Einen 30seitigen Text, bekannt als Büchners Lenz-Fragment, ohne Netz und doppelten Boden auf die Bühne zu bringen, verlangt nicht nur dem Publikum einiges an Konzentration ab. Er ist erst recht für den Aufführenden Schwerstarbeit – die sich aber nicht so anfühlen darf.
Christian Wirmer hat gestern an einem besonderen Ort, dem Kölner Baptisterium, vor ungefähr 40 Zuschauerinnen und Zuschauern diesen Parforceritt gewagt und viel verdienten Applaus geernet. Der Hintergrund dieses Stückes ist schnell erzählt: Der namengebende Sturm und Drang-Dichter J. M. R. Lenz kommt zu Beginn des Jahres 1778 zum Elsässer Pfarrer Oberlin und findet bei ihm in einer existenziellen Krise Unterschlupf. Hinter ihm liegt eine nicht erwiderte Liebschaft zu Friederike Brion – auch Goethe hatte um sie geworben – und Schwärmerei für die Goethe-Schwester Cornelia Schlosser. Auch der durch eine Eseley verursachte Rauswurf aus Weimar durch eben diesen Goethe, ihm war Lenz dorthin gefolgt, muss Lenz enorm gekränkt und im Mark getroffen haben. (mehr dazu unten)
Büchner, selbst eine tragische Figur der deutschen Literatur, hat aus einem von Oberlin verfassten Bericht und Bemerkungen in Goethes Autobiographie Dichtung und Wahrheit einen enorm dichten Text verfasst. Dieser beschreibt immer wieder die Empfindungen, die der psychotische Lenz beim Wandern im Gebirg’ erlebt, in eindrucksvollen und beklemmenden Bildern.
Am Himmel zogen graue Wolken, aber Alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nicht’s am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehn konnte.
Auch die Versuche, an den Alltag der Menschen um Oberlin herum Anschluss zu finden, sind von Büchner anrührend gestaltet. Sie gipfeln im Versuch von Lenz, ein kleines Mädchen in der Nachbarschaft vom Tode zu erwecken. Ein Unternehmen, das scheitern muss, und damit neue Verzweiflung erzeugt. Diese Unternehmung zeigt aber womöglich auch den gewagten Genie-Anspruch der Sturm und Drang-Dichter, der an der Wirklichkeit zerbrechen musste.
Wirmer gelang es gestern, diesen Text mit spärlich gesetzten Dramatisierungen und diesen klug gliedernden Pausen so zu vergegenwärtigen, dass alle bis zum Ende durchhielten. Dem Sog dieser Aufführung konnte sich offenbar niemand entziehen. Lang anhaltender Beifall und eine kurze Gelegenheit, das Erlebte zur Sprache zu bringen, rundeten den Abend ab. Für mich das beste an Theaterstücken, was ich in den letzten Jahren gesehen habe. Hut ab vor Christian Wirmer…
Dank auch an die Veranstalter Katholisches Bildungswerk, Melanchthon-Akademie und Domhütte, die mit Veranstaltungen im Baptisterium diesen besonderen Ort in den Köpfen der Kölnerinnen und Kölner verankern wollen.
J.M.R. Lenz – wenn Freiheitsideale und gesellschaftliche Wirklichkeit unvereinbar sind
„Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.“ (Gotthold Ephraim Lessing) – Mit diesem Satz aus der Emilia Galotti lässt sich treffend der überindividuelle Anteil an der Psychose von J. M. R. Lenz beschreiben. Gegen den Widerstand des Vaters hatte er 1771 sein Theologiestudium in Königsberg aufgegeben und war einem Brüderpaar von Kleist nach Straßburg gefolgt. Die Abhängigkeit eines Hofmeisters, als der Lenz den beiden gefolgt war, kann man sich kaum groß genug vorstellen. (Sie hat ihren Niederschlag übrigens auch in seinem gleichnamigen Theaterstück gefunden.) In Straßburg lernt Lenz Goethe kennen, der Fixstern, Nebenbuhler und Gegner für Lenz wird. Zunächst überwiegt aber noch die Harmonie: Im Sesenheimer Liederbuch, der von beiden geliebten Friederike Brion gewidmet, finden sich Gedichte beider und Literaturwissenschaftler späterer Generationen hatten Schwierigkeiten, wem welches Gedicht zuzuordnen ist. Goethe geht dann den pragmatischen Weg nach Weimar, wo er als Geheimer Rat und Schriftsteller reüssiert. Lenz, von diesem Modell angezogen, versucht sich auf dem gleichen Weg. Goethe lädt ihn im März 1776 nach Weimar ein, sorgt aber im Dezember des gleichen Jahres für die Ausweisung des früheren Freundes. Lenz hatte vermutlich ein Pasquille, ein Schmähgedicht, in Umlauf gebracht, das die noch ungesicherte Stellung Goethes am Hof bedrohte. Es folgen für Lenz Monate der Unsicherheit und manifester Krankheits- und Angstzustände in Deutschland, in der Schweiz und schließlich bei Oberlin im Elsaß. Der prekäre Aufenthalt in Deutschland endet 1779, als ihn ein Bruder abholt und ins ungeliebte Heimatland Lettland zurückbringt. Versuche, dort, in St. Petersburg oder in Moskau nicht nur beruflich neuen Boden unter die Füße zu bekommen, scheitern. Im Juni 1792 wird Lenz tot auf einer Moskauer Straße aufgefunden. Er wird zur tragischen Leitfigur einer Sturm und Drang-Bewegung, die sich das individuelle Fortkommen und die eigene Entfaltung auf die Fahnen geschrieben hatte. Sie scheiterte aber im Angesicht der festgefügten autoritären und einschränkenden Bedingungen der europäischen Gesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
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In Zeiten, als ich noch die taz las, kamen seine Kurztexte – selten länger als 2 Buchseiten – regelmäßig ins Haus: sprachmächtige Kunststückchen, die an Polemik nicht sparten, manchmal aber auch ins Menschenverachtende umschlugen („Der Barbier von Bebra?). Dabei hatte er auch sinnlich-sanftere Seiten zu bieten, wenn er sich beispielsweise über die Kastanie in fast kindlicher Freude und mit liebevoll ausgeheckten Neologismen ausließ:
Guntram Vespers Frohburg kommt schon rein äußerlich als Schwergewicht daher: Die über 1000 Seiten umfassende Veröffentlichung beim Lesen zu handhaben kräftigt in jedem Fall die Handmuskulatur. Der Buchumschlag verheißt einen Roman, einschränkend und lakonisch heißt es aber mit Fontane im Vorspann Für etwaige Zweifler also sei es ein Roman!
Uwe Timm hat viel Zeit benötigt, um einen Stoff zu bändigen, zu dem es für ihn eine direkte familiäre Verbindung gibt – seine Frau Dagmar Ploetz ist Enkelin der Roman- und historischen Figur Alfred Ploetz. Diese Zeit hat aber dem 500-Seiten-Werk gut getan, entstanden ist nämlich ein vielschichtiges, literarisch verfremdendes Zeitzeugnis der Jahre von 1890 bis zu den ersten Nachkriegswochen 1945. Im Mittelpunkt steht dabei Ploetz als führender europäischer Eugeniker der 20er und 30er Jahre.
Angelsächsische Krimi-Autoren legen schon lange ein hohes Niveau beim Krimi-Schreiben vor: Hier bei uns gab es schon intensive Lektüre-Phasen mit Kathy Reich, Ian Rankin, Ken Bruen oder Minette Walters. Der besondere Reiz der Bernie Gunther-Krimis von Philipp Kerr liegt darin, dass Kerr die Hauptperson, besagten Bernie Gunther, in den gelesenen Titeln immer auch in der Nazi-Zeit auftreten lässt.
Hanns-Josef Ortheil – seit seiner Entdeckung des Lebens hier im Haushalt gerne gelesen – legt mit seiner neuesten Erzählung ein Buch vor, dass den Bezug zu Köln deutlich ausspricht. Ausgangspunkt ist eine unvermutete Begegnung vor der Haustür: Mia, Studentin der Kunstgeschichte im medialen Kontext, trifft bei der Rückkehr auf Matteo, eine Zufallsbekanntschaft aus Venedig. Erst nachdem sie den Zettel von ihm gereicht bekommt, auf dem sie selbst ihre Adresse hinterlassen hat, wird ihr klar, dass ihre unverbindlich gemeinte Besuchsaufforderung beim Wort genommen wurde. Obwohl die drei Frauen der WG – zu dieser gehören noch Xenia, die Café-Betreiberin, und Lisa, die Buchhändlerin – vereinbart haben, keine Männer in der Wohnung übernachten zu lassen, nimmt Mia Matteo mit nach oben.
