Bis Mitternacht – Krimi-Kammerspiel auf höchstem Niveau

Vieles von dem, was einem in den öffentlichen Fernsehkanälen angeboten wird, taugt nur zum Abschalten. (Private stehen diesem „Qualitätsniveau“ in nichts nach.) Um so erfreulicher, wenn ein profilierter Regisseur wie Dominik Graf sich für einen Film gewinnen lässt wie zuletzt beim Polizeiruf 110 unter dem Titel „Bis Mitternacht“. Dieses Ergebnis lässt sich in jeder Hinsicht sehen.

Zum Hintergrund: Ein junger Mann wird von seinen Zwangsvorstellungen und sexuellen Begierden hin und her gerissen. Er ist schon einmal bei einem Mordfall in das Fadenkreuz der Ermittlungen der Kriminalpolizei geraten. Diese konnten jedoch nicht genügend Material zusammentragen, um ihm das Handwerk zu legen. Nach einem neuen Vergewaltigungs- und Mordversuch kann er festgesetzt werden. Auch dieses Mal steht es aber auf der Kippe, ob die Beweise für eine Untersuchungshaft ausreichen. Die beinharte Grenze für ein Verhör ist Mitternacht. Nach 24 Uhr muss der junge Mann freigelassen werden.

Wie die zunehmend verzweifelteren Versuche, den Mann zu einem Geständnis zu bewegen, ablaufen, wird überaus fesselnd erzählt. Dass die Handlung selten außerhalb des Verhörraums stattfindet, ist kein Manko, sondern äußerste Verdichtung. Zudem ist viel Gruppendynamik im Spiel: Frau gegen männerdomininiertes Umfeld, junge Einsteigerin gegen alten Hasen, Fragestrategien um einen sehr intelligenten Täter, die trotz des Drucks auch Menschenwürde und -rechte beachten müssen…

Der Film hat mich in seiner Zuspitzung auf die Schuld-Problematik an „Dead Man Walking“ erinnert. Große Kunst und überzeugende darstellerische Leistungen bei allen Rollen. Warum kommt Fernsehen so selten mit dieser Qualität??

Noch eine Weile hier zusehen. Unbedingt empfehlenswert!

 

Bernie Gunther-Krimis – Spannung und Unterhaltung auf hohem Niveau

Angelsächsische Krimi-Autoren legen schon lange ein hohes Niveau beim Krimi-Schreiben vor: Hier bei uns gab es schon intensive Lektüre-Phasen mit Kathy Reich, Ian Rankin, Ken Bruen oder Minette Walters. Der besondere Reiz der Bernie Gunther-Krimis von Philipp Kerr liegt darin, dass Kerr die Hauptperson, besagten Bernie Gunther, in den gelesenen Titeln immer auch in der Nazi-Zeit auftreten lässt.

Bernie Gunther agiert dabei als desillusionierter Cop und Ermittler, der von hohen Nazis wie Heydrich oder Goebbels für Spezialaufträge engagiert wird und widerstrebend und mit frechem Mundwerk zu Diensten ist, der sich aber seine Widerständigkeit nicht abkaufen lässt.

Zum Einstieg empfehle ich Prussian Blue, einen Krimi, der auf zwei Zeitebenen spielt (Berghof Hitlers 1939 und Riviera 1956) und einen bis zum Show-Down im Saarland in Atem halten kann. Auch intellektuell kein Dünnbrettbohrer-Zeug: Philipp Kerr hat die Materie gut recherchiert und teilt einem im Anhang wichtige Informationen zu den realen historischen Personen mit, die er in seiner Roman-Umgebung auftreten lässt.

[Philip Kerr – † 23.März 2018]