Bernie Sanders warnt vor dem Umbau der USA zu einem autoritären Staat

Wer eine Niederlage einfährt, leckt sich vielleicht eine Weile die Wunden, rappelt sich dann aber wieder auf. Demokratische Partei in den USA? Fehlanzeige.

Gut, dass ein Bernie Sanders (83, sic) bei diesem Verkriechen nicht mit macht. Er hielt am 11.2.25 eine Rede im Senat. In dieser warnt er glasklar vor dem Umbau der USA zu einem autoritären Staat. Sanders warnt nicht nur vor dem dramatischen Auseinanderklaffen des Reichtums. Hier die Musks, Bezos und Zuckerbergs, dort die große Mehrheit, die sich die Medikamente, die ihnen verschrieben wurde, nicht mehr leisten können. Auch ein Justizwesen unter Druck ist höchst bedrohlich. Genauso eine Presse, die sich Schadensersatzforderungen gegenüber sieht, sobald Unrecht beim Namen genannt wird. Auf den Punkt gebracht lautet die Gegenüberstellung bei Sanders: Statt der von Abraham Lincoln 1863 in Gettysberg beschworenen Regierung „of the people, by the people, for the people” steht als neue Vision „a government of the billionaire class, by the billionaire class, for billionaire class”. Amerikanerinnen und Amerikaner, zieht euch warm an…

Verständlich, dass er mit diesen klaren Worten offenbar vor einem weitgehend leeren Saal reden muss. Glücklicherweise ist diese Rede aber via youtube verfügbar. Wer sie hört, kann sich an diesem alten Haudegen aufrichten.

Der Text der Rede zum Nachlesen findet sich hier.

Meyerhoffs Resterampe

Joachim Meyerhoff ist mit einigen Büchern hervorgetreten, die das Skurile und manchmal auch Traurige seiner Lebensgeschichte dem Publikum nahebrachten. Das für ihn Einnehmende für mich war, dass er auch die eigenen Schwächen und Irrwege nicht ausnahm.

Sein letztes Buch Man kann auch in die Höhe fliegen erschien im letzten Jahr. Es wird notdürftig von einer Rahmenhandlung zusammengehalten: Meyerhoff zieht sich nach Schleswig-Holstein zu seiner Mutter zurück, um die Wirren der Großstadt Berlin und die Anforderungen und Konflikte seiner Patchworkfamilie hinter sich zu legen. Die Vitalität der über 80 Jahre alten Mutter steht im großen Kontrast zum gebeutelten Ich-Erzähler. Allmählich wirken sich jedoch der parkartige Garten und die praktischen Tätigkeiten, die dieser abverlangt, wohltuend aus.

Eingestreut in diesen Rahmen sind Geschichten eigenwilliger Inszenierungen, die Meyerhoff als Schauspieler oder Regisseur erlebt hat: Vom im Beichstuhl Onanierenden, zur Mutter aller Hänger in einer Theateraufführung im Duett mit einem versagenden Kollegen oder zu einer besonderen Aufführung im Gorki-Theater. Diese Aufführung soll als Reverenz an die Schauspielerkolleginnen und -kollegen dienen, die das Theater früher geprägt haben:  zu dieser DDR-Vergangenheit gehört z.B. eine Sauna im Theater oder ein Kollege, der akribisch den Applaus, den frühere Stücke eingefahren haben, aufgenommen hat. Das liest sich als Sammlung von kuriosen Begebenheiten und Ideen ganz nett. Mir wurde nicht immer klar, ist das nun in aufgeführte Theaterstücke eingeflossen oder nicht.

Vergleicht man diese Miniaturen und Geschichten mit dem, was Meyerhoff früher vorgelegt hat, erscheint mir dieser Band als allzu beliebig und zusammengestoppelt. Kann man, muss man aber nicht wirklich lesen…

Schickt Scholz auf’s Altenteil

Der amtierende Bundeskanzler steht mit der von ihm geführten SPD bei gerade mal um die 15 %, gebärdet sich aber, als sei er noch für Überraschungen gut. Er hat nicht einfache Umstände zu verarbeiten gehabt, das sei ihm zugestanden. Wer aber eine Christine Lambrecht als Verteidigungsministerin präsentiert, der ihre kosmetischen Behandlungen wichtiger waren als sich die Einweisungen in ihr Fachgebiet zu Gemüte zu führen. Wer mit kaum nachvollziehbaren Gedächtnislücken zum Thema Steuerverkürzung der Warburg-Bank auffiel. Wer als Scholzomat mit geringem Gespür für kommunikative Nuancen auffiel und nach außen häufig den Eindruck erweckte, die anderen seien einfach zu blöd. Wer den schwarzen CDU-Minister Chialo als „Hofnarr” meint bezeichnen zu müssen und wer in einer internen SPD-Sitzung schließlich abweichende Ministermeinungen der grünen Koaltionspartner zum Thema Ukraine-Krieg als „unpatriotisch” bewertete, der sollte jetzt von der politischen Macht entbunden werden.

Vielleicht gelingt es ja der SPD mit Boris Pistorius jemanden auf den Schild zu heben, der deutlich verbindlicher und verbindender wirkt. Zehn Prozent für die SPD bei der Wahl am Sontag tun es – meiner Meinung nach – auch. Das wäre das passende Signal an die SPD, sich neu aufstellen zu müssen.

It ain’t me, babe

Dieser Dylan-Titel fiel mir ein, als ich mich auf unterschiedliche Art angebaggert fühlte. Da gibt es die gröbere Variante („untervögelt”). Mails dieser Art kommen etwa so zahlreich wie Hinweise auf Treppenlifte, Wärmedecken und Viagra-Produkte – schon eine bezeichnende Mischung.  Dazu kommen die etwas intellektueller daherkommenden Kontaktangebote, gerne über linked.in. Werde dort in Zukunft Kontaktanfragen noch vorsichtiger beantworten. Und ja: Ein bisschen Bereitschaft auf Schmeichelei zu reagieren, ist vielleicht auch im Spiel. Ich weiß aber auch, in welcher Altersliga ich spiele und nichts ist peinlicher als darüber hinwegtäuschen zu wollen.

Also seid versichert: I’m ugly, poor and old and ain’t no sugar daddy at all. Und ich bin auch nicht von nebenan.

Hey guten Morgen, wie geht es dir?

Kürzlich geschenkt bekommen und als lesenswertes Buch betrachtet, alleine der Hype um das Buch ist übertrieben in meinen Augen.

Der Inhalt: Eine Frau, die durch die Doppelbelastung durch einen pflegebedürftigen Mann und die Existenz als freiberufliche Tänzerin und Performerin belastet ist, beginnt einen über instagram geführten Austausch in den Nachtstunden mit einem Mann in Nigeria. Was die Ich-Erzählerin und mittelbar Leserin und Leser eine Weile beschäftigt: Ist er nun ein Love-Scammer oder nicht?

Mein Buchhändler Klaus Bittner würde wahrscheinlich ein nur wenig freundliches Wort über die heute gängige autofiktionale Dichtung raushauen. Und ja, es ist vielleicht nicht die spannendste Frage zu entscheiden, wo Ich-Erzählerin und Martina Hefter zur Deckung kommen…

Was mich dann doch bis zum Ende des Buches hat durchhalten lassen, ist die sehr sorgfältige Prosa. Sie hebt das Buch über die Dutzendware dieser Tage. Dazu eine Kostprobe:

Bereits Ende April.
Die Zeit gar kein Strahl, sondern mehr so etwas wie eine Suppe.
Nur die Tatsache, dass wir dem Tod näher kommen, ragt immer in jede Handlung, in jedes Geschehen hinein.
Egal, was man gerade macht,
die Blumen gießt,
ein Brot isst,
tut man das auf dem Weg zum Sterben.
Dieser Vorgang heißt Altern.
Man altert ab der Geburt.    (S.207)

 

Der Mistkerl hat seinen Posten angetreten

Hals- und Beinbruch (bitte wörtlich)

Umgeben von seiner applaudierenden Horrorshow und diesem besonderen selbstfahrenden Kleiderständer hat diese Trump-Figur am 20. Januar ihr Amt angetreten. Um in seinem Team zu sein, muss man am besten gegen geltende Gesetze verstoßen oder zumindest verachtenswert sein. Einige Beispiele: Charles Kushner, Botschafter in Frankreich, 2-jährige Haftstrafe wegen illegaler Wahlkampfspenden, Steuerhinterziehung und Zeugenbeeinflussung, von Trump begnadigt. Pete Hegseth, bestätigter Verteidigungsminister, bedrohte seine zweite Frau Samantha. Matt Gaetz, beschuldigt wegen Drogenkonsums, Prostitution und Sex mit Minderjährigen…

Nur konsequent: Trump hat alle Aufrührer vom 6. Januar 2021 begnadigt. (Es handelte sich an diesem Tag um nichts weniger als einen Putsch.) Und völlig verfassungswidrig: Trump denkt bereits über eine dritte Amtszeit nach.

Ein kleiner Trost: Nichts, was passiert, ist nur schlecht, sondern kann auch positive Nebeneffekte haben. Oder wie es mein ehemaliger Schulleiter ausdrückte: „Nix is esu schläch, dat et nit für irjendjet joot wör.“ (Kölsch). Europa ist jedenfalls herausgefordert, sich auf seine eigene Stärke zu besinnen und mehr Verantwortung für Europa und seine Sicherheit zu übernehmen, vielleicht auch über Europa hinaus.

Zwei Amerikanerinnen, die wir nach der Wahl in Granada trafen, meinten, dass viele Systeme im Bereich Bildung und Gesundheit bald zusammenbrächen. Das gäbe Graswurzelinitiativen und lokalen Problemlösungen neuen Auftrieb.

Übrigens: Der Versuch, den Bully auf dem Schulhof durch Freundlichkeit und Entgegenkommen in Schach zu halten, funktioniert definitv nicht. Europa muss sich seiner Stärke bewusst sein. Mein Vorschlag: Alle Amerikaner zahlen ab Januar 2025 eine Gebühr von 50 € für die Einreise in die EU, weil sie insgesamt weit unter dem erwartbaren Standard zu gewährender Bürger- und Freiheitsrechte zurückgefallen sind. Schließlich haben sie einen Präsidenten gewählt oder zugelassen, der diese Bürger- und Freiheitsrechte verletzt. Erinnern Sie sich noch daran, dass Trump Migranten in Käfigen gegeneinander kämpfen lassen wollte? Oder daran, dass er das Geburtsrecht auf amerikanische Staatsbürgerschaft abschaffen will?

Drücken Sie Ihr Nichteinverständnis mit dieser Art von Politik ganz praktisch aus: Tesla-Autos, Mac- oder HP-Computer oder Hardware allgemein, Starbuck oder PayPal-Dienstleistungen (P.Thiel) muss man nicht nutzen, es gibt Alternativen.

Mülltrennung – auf jeden Fall!

Der offizielle Iran fühlte sich auf den Schlips getreten, als in Frankreich mit diesem Bild für eine besondere Mülltrennung geworben wurde. Korrekterweise muss man feststellen, dass bei diesen auszusondernden Mistkerlen noch Trump, Orban und einige andere fehlen. Also Augen auf! Und Mülltonne bereit halten.

dt. Vergessen Sie nicht die Abfälle zu trennen

Flamenco für alle Sinne

Jede/r Spanienreisende hat vermutlich auf öffentlichen Plätzen oder in der Hotel-Lobby schon mal eine Flamenco-Aufführung gesehen, die mit Recht schnell wieder vergessen ist: Akteure, die eher lieblos ihr Repertoire abspulen, Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich zum Mitklatschen animiert fühlen und den Takt und die nicht soo einfachen Rhythmen nicht erfassen, eine Umgebung, die eher ablenkt…

Wer sich für eine einstündige Flamenco-Darbietung dem Teatro Flamenco Granada anvertraut, bricht zu einer völlig anderen Erlebnisreise auf: In einer ehemaligen Diskothek wird eine konzentrierte und Enthusiasmus vermittelnde Flamenco-Vorführung für wirklich alle Sinne geboten. Unsere Vorführung umfasste Darbietungen mit bis zu drei Tänzerinnen und Tänzern, die von einer an einen antiken Chor erinnernden Riege durch Gesang, rhythmischem Fussschlag, Gitarrenmusik und Gesten kommentiert wurde. Auch wenn manches improvisiert wird in diesen Darbietungen, ist nichts dem Zufall überlassen. Und der Titel Teatro im Veranstaltungsort unterstreicht noch einmal, dass hier eine besondere Form von Ausdruckstanz mit bestimmten Rollen, Gesang, Gitarre und mit den Schuhen geschlagener Rhythmus zusammenwirken.

Die effektvolle Lichtregie setzt die Tänzer und Musiker perfekt in Szene, verstärkt Emotionen und lenkt den Blick auf die Feinheiten der Darbietung. Besonders beeindruckend ist nicht zuletzt der Gitarrist, dessen Musik gut abgemischt plastisch und lebendig wirkt. Seine Melodien scheinen beinahe greifbar, ziehen das Publikum in ihren Bann und geben dem Abend eine unverkennbare Tiefe.

Ein weiterer Höhepunkt ist der wirkungsvolle Wechsel zwischen Ensemble-Tänzen und Soloauftritten. Während die Gruppenchoreografien mit ihrer Präzision und Dynamik begeistern, bringen die Soli die persönliche Leidenschaft und Technik der Künstler eindrucksvoll zur Geltung.

Dieses Flamenco-Erlebnis in Granada vereint Tradition, Kunstfertigkeit und für die Zuschauer eine besondere Nähe zu den Akteuren. (Wir saßen vielleicht drei Meter von der Bühne entfernt.) Es ist ein Abend voller Leidenschaft, tänzerischem Können und authentischem Ausdruck der Tänzerinnen und Tänzer und des Gitarristen. Meine beste Live-Performance der letzten zwanzig Jahre, unbedingt einen Besuch wert.

Teatro Flamenco Granada
Calle Campo del Príncipe, 7
18009 Granada (Centro)

Link: teatroflamencogranada.com

Das Teatro bietet auch verschiedene Flamenco-Kurse an, wie sich der Web-Seite entnehmen lässt. Ähnliche Theater gibt es in Madrid, Sevilla und Malaga.

US-Wahl am 5. November 2024 – Was auf dem Spiel steht…

Noch 14 Tage bis zum Wahltag in den USA. Wichtig, noch einmal daran zu erinnern, wie verheerend eine 2. Präsidentschaft Trump für die USA und für die übrige Welt wären.

Wenn schon die ganzen wirren Dinge, die Trump in den letzten Monaten von sich gegeben hat (Hannibal Lector, electrocuted, eat pets…) niemanden zu jucken scheinen, sollte die Gefahr eines autoritären Staates USA vernünftigere Leute zum Umdenken führen. Hier Punkte, die mir einfallen:

• Diffamierung und Bedrohung der innenpolitischen Gegner: Trump hat ein klares Feindbild, wo für ihn der Feind sitzt. Es sind nicht etwa äußere Gegner wie etwa der Iran, Russland oder China. Allem voran gesetzt sind die inneren Feinde. Gegen die möchte er Nationalgarde und Armee einsetzen. (Quelle: https://www.pbs.org/newshour/politics/trump-suggests-hell-use-the-military-on-the-enemy-from-within-the-u-s-if-hes-reelected)
• Vage Andeutungen für ein Regime, das ohne Wahlen funktioniert. Vor Christen hat Trump bekanntlich verkündet “you won’t have to vote any more”. (Quelle: West Palm Beach, Turning Point USA Believers Summit (August 2024))
• Behandlung der Aufstandshandlungen am 6.1.2020: Trump lügt fundamental über seine eigenen Anteile an diesem Putschversuch: “Be there, will be wild.”, war der Spruch mit dem er seine Anhänger nach Washington eingeladen hatte. Auch über die Folgen des Aufstands verbreitet Trump Lügen. Nach dem, was er äußert, sind keine Menschen am 6.1.2020 zu Schaden gekommen.
• Und noch eins: Bei der ersten Präsidentschaft setzten viele, die ihn womöglich ursprünglich unterstützt hatten, darauf, dass “Grown-Ups” in seiner Umgebung das Schlimmste verhindern könnten. Hier muss klar sein, dass es ein Konstrukt “Grown-Ups” in der amerikanischen Verfassung nicht gibt. Einflussnahmen können auf den wachsweichen und von keinem klaren Konzept geleiteten Trump von allen möglichen Kräften erfolgen
• Trump hat JD Vance ins Boot geholt hat. Er ist Unterstützer des “Project 2025”, mit dessen Hilfe systematisch im Sinne von diesem Projekt konforme Menschen an die Schaltstellen der Macht befördert werden sollen.

Alles in allem gute Gründe, diesem Humpty Dumpty Trump und seinem Adlatus JD Vance keine Gelegenheit zur Beseitigung der demokratischen Verfassung der USA zu geben.

Vote blue or skip voting this time.

In Liebe, eure Hilde – Filmbesprechung

Was für ein Film! Der Ausgang steht schon fest, sobald der Kinosaal betreten ist: Man ahnt oder weiß, dass die meisten Mitglieder der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe alias „Rote Kapelle” hingerichtet wurden. In diesem Sinn schenkt einem schon die erste Szene des Films reinen Wein ein. Zwei Autos nähern sich langsam und bedrohlich den beiden Frauen in einer Kleingartenanlage. „Nehmen Sie etwas Warmes mit”, rät der Good Cop, als Hilde Koppi den Koffer für die Haftzeit packt. Sie wird schon bald einem deutlich unangenehmeren Vernehmer gegenübersitzen, der sie in die Mangel nimmt. Einige Fotos erhält sie vorgelegt, auf denen Hilde Mitglieder der Gruppe identifizieren soll. Soweit der Ausgangspunkt.

 

Dieser Haftzeit-Erzählstrang bildet aber nur die eine Hälfte der Filmerzählung von Andreas Dresen. Der zweite Strang schildert in Rückblenden, nicht zeitlich geordnet, die Verabredungen und Treffen der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe. Die sind nicht nur der politischen Arbeit gewidmet, sondern ähneln teilweise auch normalen Unternehmungen in der Berliner Sommerfrische: Badeausflüge, Kanufahrten, in Zelten verbrachte Nächte mit der Frage, wer von wem angezogen wird. Dresen hat ein gutes Gespür, was er der Zuschauerin / dem Zuschauer zumuten kann: Sobald der Gefängnis-Erzählstrang droht, unerträglich zu werden, wechselt der Film mittels Rückblende zur Vorgeschichte. Die hält gegen die Düsterkeit des Gefängnisses Bilder bereit, die Sorglosigkeit und Lebensfreude repräsentieren.

Zurück zum Plot: Hilde kann in dem für sie neuen Milieu mit Menschen mit groß- und kleinbürgerlichem Hintergrund mit ihren speziellen Kenntnissen punkten. Sie tippt schnell und weiß, wie Wachsmatrizen möglichst gut eingesetzt werden. Nachdem sie zunächst aus dem eindeutig politischen Tägigkeiten herausgehalten wird, ist bald klar, dass sie gebraucht wird und das sie auch beteiligt werden will.

Eine neue Zuspitzung erhält die Widerstandstätigkeit, als ein Funkgerät aus Russland an die Gruppe übergeben wird. Der Plan: Vor dem sich abzeichnenden Überfall auf die Sowjetunion sollen relevante Informationen per gefunkter Morsezeichen nach Moskau übermittelt werden. Hans Koppi und Hilde sind inzwischen ein Paar und machen sich einen Spaß daraus, die Morsesprache bei vielen Gelegenheiten, auch im Bett, zu üben.

Besonders bedrückend ist für Hilde später, dass sie unter den entwürdigenden Bedingungen eines Gefängnisses ihr Kind gebären muss. Kurz vor der Hinrichtung von Hans Koppi können die drei sich kurz als Vater–Mutter–Kind-Familie konstituieren. Vater Hans nimmt den neugeborenen Sohn Hans etwas ungelenk in seine Arme. Nach der Hinrichtung ist es dann die Sorge um diesen kleinen Hans, die Hilde Kraft gibt. Sie erfährt dabei Hilfe von ihren Mitgefangenen und sogar ein wenig von der Gefängniswärterin.

Andreas Dresen hat für diesen Film exzellente Schauspielerinnen und Schauspieler gewonnen, allen voran Liv Lisa Fries. Sie hat deutlich mehr zu bieten als in „Berlin Babylon”. Gerade in den Szenen, wo ihr bevorstehender Tod unabwendbar erscheint, kann sie die Existenzangst in kaum überbietbarer Form darstellen. Zukünftige Generationen von Schauspielern werden hieran Maß nehmen müssen. Auch ihr Konterpart Johannes Hegemann überzeugt als im Bereich Film neues und unverbrauchtes Gesicht. Daneben hat mich Alexander Scheer als Gefängnispfarrer Poelchau (übrigens auch eine historische Figur) überzeugt. Er ist ganz Ohr für Hildes Bedürfnisse und bekommt den Brief diktiert, aus dem der Filmtitel gewonnen ist. Verharmlosung von dem, was Hilde bevorsteht, ist ihm fremd. Auch Lisa Wagner kann überzeugen, wie sie in einer Nebenrolle als Gefängniswärterin sich für Hildes’ Leid nicht völlig gleichgültig zeigt.

Der Film lässt sich im übrigen Zeit, seinen Plot zu entwickeln. Rasche Kamerafahrten oder -schwenks sind nicht sein Ding. Die Umgebung der Geschichte wird mit Liebe zum Detail gewürdigt und gibt dem Film auch von dieser Seite her Glaubwürdigkeit.

Alles in allem ein Film, der zumindest deutsche Filmgeschichte machen dürfte. Seine Länge von 124 Minuten und sein Sujet dürften ihn allerdings kaum zum Blockbuster machen. Aber jede und jeder, der Liv Lisa Fries in diesem Film gesehen hat, wird diesen Film als bedeutsam für sich verbuchen.

Ein Treppenwitz der mit vielen Leben bezahlten Untergrundtätigkeit der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe: Ihre Funksprüche nach Moskau sollten ein Frühwarnsystem etablieren und militärisch verwertbare Informationen liefern. Bis auf einen Funkspruch im Sinne von „herzliche Grüße an alle Freunde” ist aber in Moskau nie etwas angekommen. Man könnte auch urteilen, dass hier viele Menschen für nichts und wieder nichts verheizt wurden. Das wäre dann allerdings ein Muster mit Wiedererkennungswert: Wer sieht, wie Menschen und Material im großen Fleischwolf des Angriffskriegs gegen die Ukraine geopfert werden, wird eine ähnliche Logik entdecken.