
Meine Mutter hatte in ihrer Grundschule zahlreiche jüdische Mitschülerinnen. Man schrieb das Jahr 1931 und so etwas wie ein Hitler-Deutschland schien ziemlich weit weg. Das suggerieren jedenfalls die Bilder der Geburtstagsfeier von Lili Cassel. Meine Mutter wurde übrigens exakt einen Monat vor Lili geboren.
Was kam, ist allen bekannt: Unterdrückungsmaßnahmen, Ausschluss von den den meisten Berufen, willkürliche Verhaftungen und Ermordungen und schließlich systematische Vernichtung aller Jüdinnen und Juden. Familie Cassel hatte diese Entwicklung vorausgesehen und konnte erreichen, dass Lili gemeinsam mit ihrer Schwester nach den Novemberprogromen 1938 nach England auswanderte. Auch den Eltern gelang die Flucht nach England, von dort später mit den Kindern in die USA.
Wie rasch und auf welch hohem Niveau Lili (mit 15 !) sich mit ihrer neuen Umgebung in England und speziell in London auseinandersetzte, zeigt das jetzt als Buch zugängliche A London Diary. Kein Wunder, dass Lili später als Lili Cassel-Wronker eine Karriere als Illustratorin und Typographin gelang. Und es berührt einen, wie unbefangen Lili Gasmasken malt, um dann zu schreiben: „Ich hoffe nur, dass sie [die Menschen] sie nie brauchen werden.”

Unser Vermächtnis in Deutschland ist (gestern war Holocaust-Gedenktag), zumindest mit allem, was vertriebene Jüdinnen und Juden hinterlassen haben, auf ihr Schicksal eindringlich hinzuweisen. Und energisch aller Ausgrenzung, wo immer sie geschieht, jetzt und in Zukunft zu widerstehen.
Lili Cassel-Wronker, A London Diary.Vorwort von Ursula Krechel, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2025, 22 €
