Wachenheim – Deidesheim oder vom Vorzug des Trampens

                         

Wir waren von Deidesheim nach Dürkheim gewandert und wollten nun mit der Bahn den Rückweg antreten. Alleine es fehlte an Kleingeld und dass der Automat auch meinen 5-Euro-Schein geschluckt hätte, ging mir zu spät auf. Also musste es für mich, anders als für meine Begleitung, das preiswertere Ticket nach Wachenheim sein. Da gleich zu Beginn kontrolliert wurde und die Bahn aus einem Doppeltriebkopf von vielleicht 25 Meter Länge bestand, hätte ich mich schwerlich bei einer zweiten Kontrolle rausreden können und wollen „Ausstieg verpasst…”.

In Wachenheim hieß es also aussteigen, zur Hauptstraße zu gehen, (dabei zu registrieren, wieviele Niederlassungen die Firma Bürklin-Wolf unterhält) und am Ortsausgang den Daumen rauszuhalten. (Die Tramperei ist zwei unserer Kinder übrigens höchst peinlich, sie unken, wir würden nur aus Mitleid mitgenommen, weil wir so fertig aussähen – so kann Kinderliebe aussehen…) Das erste Fahrzeug war ein Feuerwehrwagen, ich nahm meinen Daumen bereitwillig zurück. Der dritte Wagen, der eine Wendung auf der Landstraße Richtung Deidesheim vornahm, dann ein Caddy-Kleintransporter. Die junge Frau, die mich zusteigen ließ, gab mir zu verstehen, dass sie nicht auf direktem Weg nach Deidesheim führe, sondern noch eine Inspektionsfahrt zu machen hätte. Das alles war mir nur Recht, erfuhr ich doch so, dass die junge Frau aus Sardinien kam, bereits drei Jahre in Deutschland lebte und dort auch ihre Ausbildung gemacht hatte und dass sie jetzt für das erwähnte Weingut Bürklin-Wolf arbeitete. Jetzt gerade war es ihr Job, bei Fahrten durch die Weinanpflanzungen (Weinberge würde es nicht richtig treffen) festzustellen, ob und wo sie am Folgetag spritzen könnte.

Das Deutsch der jungen Frau war so gut, dass ich mich fast nicht getraut hätte, nach ihrer Herkunft zu fragen. Sie stöhnte im Rückblick vor allen Dingen über das deutsche Fachvokabular, das sie im Rahmen ihrer Ausbildung lernen musste. Ich konnte ihr aber bestätigen, dass sich das Lernen sehr gelohnt hatte, da sie sich grammatikalisch perfekt und ohne die manchmal störende Intonation von französischen oder italienischen Sprechern äußern konnte. Das Einzige, was ihr fehle, sei, dass sie in drei Jahren noch wenig Menschen, insbesondere Männer kennengelernt habe – die nähmen Anstoß an ihrem dunklen Hauttyp. Da musste ich persönlich kapitulieren, möchte aber auf diesem Weg allen Männern in und um Deidesheim einen Wink mit dem (Wein-)Zaunpfahl geben…

Übrigens haben wir zu anderen Gelegenheiten beim Trampen überaus unterhaltsame, manchmal aber auch ein wenig beängstigende Fahrten z.B. von Eyeries (Beara) nach Killarney mit einem Zauberwesen unternommen, das sich selbst mit „I’m half a car, half a woman” vorstellte. Das wäre dann aber wieder eine andere Geschichte vom Trampen, das häufig lehrreicher ist als jede Bildungsreise, einen fast immer nette Menschen kennenlernen lässt und einen recht zuverlässig von A nach B bringt.

Wanderkultur in der Pfalz

Weinbiethaus bei Neustadt
Weinbiethaus bei Neustadt

Das Wort „Wandern” war für unsere Kinder lange Zeit ein Unwort. Wollte man sie dazu animieren, war es z.B. in der Pfalz klug, eher vom Flammkuchen in den Hütten und von den Burgen auf den Bergen zu reden. Solche semantischen Klimmzüge müssen wir – ohne Kinder – nicht mehr anstellen. Die Vorstellung vom Wandern mit Trachtenhut, Lederhosen und Gamaschen spukt aber manchmal noch in meinem Kopf wie vordem vielleicht bei den Kindern.

Um so befreiender ist es, wenn sich Wandern als Breitensport zumindest in der Pfalz heute anders darbietet: Um den Nationalfeiertag herum waren wir in der Pfalz, dem Wein und dem Wandern zu Liebe. Das Charmante an einigen Orten wie Dürkheim, Deidesheim oder Neustadt ist, dass alle untereinander mit der Bahn verbunden sind. Man kann also am Rand des Hardt-Gebirges oder in den Weinbergen so lange wandern, bis man genug hat und fährt an den Ausgangsort zurück mit der DB.

Mir fiel dabei auf, dass die Pfälzer Wald Hütten heute eben nicht mehr diesen Fünfziger-Jahre-Geruch atmen, sondern von Jung und Alt und besonders von jungen Familien frequentiert werden. Mannheim, Ludwigshafen und andere Städte an der Rhein-Schiene haben offenbar viele Bewohner, die am Wochenende gerne mal im Wald wandern und dann auch in den Hütten einkehren. Die Preise dort sind so, dass keiner ausgeschlossen wird. Scheint die Sonne – wie hier im Weinbiethaus bei Neustadt – kann man es draußen bei Weinschorle oder Federweißen gut aushalten. Schade, dass mir diese Kombination aus Wandern und Genießen nördlich der Pfalz selten begegnet ist.