Überleben im Nazi-Reich. Wie jüdische Deutsche der Shoah entkamen

Das zurückliegende Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung von der Nazi-Diktatur haben noch einmal den Blick auf den letztlich leider vergeblichen Widerstand gegen Hitler gelenkt. Zwei Bücher möchte ich zu diesem 75. Jahrestag zur Lektüre empfehlen, die teilweise von den gleichen Personen und Begebenheiten handeln.

Peter Schneider, «Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen…». Wie ein jüdischer Musiker die Nazi-Jahre überlebte, (rororo 23256) Berlin 2001
Schneider hat es unternommen, Konrad Latte – Decknamen Konrad Bauer – zu befragen und aus den Ergebnissen und zusammengetragenen Dokumenten eine eindringliche Erzählung zu erzeugen. Wir erfahren, wie die ganze Familie Latte, Konrad, seine Schwester Gabi und die beiden Eltern, den Schritt in die Illegalität angesichts der drohenden Deportation in den Osten geht. Konrad gelingt es als einzigem der Familie, durch ein gehöriges Maß an Chuzpe, manche glückliche Fügung und die Bereitschaft von einer Reihe deutscher Frauen und Männer, die Shoah zu überleben. Nach dem Krieg kann er das, was ihm in der Illegalität als Kirchenmusiker ein winziges Einkommen ermöglichte, endlich zum normalen Beruf machen: Er wird Korrepetitor an der Oper in Düsseldorf und später Erster Kapellmeister an der Staatsoper Berlin. Die meisten Jahre gilt später sein Engagement dem von ihm gegründeten Berliner Barock-Orchester.

Dass Konrad Latte zwischendurch mit trickreich beschafften falschen Papieren sogar in der Truppenbetreuung der Wehrmacht auftritt, kann einem als Leser schon den Atem nehmen. (Im Rheinland heißt so ein Verhalten kackfrech und hat hier überhaupt nichts Despektierliches.) Als Latte kurz vor dem Zusammenbruch von einem Kollegen mit dem Namen Undeutsch öffentlich auf sein jüdisches Aussehen angesprochen wird, dreht der junge Mann den Spieß um. Er kann sich mit einem Witz über dessen Namen erfolgreich aus der Affäre ziehen.

Das Buch setzt Latte, aber auch den Deutschen, die ihn unter Lebensgefahr unterstützt haben, ein literarisches Denkmal. Beschämend aber, dass das Bezirksamt Zehlendorf noch 1951 meinte, ihm den Status als Verfolgter des Nazi-Regimes absprechen zu müssen, weil er „seiner Gesinnung [als Regimegegner] nicht treu geblieben“ sei. Hätte Konrad Latte nicht oft zu unkonventionellen Schritten und Schein-Identitäten gegriffen, hätte er nicht überlebt.

Das Buch würde ich mir als Schullektüre wünschen, vielleicht auch als Spielfilm. Das Zeug zu einem Thriller hätte es allemal. Die Eigenschaften, die die porträtierten Menschen im Buch zeigen, würden uns auch in diesen verunsicherten Tagen gut zu Gesicht stehen.

• Ruth Andreas-Friedrich, Der Schattenmann. Tagebuchaufzeichnungen 1938–1945, (st1267) Frankfurt 1986
Frauen standen – wie Ruth Andreas-Friedrichs Buch zeigt – dem Mut und der Handlungsbereitschaft ihrer männlichen Mitstreiter gegen Nazi-Deutschland in nichts nach. Ihr Buch umfasst die Zeit von 1938 bis zum Zusammenbruch und dokumentiert ihre Tagebuchaufzeichnungen. Anfangs notiert sie eher die Reaktionen ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Je mehr sich die Lage zuspitzt und die Brutalität gegenüber Juden und anderen Missliebigen zunimmt, um so mehr erhalten die Aktionen von ihr, ihrem Freund Leo Borchard und einem Netz von Gleichgesinnten den Akzent. Viele Dinge zur Unterstützung muten alltäglich an: Schlafplätze an immer wieder anderen Orten beschaffen, überlebenswichtige Lebensmittelkarten organisieren, Legitimationen beschaffen und fälschen, Kontakte zu anderen Unterstützern pflegen und nutzen. Dabei den Nachstellungen und der Denunziationsbereitschaft der Häscher und Mitläufer zu entgehen wie den Bombenangriffen, erfordern ständige Konzentration und Einsatzbereitschaft.

Über Konrad Latte, der von ihrer Gruppe Emil ebenfalls unterstützt wird, schreibt Andreas-Friedrich:
Von Tag zu Tag wird Konrad waghalsiger. Mit der Mitgliedskarte der Musikkammer ist er bis in die Staatsoper vorgedrungen. Rührende Geschichten erzählt er: ausgebombte Wohnung, verlorene Habe, verstorbene Eltern, zerrüttete Gesundheit. Alles stimmt irgendwie. (S.131 – 22. März 1944)

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