SPD tut weh

Zwei oder drei Jahre trug ich tatsächlich einen Aufnahmeantrag für die SPD in meinem Portemonnaie* mit mir rum. Es war das Jahr 1972 und Willy Brandt musste um seine Wiederwahl bangen im großen Ringen um die Ostverträge. Das schien mir wert, unterstützt zu werden.

Das kommt mir heute angesichts vieler Wendungen und Windungen dieser Partei schon sehr weit weg vor. Wer ging da nicht alles aus und ein als Vorsitzende(r): Helmut Schmidt, Helmut Vogel, Björn Engholm, Gerhard Schröder, Andrea Nahles? Das sind die, die mir gerade einfallen.

Betrachte ich heute, was aus dieser Partei mit der langen Geschichte und ihrem verdienstvollen Eintreten für Demokratie und Rechte der kleinen Leute geworden ist, kann ich nur sagen “Geh weg”: Die Spaßbremse Saskia Esken und Kevin Kühnert meinten tatsächlich zu Wolfgang Thierse und Gesine Schwan sagen zu müssen, sie “schämten” sich ihrer. Noch krasser ein Zitat aus dem Spiegel von dieser Tage:

»Tja, selbst schuld. Wer schwulenfeindliche, reaktionäre, hinterwäldlerische, faschistoide Dreckscheiße von sich gibt, muss mit so einer Reaktion rechnen. Treten Sie zu den Religionsfaschisten von der Union über und werden Sie dort glücklich. Ein verärgerter schwuler Genosse.«

Alles im Namen einer “Identitätspolitik”, die fein säuberlich für jede minoritäre Gruppe haargenau die richtige Interessenvertretung einfordert, die aber kaum so etwas wie Common Sense zulässt. Was wäre z.B. falsch daran, wenn die Lyrik der großartigen Amanda Gorman (siehe Biden Amtseinführung) nicht von jemandem übersetzt würde, der genau die gleiche Pigmentzusammenstellung hat wie diese? Hier wird doch – wollten wir nicht von der Definition von Rassen weg – durch die Hintertür genau diese Kategorie wieder eingeführt.

Leute, ich kann da kann nicht mehr mit! Hatte ich bislang mit meiner Erststimme Rolf Mützenich gewählt, ist der schon wegen seiner für mich nicht nachvollziehbaren Haltung zum Thema Drohnen nicht mehr wählbar. Die Zweitstimme wird diese Partei erst recht nicht bekommen, wenn ein vertrauenswürdiger Mensch und aufrechter Demokrat und Bürgerrechtler wie Wolfgang Thierse dermaßen unter Feuer gerät. Da kann ich nur sagen: “Macht euren Driss alleine”. Wenn Esken & Co demnächst bei 17 % gelandet sind, werde ich wahrlich keine Träne verdrücken.
Ein weiterer Religionsfaschist…

FAZ-Artikel, die in diesem Zusammenhang spannend zu lesen sind:
Wolfgang Thierse: Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft? (22.2.2021)
Jürgen Kaube, Worauf will die SPD verzichten? (3.3.2021)
Peter Brandt und Detlef Prinz, Wie „verqueer“ ist die SPD? (8.3.2021)

Ein erfreulich unaufgeregtes Gespräch zwischen Gesine Schwan (SPD) und Ulrich Matthes (Act out) zum Thema “Identitätspolitik” in der Süddeutschen.

*Vielleicht noch spannend auf ein Detail hinzuweisen am 8.3., immerhin Welt-Frauentag: Der Juso, von dem ich den Parteiaufnahmeantrag beim Plakatekleben 1972 entgegen nahm, phantasierte darüber, eine der jungen Kirchgängerinnen, die vorbeigingen, mit aufgelegtem Willy-Plakat zu vergewaltigen. Ich schäme mich heute, überhaupt unter solchen Umständen den Antrag entgegen genommen zu haben. Wer’s nicht glaubt, fragt Schulfreund Reinhard E.

“Die Ehre der Familie” – Filmtipp

Migration ist wie viele andere soziale Phänomene nach beiden Seiten offen: Sie eröffnet Chancen der Begegnung von Kulturen und Menschen. Sie produziert aber genauso Haltungen und Taten, die eine offene Gesellschaft nicht akzeptieren kann.

Ein Beispiel für Letzteres zeigt der Film “Die Ehre der Familie” (2020, engl. Titel “Honor”). Er macht klar, wie in kurdischen Einwandererkreisen in London männliche Gewalt über Frauen bei kontrollierenden Blicken nicht stehen bleibt, sondern physisch und psychisch manifest wird. Der Plot: Banaz Mahmod ist eigentlich die bravere von zwei kurdischen jungen Frauen in einer Einwandererfamilie. Sie hat sich insgesamt fünf Mal an verschiedene Polizeistellen gewendet unmittelbar nach Prügelattacken oder Erniedrigungen. Keine von denen hat sich  zuständig gefühlt und der Not der jungen Frau Beachtung geschenkt, wenn polizeiliche Maßnahmen nicht im Verwaltungsdickicht verebbt sind. Erst Detective Chief Inspector Goode ahnt die bedrohliche Situation und setzt alles daran, die Vorgänge um Banaz aufzuklären.

90 Minuten zeigen, wie Goode auch aus dem Polizei- und Staatsanwaltsapparat immer wieder behindert wird, was sie aber nicht aufgeben lässt. Ebenso rennt diese bei der Familie der Frau gegen eine Wand. Neben Goode sind ein kurdischer Übersetzter und eine kurdische Gemeinwesenarbeiterin die Sympathieträger des Films. Die reale Ermittlerin, Caroline Goode, der die Filmgeschichte folgt, wurde mit der Queen’s Police Medal geehrt.

Noch bis 27.3.2021 in der arte mediathek, sehr zu empfehlen neben dem vielen Halbgaren, was die Öffentlich-Rechtlichen produzieren.

Den Tisch teilen, aber nicht das Bett

Christinnen und Christen weht zur Zeit ein rauher Wind um die Nase. Das hat mit der sattsam bekannten zögerlichen Bearbeitung des Skandals um sexualisierte Gewalt zumal hier im Kölner Bistum zu tun. Gott sei Dank gibt es mehr zum Thema Christentum, mit dem sich die Beschäftigung lohnt und die positive Seite des Christentums ins Licht rückt. Ein Beispiel ist der Diognet-Brief – etwa aus dem Jahr 190 n. Chr. – der ein erstaunlich selbstbewusstes und hoch-attraktives Christentum demonstriert: Gerade die Gastfreundschaft brachte der Untergrundreligion Christentum vor der Konstantischen Wende viele neue Anhänger.

Der unbekannte Verfasser, der an seinen Adressaten Diognet schreibt, macht deutlich, wie sich Christen selbst verstehen und wie sie – ohne sich von ihren Nachbarn krampfhaft abzusondern – anders leben. Eben etwa durch die oben genannte Gastfreundlichkeit, die sie den Tisch, aber nicht das Bett teilen lässt. Einige weitere Merkmale des Selbstverständnisses und der Lebensweise hier in Listenform:

• Christinnen und Christen setzen Neugeborene und Menschen mit Behinderung nicht aus.

• Sie leben mit allen, aber nicht wie alle, denn sie sind nicht zuletzt auch Bürger des Himmels.

• Sie werden geschmäht, setzen aber andere nicht herab, sondern segnen sie.

• In ihrer Langmütigkeit und Freundlichkeit streben sie ihrem Gott nach, so dass sie sich in dieser Eigenschaft Gott ähnlich zeigen.

Es lohnt sich, diesen Brief einmal komplett zu lesen. Er ist nur unvollständig erhalten und kann mit 15 Minuten Lesezeit aufgenommen werden. Der Brief im griechischen Original oder in deutscher Übersetzung. Danke für den Hinweis, Professor Lutz.

Holocaust-Gedenktag

Schön ist es nicht, an das heute erinnert werden muss: Am 27.1.1945 erreichten russische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz und konnten zumindest einige wenige Jüdinnen und Juden vor der Vernichtung bewahren. Es ist aber konstitutiv für die Bundesrepublik Deutschland, dass dieser beispiellose Genozid nicht relativiert oder sogar als Fliegenschiss in der deutschen Geschichte (Gauland, AfD) verharmlost wird, sondern erinnert wird. Das soll kein weiteres mal geschehen, weder hier noch sonstwo.

Erfreulich, dass auf meiner Straße in Köln-Ehrenfeld heute jemand den Stolperstein poliert hatte und eine Rose und eine Kerze zur Erinnerung gefunden hatte.

Im Bundestag erinnerten eine sehr alte Jüdin und eine sehr junge an dieses Ereignis: Charlotte Knobloch und Marina Weisband. Jüdische Menschen verwenden übrigens eher den Begriff Shoah.

Zuwarten und Aussitzen ist keine Lösung – Woelki und kein Ende

Die leidige Diskussion um die Verantwortung der Bistumsspitze im Skandal um sexualisierte Gewalt in der Kölner Diözese geht leider weiter. Letzte Stationen waren ein völlig unzulässiger Vergleich von NS-Propaganda und der kritischen Berichterstattung über die Kölner Kirche in den lokalen Medien durch Weihbischof Puff. (KStA 23./24.1.2021)

Davor konnte man beobachten, wie der unbotmäßige Pfarrer Koltermann, der den Rücktritt von Kardinal Woelki gefordert hatte, auf Linie gebracht werden sollte. Die Kirchenleitung muss dabei mehr und mehr eine Erfahrung machen: Solche Versuche gehen regelmäßig nach hinten los. Die Kirchengemeinde des Pfarrers aus Dormagen hat sich hinter ihn gestellt, die versuchte Maßregelung musste zurückgenommen werden. Viele weitere katholische Christinnen und Christen haben sich solidarisiert. Es gab dazu eine weiter fortgeführte Online-Petition (s.u.) Wer ein Kirchenbild à la 50er Jahre aufrecht erhalten möchte, liegt schief.

Zuwarten und Aussitzen ist keine Lösung – Woelki und kein Ende weiterlesen

Osman Kavala weiter grundlos in Haft

Von Janbazian - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=78366735Der türkische Mäzen und Kulturförderer Kavala wurde zwar erst im Februar 2020 im sogenannten Gezi-Prozess freigesprochen. Noch im Gericht wurde er jedoch erneut verhaftet und sah sich dieses Mal beschuldigt, am Putschversuch gegen Erdogan vom Juli 2016 beteiligt gewesen zu sein. Irgendwelche Beweise dazu wurden nicht vorgelegt. Ein Antrag an das Verfassungsgericht der Türkei, den Fall Kavalas erneut zu verhandeln, wurde gerade mit 8 zu 7 Stimmen abgelehnt.

Damit versucht der türkische Staat erneut, via einer willfährigen Justiz einen Menschen zum Schweigen zu bringen, der eher weiche Themen besetzt und von den Menschen seiner Umgebung als ungewöhnlich zuvorkommend und freundlich beschrieben wird*. Wer jedoch wie Kavala das schwierige Unterfangen betreibt, an den Völkermord an den Armeniern in der Türkei oder den Umgang mit Kurden zu erinnern, macht sich bei Erdogan und seinen Chargen äußerst unbeliebt. Ein probates Mittel, solche Leute zu deckeln: Untersuchungshaft und noch mal Untersuchungshaft, dann irgendwann mal ein Prozess. Erdogan, Putin, Lukaschenka tun sich beim Umgang mit Dissidenten nicht viel.

Wer noch Hoffnung auf die Entwicklung einer Zivilgesellschaft in der Türkei setzt, sollte Kavalas Namen nicht vergessen. Auf Twitter gibt es eine Petition zur Freilassung von Osman Kavala

Beim Thema Zivilgesellschaft in der Türkei sollte auch Can Dündars Name genannt werden: Er wurde kürzlich sogar zu 27 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zum Glück befindet sich der ehemalige Journalist von Cumhuriyet in Berlin, von wo er seine Arbeit fortführt.

*Anthony Barnett entschuldigt sich in einem Artikel über Kavala, dass er eine Charakterisierung von O. Kavala vorlegt, die man sich normalerweise für einen Nachruf aufspart:  “There are those who try to be good. There are those who are good. And there is Osman Kavala, who is in a league of his own. I have never known anyone as virtuous.” 

 

 

Zivilisierende Wirkung von Kirchen

Wie kommt es zum Kreuz??

Gegenwärtig kommen zwei Dinge zusammen, die aus meiner Sicht deutlich nachteilig sind und sich gegenseitig wechselweise verstärken: Kirche in Deutschland, zumal die katholische Kirche, der ich angehöre, taumelt mehr als das sie zielgerichtet handelt im immer noch nicht entschieden angegangenen Missbrauchsskandal.

Mein persönliches Anschauungsfeld: Das hiesige Erzbistum Köln. Es hat – anders als das Bistum Aachen – einen Missbrauchsbericht von einer Münchner Anwaltskanzlei zwar erstellen lassen, aber bislang nicht veröffentlicht. Vorgegeben für die ausgebliebene Veröffentlichung wurden die Interessen von Missbrauchsopfern. Das stellt für mich einen erneuten Übergriff von Erzbischof Woelki und seinem Generalvikariat gegenüber den Betroffenen dar. Sie wurden instrumentalisiert, um Fehlverhalten z.B. von Bischof Stefan Heße (Hamburg, früher Personalverantwortlicher in Köln) zu verdecken. Alles in allem eine unwürdige, unwahrhaftige und von Glaubenszeugnis meilenweit entfernte Praxis. Das Ergebnis werden Scharen von Leuten sein, die weiter aus der katholischen Kirche austreten. Und – ehrlich gesagt – ich kann es ihnen kaum verdenken.

Das zweite negative Phänomen: Seit Covid-19 haben wir es – ein Vorgang mit zeitweiliger Überschneidung – mit Zeitgenossen zu tun, die sich selbst als Querdenker oder Systemopposition darstellen. Häufig herrscht bei ihnen ein hysterischer Ton vor: Trump als imaginierter Berlinbesucher zeitgleich zur Demonstration am 29.8.2020. Oder eine “Jana aus Kassel”, die allen Ernstes meinte, sich mit Sophie Scholl vergleichen zu müssen. Insgesamt geht es darum, dass einige Leute die zugegeben schmerzlichen temporären Einschnitte der persönlichen Freiheit zum Schutz gegen Covid-19-Viren im Namen von absolut gesetzten Persönlichkeitsrechten strikt ablehnen.

Wie anders könnte sich dieses Problemfeld darstellen, wenn mehr Menschen als die weniger zahlreichen sonntäglichen Kirchgänger regelmäßig mit der christlichen Botschaft in Berührung kämen? Die moralische Seite des Christentums steht zwar nicht im Vordergrund (schon gar nicht im Bereich der Sexualmoral!), sie könnte aber all’ denen – die vor lauter Ich, Ich schon fast in Schnappatmung verfallen – sagen: Pass mal auf, du bist wichtig, du bist sogar unüberbietbar geliebt, aber du solltest dich an diesem Schriftwort messen: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Lev 19,18, Mt 19,19)

Der oder die andere, zumal wenn sie oder er schwach ist, hat also die gleiche Daseinsberechtigung und das gleiche Recht auf Leben und Entfaltung wie ich selbst. Wer das einigermaßen regelmäßig im kirchlichen Rahmen oder per Bibellektüre oder vom Freund oder der Freundin gesagt bekommt, ist für das Sockenschussmilieu der Querdenker, QAnons und anderweitig Verpeilten unrettbar verloren. Katholische Kirche, mach’ endlich deine Missbrauchshausaufgaben, sorge für eine unbelastete Bistumsleitung und kehre dann zu deinem Kerngeschäft zurück: frohe Botschaft verkünden. Du könntest tatsächlich gebraucht werden! Und nicht nur Christinnen und Christen könnten davon profitieren, wenn ein zivilisierter Umgang miteinander auch im kirchlichen Feld verstärkt würde. Auch die Zivilgesellschaft insgesamt könnte erfreut sein, von einer als Teamplayer auftretenden Kirche unterstützt zu werden.

Einmal mehr büßen Armenier ihr Heimatrecht ein

Der Krieg in Bergkarabach ist für’s erste beendet. Ob das der Region auf Dauer Frieden bringt, ist unsicher. Bergkarabach war und ist ein mehrheitlich von ethnischen Armeniern bewohntes Gebiet. (Eine Volkszählung im Jahre 1923 verzeichnete einen Bevölkerungsanteil von Armeniern von 94 %.) In der UdSSR, die sich wenig um lokale Besonderheiten scherte, wurde dieses Gebiet 1923 Aserbaidschan zugeschlagen. Was genau ein Autonomes Gebiet – als solches war Bergkarabach verfassungsrechtlich eingeordnet worden – ausmachen sollte, blieb in den folgenden Jahrzehnten umstritten.

Die Auflösung der Sowjetunion bot nach einem von 1992 bis 1994 dauernden Krieg den Armeniern in Bergkarabach Gelegenheit, sich für unabhängig zu erklären. Allen Armeniern steckt das kollektive Trauma in den Knochen, dass zu Beginn des 1. Weltkriegs auf dem Gebiet der heutigen Türkei und Syriens ein Genozid an 1,1 bis 1,5 Millionen Armeniern verübt wurde. Dass man sich unter diesen Umständen gerne selbst um seine Sicherheit kümmern und sie nicht den Aseris anvertrauen wollte, die mit der Türkei eng verbunden sind, ist nicht verwunderlich. Ohnehin hatte es in den 90er Jahren eine Vielzahl von kleineren Pogromen auf dem Gebiet von Aserbaidschan gegeben, die in der Mehrzahl Armenier als Opfer hatten.

Die Entwicklung seit September 2020 verlief sehr eindeutig: Die militärische Unterstützung durch die von alten Großmachtsideen geleitete Türkei, die Waffenhilfe von Dschihadisten-Söldnern aus Syrien und Libyen und die durch Öleinnahmen finanzierte Militärmacht Aserbaidschans hatten in den letzten Jahren die Gewichte deutlich zu Ungunsten Armeniens und Bergkarabachs verschoben. Der im Spätsommer begonnene offene militärische Schlagabtausch zeigte rasch, dass Bergkarabach kaum zu verteidigen war.

Es darf bezweifelt werden, ob die neuen Bewohner der eroberten Gebiete zumindest die zum Teil 600 und mehr Jahre alten Kirchen unberührt lassen. Auf dem Bild das Dadiwank-Kloster, von dem Christen vor dem Rückzug Abschied nehmen. Ob Russland als maßgebliche Garantiemacht des Waffenstillstands ausnahmsweise mal einen Beitrag für Frieden liefert, bleibt ebenso zweifelhaft.

Infos zum Krieg aus der Liberation (auf Französisch)

Nachtrag 25.11.2020: Das kulturelle Gedächtnis wird nun – wie ich schon befürchtet hatte – vernichtet. Man stelle sich das Geschrei vor, wenn nicht das Kloster Dadiwank, wie im taz-Artikel beschrieben, sondern eine Moschee zerstört würde. taz-Artikel zu den mutwilligen Zerstörungen in Bergkarabach

Günter de Bruyn – Chronist und Erzähler verstorben

Bereits am 4. Oktober 2020 verstarb de Bruyn 93jährig. Mit ihm ist ein wahrlich uneitler und authentischer Chronist der deutschen Geschichte der letzten 80 Jahre verstorben. Seine autobiographischen Werke Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin und 40 Jahre. Ein Lebensbericht können als sachlicher Kontrapunkt zum aktuellen Blockbuster „Berlin Babylon” gelesen werden. Allerdings nimmt de Bruyn den Blick eines homme de lettres, keines Kriminalisten ein. An scharfem Hingucken – auch was die eigenen Niederlagen und Unzulänglichkeiten betrifft – lässt es de Bruyn trotzdem nicht mangeln.

Das Werk

Einem größeren Publikum ist de Bruyn als Schriftsteller bekannt, der Romane und Erzählungen hervorgebracht hat. Dazu gehören Buridans Esel, Preisverleihung, Die neue Herrlichkeit und eine Jean-Paul-Biographie, um nur einige zu nennen. Vieles war mit Landschaft und Geschichte der näheren und weiteren Heimat verknüpft. In diesem Sinne war de Bruyn ausgesprochen bodenständig, aber keineswegs provinziell. Ein sehr schlichtes ländliches Ausweichquartier in der Lausitz war schließlich auch eine Fluchtburg,  wenn der Anpassungsdruck dem Nonkonformisten und Systemgegner de Bruyn in Berlin mal wieder zu stark zusetzte.

Vita…

Bleiben wir bei de Bruyns Biographie: Detailreich kann er zunächst darstellen, wie er als 1926 Geborener das Nazi-Reich noch bewusst als Flakhelfer und Soldat erlebt. Bedeutungsvolle Orte dieser Zeit sind Britz, Berlin Neukölln und Pommern. Weitere Stichworte hier im Stenogramm-Stil: De Bruyn stammt aus einer Auswandererfamilie, die während des 1. Weltkrieges zeitweise in Russland lebte. Die katholische Herkunft und Überzeugung bewirkte eine Immunisierung sowohl gegen die HJ als auch die FDJ. In den letzten Aufgeboten der Wehrmacht verheizt zu werden, verhindert seine schwache Gesundheit. Eine kurze Kriegsgefangenschaft schließt sich an und endet mit einem langwierigen Treck mit Sudeten-Deutschen aus Tschechien Richtung Westen.

Nach dem Krieg arbeitete de Bruyn einige Jahre als Aushilfslehrer, bis er durch eine Ausbildung als Bibliothekar seine Bücherliebe beruflich verwerten konnte. Gleichzeitig ermöglichte dieser Brotberuf, etwas Freiraum für seine schriftstellerischen Versuche zu erwerben. Schon früh war klar, dass de Bruyn sich dem erwarteten Druck, der SED beizutreten oder zumindest verbal still zu halten, nicht entsprechen wollte. Dieses Eintrittsbillet für eine wohlfeile Karriere entsprach ihm nun überhaupt nicht.

…und DDR

Die Reaktion auf dieses widerständige Verhalten ließ nicht auf sich warten. Buchveröffentlichungen wurden verhindert oder mit unzumutbaren Änderungslisten versehen. Einen Rückzugsraum, um bei wackeliger Gesundheit dem Alltagsdruck und den kleinen Tritten gegen das Schienenbein zu entkommen, fand de Bruyn schließlich auf einer seiner zahlreichen Exkursionen auf’s Land. Es war eine heruntergekommene Mühle in der Lausitz, die er mit viel Einsatz wieder bewohnbar machte. Zu einer saukomischen Schilderung gerät, wie er auszog, in der ländlichen Umgebung – Karl May stand Pate – ein Pferd zu halten. Weil er dem Verkaufsdruck des Bauern nicht gewachsen ist, kommt er noch dieser Unternehmung nicht mit einem, sondern mit drei Pferden zurück. Die Pferde, alles andere als handzahm, führen den verhinderten Bauern in jeder Hinsicht vor. De Bruyn beschreibt von sich, wie froh er war, die Pferde vor Einbruch des Winters – wenn auch mit finanziellem Verlust – wieder loszuwerden.

Günter de Bruyn – Chronist und Erzähler verstorben weiterlesen

Christentum und Ferner Osten

West nach Ost

Obwohl geographisch sehr entlegen, war das Interesse von christlichen Ordensleuten an China und Japan schon früh groß. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts zogen die Jesuiten Matteo Ricci (siehe Bild) und Michele Ruggieri mit Zwischenstationen nach China. Sie ließen sich dort auf Sprache und Kultur dieses großen Landes ein. Ricci schlüpfte in das Gewand eines buddhistischen Mönchs und fand durch seine vielfältigen wissenschaftlichen Kenntnisse Beachtung. Er gewann nicht wenige Menschen für das Christentum und starb als geschätzter Gelehrter 1610 in China. Ihm wurde die Ehre zuteil, auf einem Friedhof in Peking beigesetzt zu werden.
Eine Besonderheit in seiner Vermittlung des Christentums war, dass er den traditionellen Ahnenkult nicht abwertete, sondern – letztlich vergeblich – in seine geistige Sendung zu integrieren versuchte.
Weniger erfolgreich war der Versuch von Jesuiten, in Japan das Christentum bekannt zu machen. Eindrucksvolle Zeugnisse dieses Scheiterns liegen in Scorseses Film und der gleichnamigen Buchvorlage von Endo (“Silence”) aus jüngster Zeit vor. Sowohl in China als auch in Japan spielt das Christentum heute eher eine untergeordnete Bedeutung.

Ost nach West

Gedanken- und Ideenaustausch fand – und findet noch heute – auch in der Gegenrichtung statt. Hier ist vor allem an Zen zu denken, der von verschiedenen Menschen als Bestandteil christlicher Meditationspraxis etabliert wurde. In Japan hat sich der 1990 verstorbene und aus Deutschland stammende Hugo Enomiya-Lassalle SJ als einer der ersten dieser aus dem Buddhismus stammenden Meditationsform geöffnet. In Deutschland ist weiterhin Stefan Bauberger SJ zu nennen, der Zen aktiv betreibt und für kirchliche Praxis für wertvoll hält. Unter dem Namen Ashram Jesu gibt es in Oberzeuzheim, in der Nähe von Limburg und Hadamar gelegen, und in St. Peter, Köln, Initiativen, Zen in einem christlichen Umfeld zu betreiben.