Der türkische Mäzen und Kulturförderer Kavala wurde zwar erst im Februar 2020 im sogenannten Gezi-Prozess freigesprochen. Noch im Gericht wurde er jedoch erneut verhaftet und sah sich dieses Mal beschuldigt, am Putschversuch gegen Erdogan vom Juli 2016 beteiligt gewesen zu sein. Irgendwelche Beweise dazu wurden nicht vorgelegt. Ein Antrag an das Verfassungsgericht der Türkei, den Fall Kavalas erneut zu verhandeln, wurde gerade mit 8 zu 7 Stimmen abgelehnt.
Damit versucht der türkische Staat erneut, via einer willfährigen Justiz einen Menschen zum Schweigen zu bringen, der eher weiche Themen besetzt und von den Menschen seiner Umgebung als ungewöhnlich zuvorkommend und freundlich beschrieben wird*. Wer jedoch wie Kavala das schwierige Unterfangen betreibt, an den Völkermord an den Armeniern in der Türkei oder den Umgang mit Kurden zu erinnern, macht sich bei Erdogan und seinen Chargen äußerst unbeliebt. Ein probates Mittel, solche Leute zu deckeln: Untersuchungshaft und noch mal Untersuchungshaft, dann irgendwann mal ein Prozess. Erdogan, Putin, Lukaschenka tun sich beim Umgang mit Dissidenten nicht viel.
Wer noch Hoffnung auf die Entwicklung einer Zivilgesellschaft in der Türkei setzt, sollte Kavalas Namen nicht vergessen. Auf Twitter gibt es eine Petition zur Freilassung von Osman Kavala
Beim Thema Zivilgesellschaft in der Türkei sollte auch Can Dündars Name genannt werden: Er wurde kürzlich sogar zu 27 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Zum Glück befindet sich der ehemalige Journalist von Cumhuriyet in Berlin, von wo er seine Arbeit fortführt.
*Anthony Barnett entschuldigt sich in einem Artikel über Kavala, dass er eine Charakterisierung von O. Kavala vorlegt, die man sich normalerweise für einen Nachruf aufspart: “There are those who try to be good. There are those who are good. And there is Osman Kavala, who is in a league of his own. I have never known anyone as virtuous.”



Boris Johnson hat 2016 eine Weile überlegt, welches Projekt ihm persönlich am meisten Fortkommen verschaffen würde: Ein Vorstoß zu mehr britischem Gewicht innerhalb der EU oder ein Frontalangriff auf die EU. Es kam – wie wir inzwischen wissen – zu der „Vote Leave”-Kampagne. Ein griffiger Slogan lautete damals We send the EU £35 million a week / let’s fund our NHS instead. Solche Parolen und eine hochprofessionell auf Zielgruppen ausgerichtete Propagandamaschine über Social Media verfehlten ihre Wirkung nicht. Am Ende stand ein Abstimmungsergebnis von 52 % zu 48 %. Junge Leute waren überraschender Weise weniger zahlreich im Irrglauben zur Abstimmung gegangen, ihre Stimmen seien entbehrlich.


Köln hat eine türkische Community, die 10 bis 15 % der Wohnbevölkerung erreichen dürfte. Als Lehrer in Köln-Nippes machte sich das für mich oft so bemerkbar, dass zahlreiche Eltern, häufiger noch die Mütter, so gut wie kein Deutsch sprachen oder verstanden. Wie häufig saßen dann die Eltern beim Elternsprechtag vor mir und bekamen kaum mit, was ich zu ihren Kindern vermitteln wollte. Deutsch sprechen zu können war für sie – so empfanden sie – auch gar nicht nötig: Eingekauft, zum Friseur oder in ein Teehaus gegangen wurde im türkischsprachigen Umfeld. Waren dann noch die Ehefrauen aus der Türkei eingeflogen worden, hatten diese noch nicht einmal im Kindergarten oder in der Schule mit der deutschen Sprache und mit Deutschen Kontakt aufgenommen.
