Häretiker Woelki

Die Beratungen zum Synodalen Weg in der katholischen Kirche fanden am vergangenen Wochenende ihren Abschluss in Stuttgart. Allerdings ohne Beteiligung von Kölner Bischöfen. Ein Selbst- und Amtsverständnis des hiesigen Kardinals Woelki, unmittelbar von Christus eingesetzt worden zu sein und deswegen nicht in einem Gremium mit Laienbeteiligung mitarbeiten zu dürfen, hat der Kirchenrechtler Thomas Schüller aus Münster „strukturell häretisch“ genannt (KStA 29.1.26). Nach Gutsherrenart den eigenen Willen für absolut zu halten, hat mit christlicher Kirche wirklich nichts zu tun. Ich habe in meinen Ekklesiologievorlesungen gelernt, dass Kirche bis zur umfassenden Verwirklichung des Reiches Gottes eine vorläufige und begrenzte Organisationsform darstellt. Solchermaßen relativiert sollte ein Hochmut, wie ihn Woelki pflegt, gar nicht erst gedeihen dürfen. Die Mahnung von Thomas Schüller „Ein Bischof ohne Volk ist – nichts“ dürfte sich bald auch auf andere Weise bewahrheiten, wenn Woelki alle vertrieben hat, die sich für eine lebendige und von allen getragene Kirche einsetzen. Er scheint sich das Ziel gesetzt zu haben, katholische Kirche im Rheinland endgültig gegen die Wand zu fahren.

Papst Leo, bitte üben Sie einen Akt der Barmherzigkeit und befreien uns von diesem Verkünder der unfrohen Botschaft Woelki!

A London Diary – NS-Opfern ein Gesicht geben

Selbstbildnis von Lili

Meine Mutter hatte in ihrer Grundschule zahlreiche jüdische Mitschülerinnen. Man schrieb das Jahr 1931 und so etwas wie ein Hitler-Deutschland schien ziemlich weit weg. Das suggerieren jedenfalls die Bilder der Geburtstagsfeier von Lili Cassel. Meine Mutter wurde übrigens exakt einen Monat vor Lili geboren.

Was kam, ist allen bekannt: Unterdrückungsmaßnahmen, Ausschluss von den den meisten Berufen, willkürliche Verhaftungen und Ermordungen und schließlich systematische Vernichtung aller Jüdinnen und Juden. Familie Cassel hatte diese Entwicklung vorausgesehen und konnte erreichen, dass Lili gemeinsam mit ihrer Schwester nach den Novemberprogromen 1938 nach England auswanderte. Auch den Eltern gelang die Flucht nach England, von dort später mit den Kindern in die USA.

Wie rasch und auf welch hohem Niveau Lili (mit 15 !) sich mit ihrer neuen Umgebung in England und speziell in London auseinandersetzte, zeigt das jetzt als Buch zugängliche A London Diary. Kein Wunder, dass Lili später als Lili Cassel-Wronker eine Karriere als Illustratorin und Typographin gelang. Und es berührt einen, wie unbefangen Lili Gasmasken malt, um dann zu schreiben: „Ich hoffe nur, dass sie [die Menschen] sie nie brauchen werden.”

einige Seiten aus dem Tagebuch

Unser Vermächtnis in Deutschland ist (gestern war Holocaust-Gedenktag), zumindest mit allem, was vertriebene Jüdinnen und Juden hinterlassen haben, auf ihr Schicksal eindringlich hinzuweisen. Und energisch aller Ausgrenzung, wo immer sie geschieht, jetzt und in Zukunft zu widerstehen.

 

Lili Cassel-Wronker, A London Diary.Vorwort von Ursula Krechel, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2025, 22 €

Evangelische Kirche auf Abwegen?

Kirchen sind in der Moderne gefordert, neue Wege zu beschreiten, christlichen Glauben zu leben und zu bekennen. Soweit d’accord. Wenn – nennen wir es mal so – das Markenprofil dabei über die Wupper geht, geht es in die falsche Richtung. Mein Eindruck ist, dass die evangelische Kirche da an einigen Orten falschen Wegmarken folgt.

Hier in Köln gibt es zwei Beispiele:
• In Köln-Longerich wird die Immanuelkirche in der Paul-Humbug-Straße niedergelegt und durch eine Cafédrale ersetzt. Die Pläne (auch im Netz zu finden) sehen eine Kombination aus Gemeindezentrum, Wohngebäude, Co Working Space und Kita vor.
• In Köln-Michaelshoven gibt es dann die Wohnzimmerkirche. Das ist nett für einen Seniorennachmittag. Aber ob in einem solchen Gewusel Gottesbegegnung stattfinden kann, wage ich zu bezweifeln. Das war für mich als Christ katholischer Provenienz bisher ein positives Merkmal, dass evangelische Kirchen eher nüchtern daher kamen und einen Fokus auf Altar und Kanzel setzten.

Wie soll ich in all dem Plüsch Abstand von meinem Alltagsleben gewinnen und mein Leben reflektieren und vor Gott tragen?

• Das krasseste Beispiel kommt aus Berlin. Dort hat die Pfarrerin Lena Müller eine polyamoröse Gemeinschaft von vier Männern gesegnet. Das Ganze fand im Rahmen eines Pop-up-Hochzeitsfestivals (hmmm…) statt. Mit dem Umfeld Pop-up-Hochzeitsfestival sollte es nicht Wunder nehmen, dass diese Segnung in die Nähe einer Trauung gestellt und in der Öffentlichkeit genauso wahrgenommen wurde.

Es ist richtig, die Menschen dort aufzusuchen, wo sie sind. In diesem Sinne war das Wort vom Stallgeruch, den Kirchen nach Ansicht des verstorbenen Papstes Franzikus annehmen sollten, ein hilfreicher Begriff. (Der wollte auch Gottesdienste in umgebauten Garagen ermöglichen.) Auch der Ansatz Citypastoral in seinen verschiedenen Formen ist fruchtbar.

Bei der Suche nach geeigneten Räumen für lebendige Gemeinden muss man auch mal die Möglichkeit für kleinere Missverständnisse in Kauf nehmen. Generell können kirchliche Räume z.B. durch eine entfernbare Bestuhlung für mehr Zwecke verwendet werden (z.B. Weihnachtsmarkt, Lesungen, Ausstellungen… ). Das tut dann aber einem (wieder) umgerüsteten Raum für die Gottesdienstgemeinde keinen Abbruch.

Überspannen Gemeinden den Bogen, verschwindet Christentum im Nebulösen, wenig Identifizierbaren. Sie geben dann ohne Not Begegnung mit der Wort Gottes und Liturgie auf. Für Jugendliche und junge Erwachsene auf der Suche nach Gott wird so ein Angebot kaum attraktiv sein. Sie werden sich dann eher muslimischen Gemeinden oder tendenziell fundamentalistischen christlichen Gruppen zuwenden. Das wäre in meinen Augen sehr zu bedauern. Und natürlich brauchen Gemeinden auch Platz für Begegnung untereinander, gerade wenn die Begegnung mit anderen Christinnen und Christen im Alltag weniger häufig ausfällt.

Kirche bei den Menschen – ja bitte, Kirche, die sich fortwährend anbiedert, nein Danke.

Netz – Anna Sokolova in St. Peter

Die weißrussische Künsterin Anna Sokolova hat mit Netz eine beeindruckende Installation nach St. Peter gebracht. Sie passt besonders gut in die Advents- und Weihnachtszeit mit diesem Jesaja-Wort:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Zuletzt fand ich die Ausstellung EMBODIES von Johanna von Monkiewitsch eher nichtssagend und habe sie bei mir als Matrazengruft abgespeichert. Wohlan, mehr Kunst, die sich sinnlich und ohne guten Willen unendlich bemühen zu müssen erschließt.

Requiem für eine marode Brücke – ein besonderes Theaterstück im Kolumba

während einer Probe

An manchem muss Köln schwer tragen: Bauprojekte wie Oper oder Miqua, die jeden Zeit- und Kostenrahmen sprengen, einem Kardinalfehler, einer noch nicht verheilten U-Bahn-Wunde, der Selbstbesoffenheit der Kölner, einem Stadtrat, der für klein-klein steht …. Einerseits. Andererseits ist Köln aber immer wieder in der Lage, verblüffend Neues und Originelles zu schaffen. Wie jetzt bei einer Kooperation quer über normalerweise getrennte Einrichtungen und Milieus hinweg deutlich wurde.

Es geht um die Aufführung des Stücks „Requiem für eine marode Brücke” im Kolumba. Zusammen kommen das Schauspiel Köln, das Kolumba als Austragungsstätte, der Domchor und der Experimentalchor Köln. Und heraus kommt ein Theatererlebnis der besonderen Art, das bei Besucherinnen und Besuchern noch lange nachhallen dürfte.

Der Inhalt kann grob umrissen werden mit der Frage, wie kann und soll der öffentliche Raum gestaltet werden. Wem wird Priorität eingeräumt? Den Autos, Männern, die motorisiert zur Arbeit müssen oder Grünflächen und kleinräumigen und nachbarschaftlichen Strukturen, die die Bedürfnisse von Frauen und Kindern in den Blick nehmen. Aber auch Wohnraum ist ein Thema: Wie können beispielsweise ältere Menschen sicher und leichter aus zu großen Wohnungen in kleinere Wohneinheiten gelangen, um Platz für Familien mit Kindern zu schaffen?

Auf der Ebene der musikalischen Inszenierung ragt der Chor „Denn wir haben hier keine bleibende Statt” aus Brahms „Deutschen Requiem” heraus. Vorgetragen wird er von den jungen Sängerinnen und Sängern des Domchors. Er hebt mit Worten aus dem Hebräerbrief die Frage nach den Umständen, unter denen wir leben, auf eine metaphysische Ebene.

Was dieses Stück besonders macht, ist die Kreativität und das spielerische Moment, mit denen die Ausstellungsstücke des Kolumba einbezogen werden. Die Kugelbahn von Manos Tsangaris wird so zum Sinnbild für die Kanalisation. Oder die großformatigen Bilder von Anna und Bernhard Blume erläutern die neun Planungsschritte der imaginären HAIO.

Überhaupt die Verwaltungsordnung HAIO. Sie soll – wie von der überragenden Hasti Molavian als Juristin erläutert – Planungsprozesse in der Stadt rational gestalten.* Im Subtext dient diese Ordnung vorwiegend dazu, Verantwortlichkeit zu kollektivieren und letztlich zu atomisieren und Kostenangaben zu streamlinen. Jedem Kölner und jeder Kölnerin werden dazu reale Vorgänge in der Stadt einfallen.

Hier bei der Inszenierung dieses Irrsinns darf aber auch gelacht werden. Die Absurditäten des aufgespreizten Planungsprozesses lassen kaum eine andere Reaktion übrig. Von einem zum nächsten Augenblick wechselt dann die Juristin zu einer gewaltigen Gesangseinlage. Diese endet passend im von Terry Fox (einem Hausheiligen des Kolumba) entlehnten Geknödel und Gewürge der Sängerin, eine passende Metapher für Planungsprozesse nicht nur in Köln. Großes Kino!

Dieser Teil des Spiels wird dann fortgeführt, indem das Publikum in den Zentralraum 13 des Kolumba geführt wird. Das Schlusstableau ist der diskursive Teil des Stückes. Benjamin Höppner nennt einige Stichworte, wie Stadt zukünftig gestaltet werden soll: Nutzung des öffentlichen Raumes durch wen und mit welcher Priorisierung? Und Transformation des bestehenden Zustands zu einem, in dem Grünflächen und Plätze Menschen zum Aufenthalten einladen. In einer solchen Stadt sind auch Libellen oder Frösche ein Thema. Dazu passt der an die Decke geworfene Dschungelhimmel. Hier kommt noch einmal der Experimentalchor zum Einsatz. Er steuert Klänge und Töne bei, wie sie ein solcher Lebensraum hervorbringen könnte.

Ob es sich bei diesem Requiem nun um ein simples Theaterstück handelt oder eine Oper oder ein Mysterienspiel, mögen zukünftige Studierende untersuchen. Es bleibt in jedem Fall ein Spiel für alle Sinne, das dem Thema Stadtplanung und Partizipation eine völlig neue Facette verleiht. Das schönste Geschenk hat sich der scheidende Leiter des Kolumba, Stefan Kraus, damit selbst gemacht. Neben ihm ist Regisseurin Anna-Sophie Mahler zu nennen, die der Theaterkunst ein neues Kapitel hinzufügt.

Weitere Termine für dieses besondere Stück im neuen Jahr. Eine positive Würdigung findet sich in der Süddeutschen, die Dorfzeitung aka Kölner Stadtanzeiger war überfordert und badet in Defizitorientierung. Suum cuique…

*Das Thema Stadtplanung und Architektur in der Stadt war bereits in der Jahresausstellung Liebe deine Stadt von 2022/23 Thema.

Biermann in Köln, die zweite

Wie kann man mit fast 89 noch die Anstrengungen eines Konzertes stemmen? Wolf Biermann wählte am 1.11.2025 im Tanzbrunnen unweit der legendären Sporthalle vom seinem ersten Konzert in Köln einen klugen Ansatz: Angesagt von seiner charmanten Frau Pamela bestritten andere Künstlerinnen und Künstler, auf die ein oder andere Art mit Biermann verbunden, diese Hälfte.

Knallig los ging es mit der Band Van Holzem aus Ulm, die das Thema Hoffnung / Hoffnungslosigkeit auf ihre Art interpretierte. Gitarristin Nora Buschmann (Jg. 1969) begeisterte mit lateinamerikanischen Stücken und konnte auf die Gespräche im Elternhaus verweisen, die sich in der DDR aus Biermanns Ausbürgerung ergaben. Ein Heimspiel war dann der Auftritt von Wolfgang Niedecken, der von Mike Herting am Flügel begleitet wurde. Später waren noch Campino und Kuddel von den „Toten Hosen” am Zug mit einer überzeugenden Version der „Ermutigung”.

Dann schaltete sich Biermann in den Auftritt ein mit der Ballade vom „Preußischen Ikarus”. Er beherrscht die Gitarre nach wie vor meisterlich und seine Stimme lässt keinen fast Neunzigjährigen vermuten. Die „Bilanzballade im dreißigsten Jahr” brachte dann Günter Sommer und Uli Gumpert, ausgewiesene Jazzer, ins Spiel. Sommer wusste zu berichten, wie er das Schlagwerk, das er bei der Aufnahme von Biermanns LP verwendete, unter den Augen der Stasi in die Chausseestraße 131 schaffen konnte. Biermanns Korrekturen an Günter Sommer beim Reenactment dieser Aufnahme zeigten die zickige und weniger sympathische Seite von Biermann.

Alles in allem war es ein lohnendes Konzert von diesem Großmeister des politischen Liedes in Deutschland. Und Biermann zum zweiten Mal bei einem Konzert in Köln zu erleben, ist ein Erlebnis, um es den Enkeln zu erzählen. Biermann hat viele Einflüsse aufgenommen und Impulse weitergegeben. Insgesamt ist er mit seiner Lebensspanne von 1936 bis heute ein Stück deutscher Geschichte auf zwei Beinen. Überzeugend für mich sein Motto „Nur wer sich ändert / bleibt sich treu”. Dass er überhaupt noch da sei, sprach Biermann am Ausgang des Konzertes mehr zu sich selbst. Das war sicher eine sehr ehrliche Aussage.

Der Terror der Abstraktion. Wie ein Anschlag auf Berliner Infrastruktur gerechtfertigt wird

Am 9.9.25 wurden durch Brandanschläge in den Berliner Stadtteilen Treptow und Köpenick ca. 50.000 Haushalte teilweise für bis zu 3 Tagen vom Stromnetz abgeschnitten. Im Klartext bedeutet das Busse und Bahnen, die nicht verkehren, Aufzüge, die ausfallen, Kühltruhen, deren Inhalt verdirbt, Beatmungsgeräte, die versagen u.a.m. In jedem Fall steht dieser Anschlag für vielfachen Eingriff in das Privatleben von Menschen in der Größenordnung einer mittleren Kleinstadt.

Das Bekennerschreiben bei indy media verdient Aufmerksamkeit, weil es die Denke der Täterinnen und Täter offenlegt. Übrigens auch nicht lesbarer als das, was RAF, Bewegung 2. Juni & Co von sich gaben. Der Text entpuppt sich mit ca. 12.000 Zeichen als kleine Fleißarbeit. Ein Kernsatz zur Rechtfertigung der Anschläge lautet: „Kritische Infrastruktur anzugreifen, bedeutet eine der Hauptadern der Unterwerfung des Menschen über den Menschen und der Natur anzugreifen.” Die böse Instanz, die die Unterwerfung von Mensch und Natur ins Werk setzt, ist also die „Infrastruktur”. Als Element dieser Infrastruktur wurde für die Attacke der ubiquitäre Strom ausgewählt. Als ließe sich Energie für das Textverarbeitungsprogramm, das die Täter mit Sicherheit für ihren Text nutzten oder mit der auch Autonome mit S- oder U-Bahn von A nach B fahren, von deren vermeintlich verwerflicher Nutzung durch böse Firmen trennen. Zu diesen zählen die Täter Atos, Astrial , die DLR, Edag, Eurovia/Vinci, Jenoptik, Rohde & Schwarz, Siemens und Trumpf. Das sind Firmen, die mit Chips arbeiten oder Luft- und Raumfahrt betreiben oder in Rüstungsherstellung involviert sind oder simple Baufirmen. Im Umkehrschluss muss aber die Frage erlaubt sein: Soll eine EU, die sich einer russischen Aggression in der Ukraine, in Georgien oder noch unterhalb der Schwelle manifester Gewalt  in Polen oder dem Baltikum gegenübersieht, einfach unterwerfen? Was die nach wie vor bestehenden Blöcke angeht, muss man den Verfasserinnen und Verfassern entweder bodenlose Naivität oder stillschweigende Übereinkunft mit Russland unterstellen.

Nachdem sich die Autorinnen und Autoren über die aus ihrer Sicht totalitäre Wirkungsweise der Gesellschaft ausgelassen haben, bleibt eine Frage unbeantwortet: Wo ist – und sei es nur ansatzweise – eine Gesellschaft oder ein Modell zu finden, die aus diesem Jammertal hinausführen? Sind da etwa Venezuela, Kuba, Russland, Nord-Korea oder China gemeint? Gott bewahre! So zu fragen ist aber mit Sicherheit für die Autorinnen und Autoren des Textes nicht statthaft: Im Zweifelsfall hat der Fragende den großen und totalitären Verblendungszusammenhang nur noch nicht wahrgenommen.  Wer aber in solcher Abstraktion lebt (formal am absoluten Übergewicht der Nomen gegenüber Verben erkennbar), ist für lebenspraktische Fragen nicht mehr erreichbar.

Was wäre zu tun? Konsequenz aus diesen Anschlägen sollte sein, dass solche Taten wie auch Anschläge auf das Bahnnetz mit deutlich höheren Strafen geahndet werden. Gleichzeitig muss kritische Infrastruktur besser gesichert werden. Erfreulich, dass die taz bei den Täterinnen und Tätern generelle Probleme mit der Moderne feststellt. Zum Schluss noch eine kleine Kostprobe für die Weltsicht des Textes:  „alle starren auf ihre Bildschirme. Unmengen Autos durchqueren die Straßen, der Blaulichtlärm erschrickt die wenigen Vögel, die über der Stadt kreisen…”. Wenn die Konsequenzen nicht so ernst wären, könnte man über diese Lyrik lachen…

Priester Ue. und Kardinal Woe.

Vor kurzem wurde in erster Instanz die Klage eines Opfers sexualisierter Gewalt gegen das Erzbistum Köln zurückgewiesen. Die Klägerin war mit Billigung eines Vorgängers von Kardinal Woelki in den Haushalt eines Priesters gegeben worden und wurde über Jahre sexuell missbraucht. Die Folgen waren zwei Schwangerschaften und eine Abtreibung. Die Klägerin hatte maßvolle 850.000 € als persönliche Kompensation gefordert. Ein letztinstanzliches Urteil steht noch aus.

Jeder Mensch mit Restbeständen von moralischem Urteilsvermögen wird hat sich auf die Seite von Frau F. gestellt haben. Die Kommentare hier im Lokalblatt Kölner Stadtanzeiger waren der Sache angemessen. Joachim Frank sprach am 3.7.25 von einem „Moralische(n) Totalausfall” des Erzbistums. Er wies auf die absurde Argumentation des Erzbistums hin, die zwischen einer Amts- und einer Privatperson Ue. unterscheiden wollte. Nur der Privatperson Ue. sei der sexuelle Missbrauch anzulasten. Das Ue. Stunden vor und nach dem Beischlaf mit seiner Schutzbefohlenen als Priester auftrat? Nebbich.

Diese Argumentation hat in Köln viele mit Recht in Rage gebracht. Man sollte von Kirchenleuten an dieser Stelle eigentlich Demut erwarten. Das ist aber nicht das Ding von Woelki und seiner Kamarilla. Frank Hüppelshäuser, Amtsleiter von Woelki, sprach allen Ernstes von einer „menschenverachtende(n)“ Berichterstattung. Da bleibt mir die Spucke weg und Woelki reiht sich ein in die Liste der Menschen mit „reality distorsion“, einer chronisch fehlerhaften Realitätswahrnehmung.

Mein Bild dazu: Jesus hat, wie in Mt 21,12 dargestellt, angesichts einer verdinglichten und entfremdeten Religion die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel getrieben. Ein Reinigungsakt. Das müsste genau so mit einem halsstarrigen Woelki passieren. Dass sich Jesus unter uns materialisiert und diesen Job übernimmt? Eher unwahrscheinlich. Gott wirkt durch die Menschen: Also sind wir gefordert.

Es gibt übrigens Diözesen in Deutschland, von denen Köln definitiv etwas lernen kann. Ich habe letztens als Lektor im Bistum Speyer eine Vermeldung machen dürfen, in der auf eine Veranstaltung zur „queersensiblen Pastoral” hingewiesen wurde.

Venedig wieder bezos-rein

Interessiert Sie, mit wem Herr Bezos gerade rum macht? Mich allenfalls im Umfang von 4,5 Sack-Reis-Äquivalenten…

Um so hat es mich geärgert, dass Herr Bezos Venedig als Staffage für sein Narzissten-Dings missbrauchte. Aber jetzt ist Venedig endlich wieder Bezos-rein. Mögen Besucherinnen und Besucher, nicht mehr in milder Geiselhaft dieses Herren, das Juwel europäischer Baukunst und Städtebaus (und fast durchweg ohne Autoverkehr!!!) wieder angemessen genießen und bewundern können.

Wir sollten auch – ceterum censeo – darüber nachdenken, allen Amerikanern (nachgewiesene Nicht-Trump-Wähler ausgenommen) 50 € Eintrittsgeld für Europa abzunehmen.

Quelle: Canaletto,Veduta del Palazzo Ducale, Wikipedia [gemeinfrei]