Den Schnäuzer haben wir also 5 weitere Jahre an der Backe. Eine galoppierende Inflation, starke staatliche Überschuldung, dramatischer Rückgang der Lebensqualität der meisten Türkinnen und Türken, eine desorganisierte und viel zu spät kommende Rettungsaktion nach dem letzten großen Erdbeben im Februar – all’ das hat Erdogan offenbar kaum geschadet. Allerdings fanden die Parlamentswahlen unter Bedingungen statt, die kaum das Attribut „demokratisch” verdienten. Erdogan war z.B. auf 31 Fernsehsendern ständig präsent, sein Herausforderer Kilicdaroglu durfte nur in einem Fernsehsender auftreten. Dass der populäre Bürgermeister von Istanbul Imamoglu aus fadenscheinigen Gründen von der Bewerbung zu den Wahlen ausgeschlossen wurde, war ein weiterer Baustein für Erdogans Erfolg bei den Wahlen vor einer Woche.
Was mich besonders befremdet, ist die hohe Zustimmung zu Erdogan in Deutschland. In vielen Städten hat er über 60 % der Stimmen der in Konsulaten erfassten Stimmen erhalten. Was läuft schief, wenn sich Menschen, die trotz der freien Berichterstattung hier Erdogan wie eine Vaterfigur bejahen und wählen? Eine Antwort habe ich bei Ruud Koopmans, Das verfallene Haus des Islam gefunden. In seinem mit Statistiken gespickten Buch führt er aus, dass hohe Kinderzahl in den türkischen Familien, Orientierung auf die eigene Herkunftsgruppe, schlechtere Sprachkenntnisse im Vergleich zu anderen Migrantengruppen ein Wechselspiel von schlechterem Selbstwertgefühl, schlechteren Bildungsabschlüssen und mangeldem beruflichen Erfolg nach sich ziehen. Er schreibt:
Im Einwanderungskontext behindern außerdem die religiösen Regeln des Islam (…) den Kontakt zu Nichtmuslimen, zum Beispiel weil gemischtgeschlechtliche Aktivitäten vermieden oder Ehen mit Nichtmuslimen abgelehnt werden. Der Mangel an Freundschaften und familiären Bindungen zu Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft wirkt sich sehr negativ auf die Arbeitsmarkt- und Bildungschancen der Muslime aus. Dies betrifft auch den Spracherwerb, sowohl für erwachsene Migranten als auch für ihre Kinder. Wer die Sprache nicht gut beherrscht, hat es schwerer, einen Job zu finden, und Kinder, die in der Schule zum ersten Mal mit der Landessprache in Berührung kommen, können ihre Bildungsnachteile oft nie mehr ausgleichen. So ergibt sich ein intergenerationeller Teufelskreis von soziokultureller Segregation und sozioökonomischer Benachteiligung, der dazu führt, dass die soziale Mobilität von Muslimen hinter der anderer Einwanderergruppen zurückbleibt. [ebd., S.209]
Was Koopmans schreibt fand ich vielfach in meiner Arbeit als Hauptschullehrer in Köln bestätigt.
Dass dies nicht auf jede muslimische Community zutreffen muss, zeigt allerdings ein Blick auf die aus dem Iran stammenden Menschen. Nicht von ungefähr wurde der zu ihr gehörende Schriftsteller Navid Kermani auch schon mal als Kandidat für das Bundespräsidenten-Amt gehandelt. Die allermeisten sind gut integriert, nicht zuletzt weil sie sehr bildungsoriertiert sind. Stellen wir uns vor, eine Figur aus dem Iran, die Erdogan entspräche, dürfte hier in Deutschland auch von Exil-Iranerinnen und -Iranern gewählt werden. Ich würde eine Flasche Wein wetten, dass ein solcher Kandidat maximal 5 Prozent der Stimmen bekäme. Das sehe ich offenbar nicht alleine so, wie folgende Zuschrift im Netz zeigt:

Es ist schade, dass Menschen wie Ugur Sahin und Özlem Türeci von Biontech Ausnahmen für gelungene Bildungsbiographien Türkischstämmiger in Deutschland geblieben sind.

Im heimischen Plattenschrank gab es einige Single-Platten (gelbe Hülle, Fono-Ring) mit dem Titel Negro Spirituals – Das hieß damals so… Eine der Platten enthielt das Spiritual-Stück Study war no more. Eine immer noch hin- und mitreißende Idee, dass sich die Menschen nicht mehr die Köpfe einschlagen mögen. Nicht zuletzt inspiriert durch Bibelverse wie



In der Penetranz den Zeugen Jehovas oder irgendwelchen ML-Splittergruppen der 70er Jahre nicht unähnlich, bekommen wir Heutigen das Schlagwort wokeness um die Ohren gehauen. Worum geht’s? Im Zeichen einer Identitätspolitik, die bestimmte Merkmale als Eigentum einer Gruppe definiert, werden mit einer Pose des Rechthabens und der Kontrolle Regulierungen der öffentlichen Präsenz eingefordert. Das Stichwort ist cancel culture und die gibt es wirklich. Die Cornrow-Frisur steht demnach nur Schwarzen zu. Filmrollen sind danach zu vergeben, dass die Rolle in jedem Fall auch von einem entsprechenden Repräsentanten / einer Repräsentantin dieser Gruppe gespielt werden darf. Auch die bislang zum Kanon gehörende Literatur der Vergangenheit wird kritisch gesichtet: Darf ich meiner Enkelin demnächst noch Jim Knopf und Lukas der Lokomitivführer vorlesen, oder steht auch dieses Buch schon unter einem Verdikt? Der 