples Theaterstück handelt oder eine Oper oder ein Mysterienspiel, mögen zukünftige Studierende untersuchen. Es bleibt in jedem Fall ein Spiel für alle Sinne, das dem Thema Stadtplanung und Partizipation eine völlig neue Facette verleiht. Das schönste Geschenk hat sich der scheidende Leiter des Kolumba, Stefan Kraus, damit selbst gemacht. Neben ihm ist Regisseurin Anna-Sophie Mahler zu nennen, die der Theaterkunst ein neues Kapitel hinzufügt.

Weitere Termine für dieses besondere Stück im neuen Jahr. Eine positive Würdigung findet sich in der Süddeutschen, die Dorfzeitung aka Kölner Stadtanzeiger war überfordert und badet in Defizitorientierung. Suum cuique…

*Das Thema Stadtplanung und Architektur in der Stadt war bereits in der Jahresausstellung Liebe deine Stadt von 2022/23 Thema.

Biermann in Köln, die zweite

Wie kann man mit fast 89 noch die Anstrengungen eines Konzertes stemmen? Wolf Biermann wählte am 1.11.2025 im Tanzbrunnen unweit der legendären Sporthalle vom seinem ersten Konzert in Köln einen klugen Ansatz: Angesagt von seiner charmanten Frau Pamela bestritten andere Künstlerinnen und Künstler, auf die ein oder andere Art mit Biermann verbunden, diese Hälfte.

Knallig los ging es mit der Band Van Holzem aus Ulm, die das Thema Hoffnung / Hoffnungslosigkeit auf ihre Art interpretierte. Gitarristin Nora Buschmann (Jg. 1969) begeisterte mit lateinamerikanischen Stücken und konnte auf die Gespräche im Elternhaus verweisen, die sich in der DDR aus Biermanns Ausbürgerung ergaben. Ein Heimspiel war dann der Auftritt von Wolfgang Niedecken, der von Mike Herting am Flügel begleitet wurde. Später waren noch Campino und Kuddel von den „Toten Hosen” am Zug mit einer überzeugenden Version der „Ermutigung”.

Dann schaltete sich Biermann in den Auftritt ein mit der Ballade vom „Preußischen Ikarus”. Er beherrscht die Gitarre nach wie vor meisterlich und seine Stimme lässt keinen fast Neunzigjährigen vermuten. Die „Bilanzballade im dreißigsten Jahr” brachte dann Günter Sommer und Uli Gumpert, ausgewiesene Jazzer, ins Spiel. Sommer wusste zu berichten, wie er das Schlagwerk, das er bei der Aufnahme von Biermanns LP verwendete, unter den Augen der Stasi in die Chausseestraße 131 schaffen konnte. Biermanns Korrekturen an Günter Sommer beim Reenactment dieser Aufnahme zeigten die zickige und weniger sympathische Seite von Biermann.

Alles in allem war es ein lohnendes Konzert von diesem Großmeister des politischen Liedes in Deutschland. Und Biermann zum zweiten Mal bei einem Konzert in Köln zu erleben, ist ein Erlebnis, um es den Enkeln zu erzählen. Biermann hat viele Einflüsse aufgenommen und Impulse weitergegeben. Insgesamt ist er mit seiner Lebensspanne von 1936 bis heute ein Stück deutscher Geschichte auf zwei Beinen. Überzeugend für mich sein Motto „Nur wer sich ändert / bleibt sich treu”. Dass er überhaupt noch da sei, sprach Biermann am Ausgang des Konzertes mehr zu sich selbst. Das war sicher eine sehr ehrliche Aussage.

Meyerhoffs Resterampe

Joachim Meyerhoff ist mit einigen Büchern hervorgetreten, die das Skurile und manchmal auch Traurige seiner Lebensgeschichte dem Publikum nahebrachten. Das für ihn Einnehmende für mich war, dass er auch die eigenen Schwächen und Irrwege nicht ausnahm.

Sein letztes Buch Man kann auch in die Höhe fliegen erschien im letzten Jahr. Es wird notdürftig von einer Rahmenhandlung zusammengehalten: Meyerhoff zieht sich nach Schleswig-Holstein zu seiner Mutter zurück, um die Wirren der Großstadt Berlin und die Anforderungen und Konflikte seiner Patchworkfamilie hinter sich zu legen. Die Vitalität der über 80 Jahre alten Mutter steht im großen Kontrast zum gebeutelten Ich-Erzähler. Allmählich wirken sich jedoch der parkartige Garten und die praktischen Tätigkeiten, die dieser abverlangt, wohltuend aus.

Eingestreut in diesen Rahmen sind Geschichten eigenwilliger Inszenierungen, die Meyerhoff als Schauspieler oder Regisseur erlebt hat: Vom im Beichstuhl Onanierenden, zur Mutter aller Hänger in einer Theateraufführung im Duett mit einem versagenden Kollegen oder zu einer besonderen Aufführung im Gorki-Theater. Diese Aufführung soll als Reverenz an die Schauspielerkolleginnen und -kollegen dienen, die das Theater früher geprägt haben:  zu dieser DDR-Vergangenheit gehört z.B. eine Sauna im Theater oder ein Kollege, der akribisch den Applaus, den frühere Stücke eingefahren haben, aufgenommen hat. Das liest sich als Sammlung von kuriosen Begebenheiten und Ideen ganz nett. Mir wurde nicht immer klar, ist das nun in aufgeführte Theaterstücke eingeflossen oder nicht.

Vergleicht man diese Miniaturen und Geschichten mit dem, was Meyerhoff früher vorgelegt hat, erscheint mir dieser Band als allzu beliebig und zusammengestoppelt. Kann man, muss man aber nicht wirklich lesen…

Ermittlerinnen mit Pfiff – trotz Öffentlich-Rechtlicher

Ich wiederhole mich: Häufig empfinde ich das Programm der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender als Zumutung. Wie wohltuend, von zwei Ausnahmen zu berichten:

Rapa – 6 Folgen, spielt in Galizien in Nordspanien. Die ermittelnde Maite (Mónica López), zwischenzeitlich außer Dienst nach Schusswaffengebrauch, ermittelt in zwei Mordfällen und einer Vergewaltigung. Sie ist der Typ Frau mit einer Hälfte Charme und einer Hälfte professioneller Distanz. Auch winzige Veränderungen ihrer Miene sagen viel aus. An ihrer Seite befindet sich Tomás (Javier Cámara), ein an ALS leidender Lehrer, der ein kongenialer Partner ist. Auch wenn er sich mit dem Stock fortbewegen muss, ist er für Maite attraktiv. Es knistert gehörig zwischen den beiden. Dazu schöne Landschaftsaufnahmen aus Galizien und gute Filmmusik. Konflikte um ein umweltgefährdendes Abbauvorhaben lassen die Idylle nicht ins Kraut schießen. Sehr lohnend und bis auf weiteres in der arte-Mediathek:

Rapa

Spuren, 4 Folgen in der ersten Staffel, mit Nina Kunzendorf als Chefermittlerin Barbara Kramer. Nach dem Mord an einer jungen Frau in einem würtembergischen Weinort gerät zunächst der Ehemann unter Verdacht. Kurze Zeit später wird nicht allzu weit entfernt eine zweite Frau ermordet. Das ermittelnde Team muss wirklich alle Register ziehen, um auch nur einen halbwegs erfolgversprechenden Ansatz zu finden. Weiter hilft ein Blick ins Ausland nach verwandten Fällen. Sowohl DNA-Untersuchungen als auch die Auswertung von Mautdaten erweisen sich letztlich als Trumpfkarte. Gute darstellerische Leistungen und ein Blick auf die Mühen der Polizeiarbeit sprechen den Grips der Zuschauer(in) an und werben für diese Serie. Bis auf weiteres in der ard-Mediathek:

 

Spuren

Flamenco für alle Sinne

Jede/r Spanienreisende hat vermutlich auf öffentlichen Plätzen oder in der Hotel-Lobby schon mal eine Flamenco-Aufführung gesehen, die mit Recht schnell wieder vergessen ist: Akteure, die eher lieblos ihr Repertoire abspulen, Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich zum Mitklatschen animiert fühlen und den Takt und die nicht soo einfachen Rhythmen nicht erfassen, eine Umgebung, die eher ablenkt…

Wer sich für eine einstündige Flamenco-Darbietung dem Teatro Flamenco Granada anvertraut, bricht zu einer völlig anderen Erlebnisreise auf: In einer ehemaligen Diskothek wird eine konzentrierte und Enthusiasmus vermittelnde Flamenco-Vorführung für wirklich alle Sinne geboten. Unsere Vorführung umfasste Darbietungen mit bis zu drei Tänzerinnen und Tänzern, die von einer an einen antiken Chor erinnernden Riege durch Gesang, rhythmischem Fussschlag, Gitarrenmusik und Gesten kommentiert wurde. Auch wenn manches improvisiert wird in diesen Darbietungen, ist nichts dem Zufall überlassen. Und der Titel Teatro im Veranstaltungsort unterstreicht noch einmal, dass hier eine besondere Form von Ausdruckstanz mit bestimmten Rollen, Gesang, Gitarre und mit den Schuhen geschlagener Rhythmus zusammenwirken.

Die effektvolle Lichtregie setzt die Tänzer und Musiker perfekt in Szene, verstärkt Emotionen und lenkt den Blick auf die Feinheiten der Darbietung. Besonders beeindruckend ist nicht zuletzt der Gitarrist, dessen Musik gut abgemischt plastisch und lebendig wirkt. Seine Melodien scheinen beinahe greifbar, ziehen das Publikum in ihren Bann und geben dem Abend eine unverkennbare Tiefe.

Ein weiterer Höhepunkt ist der wirkungsvolle Wechsel zwischen Ensemble-Tänzen und Soloauftritten. Während die Gruppenchoreografien mit ihrer Präzision und Dynamik begeistern, bringen die Soli die persönliche Leidenschaft und Technik der Künstler eindrucksvoll zur Geltung.

Dieses Flamenco-Erlebnis in Granada vereint Tradition, Kunstfertigkeit und für die Zuschauer eine besondere Nähe zu den Akteuren. (Wir saßen vielleicht drei Meter von der Bühne entfernt.) Es ist ein Abend voller Leidenschaft, tänzerischem Können und authentischem Ausdruck der Tänzerinnen und Tänzer und des Gitarristen. Meine beste Live-Performance der letzten zwanzig Jahre, unbedingt einen Besuch wert.

Teatro Flamenco Granada
Calle Campo del Príncipe, 7
18009 Granada (Centro)

Link: teatroflamencogranada.com

Das Teatro bietet auch verschiedene Flamenco-Kurse an, wie sich der Web-Seite entnehmen lässt. Ähnliche Theater gibt es in Madrid, Sevilla und Malaga.

In Liebe, eure Hilde – Filmbesprechung

Was für ein Film! Der Ausgang steht schon fest, sobald der Kinosaal betreten ist: Man ahnt oder weiß, dass die meisten Mitglieder der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe alias „Rote Kapelle” hingerichtet wurden. In diesem Sinn schenkt einem schon die erste Szene des Films reinen Wein ein. Zwei Autos nähern sich langsam und bedrohlich den beiden Frauen in einer Kleingartenanlage. „Nehmen Sie etwas Warmes mit”, rät der Good Cop, als Hilde Koppi den Koffer für die Haftzeit packt. Sie wird schon bald einem deutlich unangenehmeren Vernehmer gegenübersitzen, der sie in die Mangel nimmt. Einige Fotos erhält sie vorgelegt, auf denen Hilde Mitglieder der Gruppe identifizieren soll. Soweit der Ausgangspunkt.

 

Dieser Haftzeit-Erzählstrang bildet aber nur die eine Hälfte der Filmerzählung von Andreas Dresen. Der zweite Strang schildert in Rückblenden, nicht zeitlich geordnet, die Verabredungen und Treffen der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe. Die sind nicht nur der politischen Arbeit gewidmet, sondern ähneln teilweise auch normalen Unternehmungen in der Berliner Sommerfrische: Badeausflüge, Kanufahrten, in Zelten verbrachte Nächte mit der Frage, wer von wem angezogen wird. Dresen hat ein gutes Gespür, was er der Zuschauerin / dem Zuschauer zumuten kann: Sobald der Gefängnis-Erzählstrang droht, unerträglich zu werden, wechselt der Film mittels Rückblende zur Vorgeschichte. Die hält gegen die Düsterkeit des Gefängnisses Bilder bereit, die Sorglosigkeit und Lebensfreude repräsentieren.

Zurück zum Plot: Hilde kann in dem für sie neuen Milieu mit Menschen mit groß- und kleinbürgerlichem Hintergrund mit ihren speziellen Kenntnissen punkten. Sie tippt schnell und weiß, wie Wachsmatrizen möglichst gut eingesetzt werden. Nachdem sie zunächst aus dem eindeutig politischen Tägigkeiten herausgehalten wird, ist bald klar, dass sie gebraucht wird und das sie auch beteiligt werden will.

Eine neue Zuspitzung erhält die Widerstandstätigkeit, als ein Funkgerät aus Russland an die Gruppe übergeben wird. Der Plan: Vor dem sich abzeichnenden Überfall auf die Sowjetunion sollen relevante Informationen per gefunkter Morsezeichen nach Moskau übermittelt werden. Hans Koppi und Hilde sind inzwischen ein Paar und machen sich einen Spaß daraus, die Morsesprache bei vielen Gelegenheiten, auch im Bett, zu üben.

Besonders bedrückend ist für Hilde später, dass sie unter den entwürdigenden Bedingungen eines Gefängnisses ihr Kind gebären muss. Kurz vor der Hinrichtung von Hans Koppi können die drei sich kurz als Vater–Mutter–Kind-Familie konstituieren. Vater Hans nimmt den neugeborenen Sohn Hans etwas ungelenk in seine Arme. Nach der Hinrichtung ist es dann die Sorge um diesen kleinen Hans, die Hilde Kraft gibt. Sie erfährt dabei Hilfe von ihren Mitgefangenen und sogar ein wenig von der Gefängniswärterin.

Andreas Dresen hat für diesen Film exzellente Schauspielerinnen und Schauspieler gewonnen, allen voran Liv Lisa Fries. Sie hat deutlich mehr zu bieten als in „Berlin Babylon”. Gerade in den Szenen, wo ihr bevorstehender Tod unabwendbar erscheint, kann sie die Existenzangst in kaum überbietbarer Form darstellen. Zukünftige Generationen von Schauspielern werden hieran Maß nehmen müssen. Auch ihr Konterpart Johannes Hegemann überzeugt als im Bereich Film neues und unverbrauchtes Gesicht. Daneben hat mich Alexander Scheer als Gefängnispfarrer Poelchau (übrigens auch eine historische Figur) überzeugt. Er ist ganz Ohr für Hildes Bedürfnisse und bekommt den Brief diktiert, aus dem der Filmtitel gewonnen ist. Verharmlosung von dem, was Hilde bevorsteht, ist ihm fremd. Auch Lisa Wagner kann überzeugen, wie sie in einer Nebenrolle als Gefängniswärterin sich für Hildes’ Leid nicht völlig gleichgültig zeigt.

Der Film lässt sich im übrigen Zeit, seinen Plot zu entwickeln. Rasche Kamerafahrten oder -schwenks sind nicht sein Ding. Die Umgebung der Geschichte wird mit Liebe zum Detail gewürdigt und gibt dem Film auch von dieser Seite her Glaubwürdigkeit.

Alles in allem ein Film, der zumindest deutsche Filmgeschichte machen dürfte. Seine Länge von 124 Minuten und sein Sujet dürften ihn allerdings kaum zum Blockbuster machen. Aber jede und jeder, der Liv Lisa Fries in diesem Film gesehen hat, wird diesen Film als bedeutsam für sich verbuchen.

Ein Treppenwitz der mit vielen Leben bezahlten Untergrundtätigkeit der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe: Ihre Funksprüche nach Moskau sollten ein Frühwarnsystem etablieren und militärisch verwertbare Informationen liefern. Bis auf einen Funkspruch im Sinne von „herzliche Grüße an alle Freunde” ist aber in Moskau nie etwas angekommen. Man könnte auch urteilen, dass hier viele Menschen für nichts und wieder nichts verheizt wurden. Das wäre dann allerdings ein Muster mit Wiedererkennungswert: Wer sieht, wie Menschen und Material im großen Fleischwolf des Angriffskriegs gegen die Ukraine geopfert werden, wird eine ähnliche Logik entdecken.

 

A closer look – Trump zum Auslachen…

Manchmal frage ich mich ja schon, wie es die Amerikaner zulassen, sich von einem stockdoofen und mäßig unterhaltsamen Menschen wie Trump seit über 12 Jahren wie ein Bär am Nasenring durch die Manege treiben zu lassen. Merken die denn nicht, was für ein unterirdisch schlechter Blender dieser Mann ist? Wäre meine Idee. Dagegen war ja Bunga-Bunga-Berlusconi ein Philosoph auf dem Regierungsthron!

Wenn bei dieser Neuinszenierung von des „Kaisers neue Kleider” irgendwas Sinnstiftendes oder Lustiges abfallen kann, kann es nur in der überdrehten Version des alltäglichen amerikanischen Wahnsinns liegen. Diese besorgt – wie kürzlich von mir entdeckt – Seth Meyers mit völlig Überdrehtem: Video-Schnipsel der jüngsten Zeit, Trump-und andere Parodien, komödiantische Einlagen aller Art. Das Live-Publikum hat viel Spaß und ist ein guter Widerpart, um Meyers zu Höchstleistungen anzutreiben.

Hier ahnt man auch, wo Imker-Freund Böhmermann seine Inspirationen her bezieht. Er kann aber Seth Meyers nicht entfernt das Wasser reichen. (Vielleicht hatte Harald Schmidt in seinen Glanzzeiten etwas von Meyers.)

Enjoy!

Wolfszeit – Nachkriegsgeschichte neu erzählt

Mein Vater, von mir eher düster und angestrengt erinnert, bekam strahlende Augen, wenn er davon erzählte, wie in den ersten Nachkriegsjahren im Westerwald neue Lebensfreude zelebriert wurde. Die entstand z.B rund um den in die Tasten des Klaviers hauenden Ferdi Brück (Exil-Kölner!). Wahrscheinlich wurde dazu auch ordentlich gepichelt. Mein Vater konnte zu dieser Zeit darauf zurückblicken, dass er, kurz bevor der Kessel in Stalingrad sich schloss, den rettenden Granatsplitter empfing und ausgeflogen wurde. Auch seine Freundin und seine spätere Frau mag er vor Augen gehabt haben, die ihn im Lazarett als Krankenschwester wieder „aufmöbelte”. Von solcher Art sind wohl viele Geschichten, die aus den Jahren 1945 bis 1949 erzählt werden können. Wie spannend und erhellend sie auf überindividueller Basis erzählt werden können, macht Harald Jähners Wolfszeit deutlich.

Harald Jähner liefert auf reicher Faktenbasis einen breiten Soundtrack, wie sich ein Querschnitt der Menschen in Deutschland in dieser Kernzeit des kollektiven Resets und Großexperiments neu einrichtete. Er wertet vornehmlich Literatur, aber auch Zeitungsberichte und einschlägige Monographien aus. Ein Subjekt, das eine immer noch primär national verstandene Geschichtsschreibung voraussetzt, existierte zu dieser Zeit gerade nicht. 75 Millionen Menschen auf dem Gebiet der vier Besatzungszonen unter Führungsaufsicht, aber im Alltag erst mal damit beschäftigt, sich selbst, ihre Beziehungen und das Überleben zu organisieren.

Die Ausgangslage war dramatisch, wie Jähner deutlich macht:

Im Sommer 1945 lebten in den vier Besatzungszonen ungefähr 75 Millionen Menschen. Von ihnen waren weit mehr als die Hälfte nicht dort, wo sie hingehörten oder hinwollten. Der Krieg hatte als gewaltige Mobilisierungs-, Vertreibungs- und Verschleppungsmaschine gewirkt. Wer überlebt hatte, den hatte sie irgendwo ausgespien, weit weg von dem, was einmal eine Zuhause war. (61)

Dass gerade in der absoluten Reduktion auf das Wesentliche und die blanke Notdurft (vergleiche Günter Eichs Inventur, das Jähner zitiert und unten zu finden ist) ein Schlüssel zu einem großen Empfinden von Freiheit und wiederentdeckter Lebenslust enthalten war, ist aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbar. Jähner zitiert aus dem Jahr 1952 einen Text von Kurt Kusenberg mit dem bezeichnenden Titel „Nichts ist selbstverständlich. Lob der Elendszeit”, der sogar eine geheime Sehnsucht nach dieser Nullzeit erkennen lässt. Das Gröbste mit zwei Hungerwintern 1946 und 1947 mit vielen Toten lag nur wenige Monate zurück!

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rejoint – Theaterprojekt in der Grabeskirche. Reprise*

If my heart could do my thinking
and my head begin to feel
I would look upon the world anew
and know what’s truly real
                Van Morrisson

Zugegeben, allein die Gattung zu bestimmen, fällt schwer: Reden wir von einem Theaterstück, einem Mysterienspiel, einer Oper…? Die Kirchengemeinde in Bickendorf und Ossendorf (BiOs) war schon immer gut, spektakuläre kulturelle Veranstaltungen im kirchlichen Raum aus der Taufe zu heben. Besonders in Erinnerung ist mir noch eine Space Night mit Gustav Holst’ Planeten-Musik, dem Kubrick-Film 2001: Odyssee im Weltraum und einer geplanten Live-Schaltung zur ISS-Raumstation vor ungefähr 20 Jahren.

Auch bei Rejoint – The Mystic Journey war der Aufwand am 14./15.5.22 beträchtlich: zwei Tänzerinnen, Ratio und Mystik darstellend, eine Schauspielerin für die Rolle der Unschuld, ein Schauspieler als Philosoph, 7 Begleiterinnen und Begleiter hier aus Köln dazu ein großer Chor von der Musikhochschule Detmold, der Regisseur und die Tontechnik.

Wenn man von einem Plot sprechen möchte, geht der so: Aus der ursprünglichen Einheit von Mystik und Ratio, die auf der Bühne dem gemeinsamen Kokon entschlüpfen, entstehen beide Prinzipien als getrennte und sich schließlich bekämpfende Figuren. Der Gegensatz wird in einem dramatischen Kampf dargestellt. Auch in großer räumlicher Enge wird die körperliche Präsenz und das Vermögen von Elke Waibel und Sway E’fey offenbar. Die Mystik unterliegt schließlich und verlässt die Bühne. Die Ratio verkörpert ihren Herrschaftsanspruch, indem sie einen Thron besteigt. Den Fragen der Welt, die aus den Lautsprechern in immer rascherer Folge und immer bedrängender auf sie einprasseln, muss sich die Ratio aber geschlagen geben: Sie bricht zusammen. Das Schlusstableau sieht dann die wiedererstandene Mystik in inniger Umarmung mit der unterlegenen Ratio: Beide sind erneut vereint auf ihrer Reise, der Titel kommt zu seinem Recht: Rejoint. Die Sehnsucht nach Ausgleich und Versöhnung von Ratio, Emotion und Mystik ist – nicht nur bei Hildegard von Bingen – ein altes und mit Blick auf den Eingangstext von van Morrisson ein immer noch aktuelles Thema.

Bewertung: Man könnte mit einigem Recht argumentieren, hat diese katholische Kirche nichts besseres zu tun als eine ganze Menge Geld für ZWEI Aufführungen eines besonderen Stückes aufzubringen? Darauf würde ich mit einem klaren Jein antworten. Ja: In der Tat brennt es in der katholischen Kirche zur Zeit an allen Ecken und Enden, weil immer noch zu viele Entscheidungsträger (leider keine -innen) sich hinter einem so nicht haltbaren Amtsverständnis verbarrikadieren. Sie versuchen damit alle notwendigen Änderungen in einer demnächst priesterlosen Kirche zu hintertreiben. Wird nicht gelingen oder das Ding fährt noch ganz anders gegen die Wand. Nein: Katholische Kirche war schon immer auch Ort, von dem Kunst ausging, die weit über den Kreis der Gläubigen Faszination ausübte. Das reicht von klassischen Kirchenbauten wie z.B. dem Limburger Dom oder Kloster Eberbach oder aus unserer Zeit einem Bau wie dem Kolumba-Museum (Zumthor). Konklusio: Sollte Kirche es (wieder) hinbekommen, das im Alltag benötigte Schwarzbrot zu liefern, darf sie auch ab und an für besondere Projekte Geldbeträge in die Hand nehmen, um Besonderes und im Gedächtnis der Menschen (nicht nur der Gläubigen) Haftendes zu schaffen. Aber klar ist auch, dass dies nur die Ausnahme bleiben kann…

Eine Fußnote: Klaus Kugler, Pfarrer der Rochus-Kirche und ein Förderer des Projektes, war nur noch posthum zugegen. Seine Urne steht wie viele andere seit kurzem in der Grabeskirche.

Links: Ensemble von rejoint

*als Ersatz für den verloren gegangenen Artikel aus dem Mai 2022

Russen in Berlin – nicht alle Russen sind Kriegstreiber

An diesem besonderen Wochenende, an dem sich der brutale Überfall auf die Ukraine zum ersten Mal jährt, habe ich am Freitag (24.2.23) in der Rochus-Kirche hier in Köln-Bickendorf ein bewegendes Konzert mit jungen Musikerinnen und Musikern aus der Ukraine gehört. Die Qualität der musikalischen Beiträge war absolut riesig und spricht dem russischen Hochmut über eine angeblich zweitrangige Ukraine auch auf diesem Gebiet hohn. Ich wünschte, alle Beteiligten könnten bald in eine sichere und unbedrohte Ukraine zurückkehren (falls sie dies wollen). Ich weiß aber auch, dass das zur Zeit ein etwas naiver Traum ist.

Trotzdem ist es wichtig im Kopf zu behalten, dass nicht alle Russinnen und Russen mit den gleichgeschalteten und einer beständigen Gehirnwäsche unterzogenen Bewohnern dieses Staates in einen Topf geworfen werden dürfen. Der Tagesspiegel hat 3 Neu-Berlinnerinen und -Berliner vorgestellt, die den Sprung nach Berlin ins kalte Wasser einem korrumpierenden Leben in Russland vorgezogen haben. Ein anderes, passendes youtube-Video aus dem Sommer füge ich hinzu.

Russen in Berlin: Sasha Andjelo

Russen in Berlin: Natalie Goldman

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