„Unschuldig“ – Fernsehen geht auch anders

Schlag 21.45 Uhr (manchmal auch Minuten früher) forderte unser Hund vernehmlich seinen letzten Pippi-Gang auf die Straße ein. Das sture Programmschema von ARD / ZDF mit 90-Minuten-Filmen hatte sich nach 15 Jahren in das Gehirn unseres Hundes geradezu eingefräst.

Um so erfreulicher, dass sich der gestrige Film „Unschuldig“ von diesem Kreativität und Schaulust einschränkenden Schema verabschiedete. Der mit bekannten Schauspielern (Felix Klar, Anna Loos) und weniger bekannten, aber überzeugenden Gesichtern (Britta Hammelstein, Sascha A. Geršak) besetzte Film wartete mit einer Laufzeit von 2 Stunden 54 Minuten auf. Diese beachtliche Zeit wurde genutzt, um die Charaktere sorgfältig zu entwickeln und die Ermittlungsarbeit der Kommissarin und ihrer Kollegen detailliert zu schildern. Nahaufnahmen der Gesichter setzten die zum Teil dramatischen Wendungen ins Bild.

Davon gerne mehr!

Link auf den Film in der ARD-Mediathek

PSA-Wert – ein Glücksspiel?

Nein, es geht dieses Mal nicht um den Autobauer. PSA steht auch für Prostataspezifisches Antigen – ein möglicher Marker für Prostata-Erkrankungen. Und dessen Feststellung ist Bestandteil der Vorsorgeuntersuchung bei Männern. Ende September hatte ich meinen diesjährigen Vorsorgetermin und die KVB machte, was sie gerne tut, schlapp: Keine Züge verkehrten weit und breit. Kurzentschlossen hatte ich mich auf mein Fahrrad geworfen, um einigermaßen pünktlich den Termin zu halten.

Das Resultat: Ein Wert von 4,9 (Norm-Bereich geht bis 4,0) und die Aufforderung von meinem Urologen, sich Ende November zwecks Überprüfung dieses Wertes noch einmal vorzustellen.

Freund W. machte mich darauf aufmerksam, dass die Belastung des Damms beim Radfahren dazu beitragen kann, dass der PSA-Wert steigt. Ich also mit 14tägiger Radfahrabstinenz vor dem neuen Untersuchungstermin am letzten Donnerstag.

Schräg genug, der neue Wert lautet nun 3,2 – weit außerhalb der Zone, bei der man sich Sorgen machen kann. (Allerdings nehme ich seit dem September-Termin auch einen Alpha-Blocker – mag sein, dass der auch das Resultat beeinflusst.) Was soll man nun aber von einer Untersuchung sagen, die so empfindlich auf das Radfahren reagiert? Gut, dass es noch andere Untersuchungsmethoden gibt – auf das Ergebnis der PSA-Bestimmung werde ich jedenfalls in Zukunft eher weniger geben.

PS 6.2.2020: Kritisch sieht auch ein Artikel der SZ den PSA-Test.

Auf den Hund gekommen

Die Hunde meiner Kindheit machten es eher unwahrscheinlich, dass aus mir noch mal ein überzeugter Hundehalter würde: Der Schäferhund einer Nachbarin wurde in einem Zwinger gehalten und kläffte entsetzlich, Hunde auf Spaziergängen erschienen mir gefährlich. Damit machte ich diese aber erst recht auf mich aufmerksam. Sympathie auslösend war das alles nicht!

Dass wir tatsächlich auf den Hund kamen, war dann eher einem Zufall zu verdanken. Unser Jüngster sollte zur Kommunion ein Kaninchen von seiner Tante geschenkt bekommen. Das wäre dann ein eher langweiliges Tier geworden, fand ich und plädierte dann doch eher für einen Hund. Immerhin hatte mein Opa mal einen Dackel besessen. Rassehunde – die Meinung meiner Frau – seien krankheitsanfällig und lebten nicht lange. Es sollte also ein Mischling aus dem Tierheim sein. In einem nahe gelegenen fand ich dann im Gewusel von kläffenden und gegen die Zwingertür springenden Hunden tatsächlich einen dunklen, noch kleinen Hund in der Ecke. Wie groß der denn noch würde, war meine Frage – das war klar Risiko mininierend gemeint. Er würde nicht mehr viel wachsen, da sei ein Dackel mit drin, hieß es. Die großen Pfoten sprachen dagegen, der halbjährige Dackelmischling (Tierpass), Straßenhund aus Athen und später bis zu 30 Kilo schwer, kam dann aber trotzdem mit uns nach Köln. Der Name Kevin gefiel uns nicht, so kehrten wir zum ursprünglichen Namen des Hundes zurück: Noah.

15 1/2 Jahre gingen ins Land und alle Familienmitglieder waren unserem Hund auf unterschiedliche Art, immer aber ohne Vorbehalt, zugetan. Wenn ich überlege, von wievielen Menschen ich mich verabschieden musste und unter welchen Umständen das zum Teil erfolgte, wundere ich mich selbst über die mit dem Hund verbundene Verlusterfahrung. Woher rührt nun solch eine intensive Bindung? Versuch einer Antwort.

Mein erstes Stichwort wäre Evolution. Als moderne Menschen leben wir – und das begreifen wir oft als Vorteil – auch in der Familie eher auf Distanz. Wir sind keine Menschenaffen, die sich beim Zusammentreffen kraulen oder noch andere Dinge tun. Wie entspannend aber das Streicheln von Fell wirkt, wird jeder Halter von Hunden oder anderen Haustieren bestätigen. Es befriedigt ein sehr elementares Bedürfnis. Das funktioniert selbst dann noch, wenn beispielsweise bei Demenzkranken viele Gehirnfunktionen ausfallen. Die Welpenschule im Altersheim um die Ecke ist für alle das monatliche Erlebnis. Das Kraulen und Lausen der Menschenaffen und die damit verknüpfte Emotionalität ist in gewisser Art auf den Hund (oder andere geeignete Haustiere) ausgelagert. Alle, auch unsere erwachsenen Kinder, haben ausgiebig unseren Hund gekrault und mit ihm gekuschelt. Das funktionierte auch dann, wenn mal in der Familie „dicke Luft” herrschte. Ich habe deswegen schon mal scherzhaft davon gesprochen, dass der Hund ein „Gefühlsverstärker” sei. Spannend wäre es zu erfahren, ob das Bindungshormon Ocytocin bei Hundehaltern deutlich stärker vertreten ist als bei Leuten ohne Hunde.

Umgekehrt gibt es – zweites Stichwort – aber auch keine Tierart, die sich so vorbehaltlos dem Menschen zuwendet. Bei unserem Hund war das besonders ausgeprägt. Es äußerte sich zum Beispiel auch zuerst Fremden gegenüber. Waren die zu Beginn vielleicht sogar angewufft worden, wurde unser Hund erst bei der Verabschiedung richtig laut. Er wollte alle zusammen halten, es steckte offenbar viel an Hütehundeigenschaften in ihm. Eine irische Freudin sprach mal davon, dass Hunde awfully attached (schrecklich anhänglich) gegenüber ihren menschlichen Bezugspersonen seien. Das traf es bei uns wohl von beiden Seiten.

Wir vermissen daher unseren Hund immer noch schmerzhaft. Jetzt müssen wir erst mal durch eine hundelose Zeit.

Zeitung elektronisch – wie gut klappt das? Zwischenbilanz

Seit bald zwei Monaten beziehen wir die Süddeutsche als elektronisches Medium. Der Hauptgrund für die andere Form des Abonnements waren für mich der um ein Drittel geringere Preis und die Möglichkeit, ohne lange Mitteilung an die Abo-Verwaltung die Zeitung auch andernorts leicht lesen zu können. (Die Zeiten, in denen man zumindest in Kleinstädten im Urlaub auch schon mal eine Süddeutsche oder FAZ bekam, sind lange vorbei.) Die Pros and Cons eines solchen Abos sind schnell aufgezählt.

Positiv
• Auch in elektronischer Form ist das Layout der Zeitung durchaus ansprechend: Bilder werden oft farbig dargestellt, es wirkt nicht schablonenhaft aus der Datenbank gefüttert. Offenbar guckt auch ein Layouter am Ende noch mal drüber.
• Es gibt sogar Raum für die Einbindung von anderen medialen Formen wie heute einer multimedialen Darstellung zum Thema Globale Erwärmung / CO2.
• Die Zeitung kann schon abends für den Folgetag heruntergeladen werden.
• Sobald die Zeitung aus dem Kiosk runtergeladen wurde, steht sie auch offline z.B. auf dem Tablett zur Verfügung, kann dann in Bus oder U-Bahn gelesen werden.

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Der beste Wanderhund ist tot

Noah, nicht nur mit biblischem Namen, sondern mit einem ebensolch biblischen Lebensalter versehen, hat uns vorletzten Sonntag verlassen. Wir trauern um einen Hund, der uns 15 1/2 Jahre begleitet und unser Leben bereichert hat. Es tröstet minimal, dass er nicht lange leiden musste.

Designfehler wie für ein Lehrbuch: Boeing 737 MAX

Flugreisen sind in den letzten Jahren so günstig geworden, dass daraus ein weiteres ernsthaftes ökologisches Problem entstanden ist. Dass dies passieren konnte, hat auch mit deutlich sparsameren Triebwerken zu tun. Diese erzielen einen stark höheren Wirkungsgrad, indem der Schub im immer kleineren Anteil vom verbrannten Kerosin erzeugt wird, sondern dieser durch das Aufheizen der Luft in einem zweiten System erzeugt wird (siehe unten – hell gefärbt). Dieser durch den sogenannten Nebenstrom erzeugte Schub übertrifft bis zum 10fachen den primären. Eine geniale Idee – der konstruktive Nachteil dieser modernen Triebwerke: Sie fallen – was Größe und Gewicht angeht – deutlich massiver aus.

 

 

 

 

 

Bild 1

Wettbewerbsdruck und falsche Entscheidungen

Das ist der Ausgangspunkt zum Verständnis der gravierenden Designfehler, die bei der Konstruktion der Boeing 737 MAX gemacht wurden: Der Platzhirsch Boeing versuchte, als Airbus im Mittelstreckenbereich mit seinem Flugzeug A320 Neo einen Trumpf gelandet hatte, schnell mit einem konkurrenzfähigen Produkt nachzuziehen. Die Boeing 737, über 10.000 Mal bereits gebaut, sollte ein zweites Mal modernisiert werden und zwar mit Hilfe des neuen sparsameren Triebwerks LEAP-1B eines amerikanisch-französischen Gemeinschaftsunternehmens. Zwei Pferdefüsse waren mit dieser Wahl verbunden.

Konstruktive Kompromisse mit angeflanschter Fehlerkorrektur

Die Boeing 737 als Urmutter des neuen Flugzeuges besaß im Vergleich zum Airbus 320 Neo ein niedrigeres Fahrwerk. Deswegen konnte auch nur die kleinere Variante des LEAP-Triebwerkes mit einem geringeren Durchmesser verbaut werden. Zudem sollten die Änderungen des neuen Flugzeugtyps so moderat ausfallen, dass das Genehmigungsverfahren viel vom Vorgängertyp übernehmen konnte. Das neue LEAP-1B-Triebwerk war aber in jedem Fall so wuchtig und groß (ø 3,15 m), dass es nicht unter dem Flügel wie die alten Triebswerke angebracht werden konnte. (Die Gegenüberstellung unten zeigt deutlich die ansteigende Größe und die veränderte Aufhängung des Triebwerks am Flügel: ein folgenreicher Eingriff in die gesamte Statik des Flugzeugs.)

Drei Triebwerke verschiedener 737 Ausführungen im Vergleich

Bild 2

 

 

 

 

Damit war ein schwerwiegender Nachteil in Kauf genommen worden, der nachträglich nur unzureichend durch ein eher angeflanschtes Hilfesystem ausgeglichen werden sollte: Ein gravierendes Problem in der Luftfahrt ist es, einen Strömungsabriss in allen Flugsituationen zu verhindern. Ein solcher tritt ein, wenn ein Flugzeug zu rasch seinen Anstiegswinkel verändert: Die Auftriebskräfte am Flügel fallen dann weg und ein Flugzeug wird nur noch schwer steuerbar und kann leicht abstürzen. Dies ist bei zwei Abstürzen der Boeing 737 MAX vermutlich mit genau dieser Fehlerursache in den letzten 12 Monaten passiert.

Um die durch die veränderte Statik konstruktionsbedingte vermehrte Neigung der Boeing 737 MAX zu einem solchen Strömungsabriss zu vermindern, wurde ein eigenes automatisches Verfahren implementiert, das MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System). Dieses System ist dazu gedacht, zu steile Anstellwinkel des Flugzeugs dadurch zu unterbinden, dass diese potentiell gefährlichen Flugbewegungen durch entsprechende automatisch eingeleitete – ohne Zutun des Piloten – Steuerbewegungen der Schwanzflügel verhindert werden. Das Flugzeug senkt daraufhin die Nase ab. Dabei gab es jedoch verschiedene Probleme:

  • Diese automatisch eingeleitete Steuerung griff nur auf die Werte eines einzigen Sensors zurück. Der Rückgriff auf die Werte eines zweiten redundanten Sensors – der Sensorfehler hätte ausschließen können – war nur gegen einen kostenpflichtigen Aufpreis erhältlich.
  • Das Ausmaß des Gegensteuerns wurde um das Vierfache gesteigert im Vergleich zu dem, was ursprüngliche Sicherheitsdokumente bei Boeing aussagten (2,5° zu 0,6°). Damit erklären sich auch die einer Jojo-Bewegung gleichenden Flugbewegungen des Flugs der Lion Air vom 29.10.2018, der mit dem Absturz und dem Tod aller 189 Menschen an Bord endete. Die Piloten hatten den Kampf gegen das automatische Absenken der Nase des Flugzeugs nach 26 Eingriffen der Automatik verloren.
  • Überdies wurden die möglichen Eingriffe des MCAS-Systems auf Veranlassung der FAA erst nach dem 1. Absturz den Piloten gegenüber deutlicher kommuniziert.

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Wiglaf Droste – Meister des Schafotts und des Floretts ist tot

In Zeiten, als ich noch die taz las, kamen seine Kurztexte – selten länger als 2 Buchseiten – regelmäßig ins Haus: sprachmächtige Kunststückchen, die an Polemik nicht sparten, manchmal aber auch ins Menschenverachtende umschlugen („Der Barbier von Bebra?). Dabei hatte er auch sinnlich-sanftere Seiten zu bieten, wenn er sich beispielsweise über die Kastanie in fast kindlicher Freude und mit liebevoll ausgeheckten Neologismen ausließ:

Anfangs hat man Mühe, ein paar gescheite Handvoll Kastanien zu finden, jetzt schöpft man aus dem Vollen: lauter Kastanien, und alles meine!
Wenn das Auge seinen Spaß gehabt hat, kommt das Haptische zu seinem Recht: befummeln, ja, ja, ja! Man nimmt die ungleich großen Bollern und dreht sie, prähistorische Meditationskugeln, mal gnubbelig, mal abgeplattet…

Laut schallend lachen musste ich, als ich eine Charakterisierung von Claudia Roth (für die Nachgeborenen: ehemalige Rio Reiser-Managerin und häufig zum Theatralischen neigende Grünen-Politikerin mit diskutabler Gewandung) erneut las:

Die Bayreuther Wagner-Festspiele besuchte sie in so heillos aufgemaschelter Garderobe, dass im Umkreis von 30 Kilometern die Blindenhunde knurrten.

Auch musikalisch kam ich mit ihm überein: Johnny Cash („American Recordings“, dazu sein Text „The Beast in me“) und  Van Morrisson stehen  bei mir ganz oben im Musikregal.

Streicht man die Stücke raus, die deutlich unter die Gürtellinie gingen, in denen Droste offensichtlich Probleme mit der Selbstregulation hatte, oder platte Feindbilder bedienten, kann ich mir vorstellen, einzelne Texte von ihm auch in künftigen Lesebüchern vertreten zu sehen.

Wie ich dann doch kein zweiter Michael Jackson wurde

links eine leichte Einbuße im Hören höherer Frequenzen

Nein, keine besonderen Tanzschritte oder ein herausragendes musikalisches Talent bringen mich in die Nähe von Michael Jackson, sondern eine Vielzahl von – nennen wir es mal so – körperlichen Umbauten: mit 12 die Mandeln entfernt zu bekommen, war ja noch Routine, ebenso wie die Kronen auf Backenzähnen. Aber wer trägt schon ein Gazenetz unter der Bauchdecke, hat keine Gallenblase mehr oder hat sich die Kurzsichtigkeit durch einen Laserhobel entfernen oder die Krampfadern ebenfalls per Laser veröden lassen? Dazu kommen noch ein ein halbes Dutzend weiterer OPs, mit denen ich hier nicht langweilen möchte.

Gestern fiel dann aber die Entscheidung, auf elektronische Öhrchen alias AudeoB90-10-Grundgeräte im Wert von immerhin 5.767 € zu verzichten – jetzt war Schluss mit den körperlichen Selbstoptimierung à la Michael Jackson. Es gibt dazu einen gesundheitliches und dazu ein grundsätzlichen Argument: In der Familie gab es den running gag, mir meine tatsächliche oder nur so empfundene Schwerhörigkeit immer mal wieder unter die Nase zu reiben. Auch in der Schule stehe ich schon mal auf dem Schlauch, wenn zwei Schüler mit mir gleichzeitig reden wollen und ich – dann wirklich – nur Bahnhof verstehe. In beiden Fällen hat aber das teure Gerät keinerlei Fortschritt gebracht: Weder in der Tischrunde noch in der Klasse gab es nennenswerte Vorteile mit den Öhrchen. Schön war es allerdings, im Sauerland die Vögel noch vielfältiger zwitschern zu hören oder klassische Musik differenzierter wahrzunehmen.

Meine Frage an den Akustiker, ob es denn keine Refurbished-Öhrchen zu einem günstigeren Preis gäbe, wurde so beantwortet. Die Heilmittelverordnung sehe leider nicht vor, dass diese durch Seriennummern identifizierbaren Geräte jemals wem anders verkauft werden dürften als dem ursprünglichen Käufer. (Werden jetzt die teuren Öhrchen die Halde des Elektronikschrotts vergrößern, wäre zu fragen?) Es verhält sich dabei wie mit der Pillenpackung, die beim Apotheker über die Theke wandert: Sobald sie eingesteckt wird, ist kein Umtausch oder eine Rückgabe mehr möglich, auch wenn nichts geöffnet wurde.

Deutschland erlaubt sich hier einen unbegreiflichen Luxus: Statt Marktmechanismen für einen Kostendruck auf der Angebotsseite sorgen zu lassen und Leute mit niedrigeren Gesundheitskosten zu beglücken, schottet man Märkte mit sachfremden Gründen ab und pflegt Pillendreher und Gesundheitsdienstleister. Wäre an der Zeit, hier gesetzliche Altertümer abzuschaffen!

Bastard of Istanbul – Elif Shafaks Auseinandersetzung mit dem Armenier-Genozid

The Bastard of Istanbul
The Bastard of Istanbul

für Dalita H.

Zunächst scheinbar ohne Bezug zueinander, erzählt Shafak die Geschichte von zwei jungen Frauen: Da ist Asya, die im matriarchalen Haushalt der Mutter mit drei Schwestern und zwei Großmüttern in Istanbul aufwächst. Und da ist Armanoush, deren armenisch-stämmiger Vater und ihre Mutter Rose, Landei aus Arizona, nicht mehr zusammen leben. Dafür hat Rose sich neu mit Mustapha liiert. Der ist wiederum der Onkel von Asya. Aus Gründen, die erst später klar werden, und auch weil er den Fluch der früh versterbenden Männer seiner Herkunftsfamilie fürchtet, ist er in die USA ausgewandert.

Beide jungen Frauen begegnen einander, als Armanoush ihren beengenden amerikanischen Familien entflieht und etwas über ihre armenisch-türkischen Wurzeln in Istanbul erfahren will. Wie beengt sich dieses Leben gestaltet, wird klar, als Armanoush einen jungen Mann treffen möchte. Das versetzt – lustig zu lesen – die ganze Familie in einen Alarm- und Überwachungsmodus.

Die Schilderung der Vorgeschichte von Armanoush berührt dann: Der Geschäftsmann Hovhannes Stamboulian wird am Abend, als er eine märchenhafte Erzählung (The story of a the little lost pigeon) für seine Frau fertigstellen möchte, in seinem Haus von einer Gruppe türkischer Soldaten heimgesucht. Die führen ihn zum Schluss ab. Eine rubinenbesetzte Brosche, ein Familienerbstück, bleibt zunächst im Haus der Stamboulians, wird aber anschließend durch das Hin und Her ihres Verbleibs zum Symbol: Die Brosche verdeutlicht, wie die Tradition von armenischem Leben in der Türkei gewaltsam beendet wurde. Die Schilderung dieser Vertreibung hat Shafak den Ritterschlag für widerständige türkische Schriftsteller und Journalisten verschafft. Sie wurde nach § 301, dem Gummiparagraphen, der die Beleidigung des Türkentums unter Strafe stellt, angeklagt. Diese Anklage wurde aber später fallen gelassen.

Formal bedient sich der Roman Zutaten aus dem magischen Realismus, wenn die Djinns der weissagenden Tante auf die Handlung Einfluss nehmen. Eine moderne Zutat sind die Zitate aus einem Chat. Der stellt für Armanoush eine Möglichkeit dar, auch in der Fremde ihre Partner aus dem virtuellen Café Constantinopolis zu Zeugen und Begleitern ihres wagemutigen Besuchs in Istanbul zu machen. Im wahrsten Sinne gewürzt wird der Roman durch die Kapitelüberschriften, die – bis auf das Schlusskapitel – den Reichtum orientalischer Küche vermitteln, auf die sich Türken wie Armenier gleichermaßen beziehen können. Wahrscheinlich um Distanz zum Beschriebenen einnehmen zu können, hat Shafak den Bastard in Englisch geschrieben – ein Umstand, der ihr von türkischen Nationalisten als Vaterlandsverrat um die Ohren gehauen wurde.

Alles in allem überzeugt Shafaks Roman formal und inhaltlich und besitzt genügend Finalspannung, um einen auf die Auflösung der familiären Rätsel gespannt sein zu lassen. Shafak zeigt sich mit dem Roman an der Seite anderer mutiger türkischer Kulturschaffender wie Fatih Akin und Orhan Pamuk. Diese zeichnet aus, dsas sie sich der traurigen Vergangenheit des Umgangs mit Armeniern in der Türkei stellen. Das erzeugt ein klein wenig Hoffnung, dass sich die Türkei insgesamt demnächst dem Genozid an den Armeniern stellen wird.

Elif Shafak, The Bastard of Istanbul, Penguin Books, 2007