Boeing-Mitarbeiter offenbart weitere haarsträubende Interna

Letztes Jahr schon hatte der 34jährige Boeing-Ingenieur Curtis Ewbank Aufsehen erregt, als er sich öffentlich über die gravierenden Fehler im Design und in der Produktion der Boeing 737 MAX beklagte. Wie die Seattle Times nun wieder mitteilte, hat er gerade erneut in einem Bericht an einen Ausschuss des US-Senats schwere und grundsätzliche Mängel dieses Flugzeugs kritisiert.

Fast noch schwerer wiegt seine Kritik an der Aufsicht führenden FAA-Behörde: “If the FAA was truly regulating in the public interest, it would take action against Boeing for its continued deception and gross errors in the design and production of the 737 MAX by withdrawing Boeing’s production certificate.” [Würde die FAA wirklich ihre Regulierungsfunktion im öffentlichen Interesse ausüben, würde sie gegen Boeing wegen des fortgesetzten Betrugs und der groben Design- und Produktionsfehler bei der Boeing 737 MAX vorgehen, indem sie das Freigabe-Zertifikat für deren Produktion zurückziehen würde.]

Wer mag sich – frage ich mich – jemals in dieses Flugzeug setzen wollen? Vielleicht ist das aber auch der Versuch Boeings, den Umfang des Flugzeugverkehrs deutlich herabzusetzen. Da hätten sie meine volle Unterstützung…

Siehe auch Designfehler wie für ein Lehrbuch

Zu Hause programmieren lernen – calliope-Platinen werden verschenkt

Die calliope-Platine ist eine erfolgreiche Gemeinschaftsarbeit von verschiedenen Forschungseinrichtungen und einer privaten gemeinnützigen Firma. Eine an Scratch angelehnte Programmiersprache macht das Einfügen neuer Befehle so einfach wie das Zusammenfügen von Puzzle-Teilen. Sehr einfache, aber auch ziemlich anspruchsvolle Anwendungen lassen sich verblüffend rasch herstellen. Wem die Sensoren auf der Platine nicht reichen, bindet externe ein. So genial!

Wie die c’t meldet, bietet das Fraunhofer IAIS-Institut nun für 2000 Kinder und Grundschullehrer (leider auf NRW beschränkt) die Platine kostenlos an. Die unfreiwilligen Covid-19-Ferien lassen sich so sinnvoll füllen.

Zelluläre Automaten – ein altes GMD-Tool ausgegraben

Bei der aktuellen Covid-19-Epidemie spielen Modellrechnungen eine große Rolle. Für solche epidemiologischen Berechnungen lassen sich auch zelluläre Automaten verwenden. (Ob dies heutiger Stand der Technik ist, kann ich nicht beurteilen). Ein bekanntes Beispiel für einen zellulären Automaten ist Conveys Game of life.

Beim Aufräumen auf dem Rechner fiel mir das Tool CAT (Cellular Automaton Tool) in die Hände, das vor Jahren in der GMD programmiert wurde. Das Tool CAT erlaubt es, mit einer einfachen Beschreibungssprache in Form sog. Recipes zelluläre Automaten zu formulieren. Bei diesem Programmierparadigma ist es möglich, in einer Matrix das Verhalten einer Zelle in Abhängigkeit der umgebenden Zellen zu verändern. Es ist mir nicht gelungen, unter gängigen Windows-Versionen das CAT-Tool zum Laufen zu bringen. Ich kann aber hier – für Interessenten – zumindest das Handbuch vorlegen.

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Boeing 737 Max – ob das noch mal zum Fliegen kommt?

Wer einen Fehler macht, erweist sich normalerweise als Mensch. Bekanntlich irren die. Wer aber den ganzen Entwurf eines komplexen Industrieprodukts fehlerhaft gestaltet, in dessen Folge 346 Menschen sterben, braucht auf große Nachsicht nicht zu hoffen. Für den Flugzeughersteller Boeing geht es in diesem Jahr nicht nur darum, irgendwie das Gesicht zu wahren. Er muss auch die große Anzahl an bereits produzierten Boeing 737 Max-Fliegern an die Kunden ausliefern. Zudem muss er überhaupt wieder den Nachweis erbringen, ein zurechnungsfähiger und verlässlicher Produzent zu sein. Jüngste Panne, die allerdings auch dem zuletzt kongenial schlampigen Verein FAA (Federal Aviation Administration) zu schaffen machte: Boeing hat die interne Verkabelung in seinen Flugzeugen besagter Bauart so gewählt, dass Kurzschlüsse aus dieser Anbringung nicht völlig ausgeschlossen sind. Im ersten Begutachtungsprozess war dieser Umstand nicht weiter aufgefallen. Nachdem die FAA schon einmal als williger Handlanger von Boeing großen Kredit verspielt hat, wird sie in diesem Fall lieber 5mal hingucken, bevor sie noch einmal bei der Ausübung ihrer ureigensten Aufgaben scheitert. Das kann aber dauern. Kein Boeing-Kunde hat Hoffnung, dass vor Mitte des Jahres 2020 mit der Auslieferung von abgenommenen Flugzeugen gerechnet werden kann. Auch die Anforderungen an die Ausbildung der Piloten für den neuen Flugzeugtyp sind angehoben worden. Was ebenso die Indienstnahme des Flugzeugs verlängert.

Ein weiterer Qualitätsmangel in den bislang produzierten Flugzeugen kann Müll sein, der in einigen in den Flügeln plazierten Tanks gefunden wurde. Dies berichtete die Seattle Times. Fast 800 Maschinen auf diesen möglichen Missstand zu kontrollieren, dürfte weitere Zeit in Anspruch nehmen.

Erst letztens waren interne Meldungen aus den Boeing-Abteilungen öffentlich geworden, in denen Boeing-Mitarbeiter den Entwurf des neuen Flugzeugs mit wenig schmeichelhaften Worten umschrieben: “This airplane is designed by clowns who in turn are supervised by monkeys.” [Dieses Flugzeug ist von Clowns entworfen worden, die im Gegenzug von Affen beaufsichtigt wurden.]

Quellen: https://www.theguardian.com/business/2020/jan/09/boeing-737-max-internal-messages, https://www.seattletimes.com/business/boeing-aerospace/faa-faces-dilemma-over-737-max-wiring-flaw-that-boeing-missed/, https://www.seattletimes.com/business/boeing-aerospace/boeing-finds-debris-in-wing-fuel-tanks-of-parked-737-maxs-orders-all-to-be-inspected/

Zeitung elektronisch – wie gut klappt das? Zwischenbilanz

Seit bald zwei Monaten beziehen wir die Süddeutsche als elektronisches Medium. Der Hauptgrund für die andere Form des Abonnements waren für mich der um ein Drittel geringere Preis und die Möglichkeit, ohne lange Mitteilung an die Abo-Verwaltung die Zeitung auch andernorts leicht lesen zu können. (Die Zeiten, in denen man zumindest in Kleinstädten im Urlaub auch schon mal eine Süddeutsche oder FAZ bekam, sind lange vorbei.) Die Pros and Cons eines solchen Abos sind schnell aufgezählt.

Positiv
• Auch in elektronischer Form ist das Layout der Zeitung durchaus ansprechend: Bilder werden oft farbig dargestellt, es wirkt nicht schablonenhaft aus der Datenbank gefüttert. Offenbar guckt auch ein Layouter am Ende noch mal drüber.
• Es gibt sogar Raum für die Einbindung von anderen medialen Formen wie heute einer multimedialen Darstellung zum Thema Globale Erwärmung / CO2.
• Die Zeitung kann schon abends für den Folgetag heruntergeladen werden.
• Sobald die Zeitung aus dem Kiosk runtergeladen wurde, steht sie auch offline z.B. auf dem Tablett zur Verfügung, kann dann in Bus oder U-Bahn gelesen werden.

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Designfehler wie für ein Lehrbuch: Boeing 737 MAX

Flugreisen sind in den letzten Jahren so günstig geworden, dass daraus ein weiteres ernsthaftes ökologisches Problem entstanden ist. Dass dies passieren konnte, hat auch mit deutlich sparsameren Triebwerken zu tun. Diese erzielen einen stark höheren Wirkungsgrad, indem der Schub im immer kleineren Anteil vom verbrannten Kerosin erzeugt wird, sondern dieser durch das Aufheizen der Luft in einem zweiten System erzeugt wird (siehe unten – hell gefärbt). Dieser durch den sogenannten Nebenstrom erzeugte Schub übertrifft bis zum 10fachen den primären. Eine geniale Idee – der konstruktive Nachteil dieser modernen Triebwerke: Sie fallen – was Größe und Gewicht angeht – deutlich massiver aus.

 

 

 

 

 

Bild 1

Wettbewerbsdruck und falsche Entscheidungen

Das ist der Ausgangspunkt zum Verständnis der gravierenden Designfehler, die bei der Konstruktion der Boeing 737 MAX gemacht wurden: Der Platzhirsch Boeing versuchte, als Airbus im Mittelstreckenbereich mit seinem Flugzeug A320 Neo einen Trumpf gelandet hatte, schnell mit einem konkurrenzfähigen Produkt nachzuziehen. Die Boeing 737, über 10.000 Mal bereits gebaut, sollte ein zweites Mal modernisiert werden und zwar mit Hilfe des neuen sparsameren Triebwerks LEAP-1B eines amerikanisch-französischen Gemeinschaftsunternehmens. Zwei Pferdefüsse waren mit dieser Wahl verbunden.

Konstruktive Kompromisse mit angeflanschter Fehlerkorrektur

Die Boeing 737 als Urmutter des neuen Flugzeuges besaß im Vergleich zum Airbus 320 Neo ein niedrigeres Fahrwerk. Deswegen konnte auch nur die kleinere Variante des LEAP-Triebwerkes mit einem geringeren Durchmesser verbaut werden. Zudem sollten die Änderungen des neuen Flugzeugtyps so moderat ausfallen, dass das Genehmigungsverfahren viel vom Vorgängertyp übernehmen konnte. Das neue LEAP-1B-Triebwerk war aber in jedem Fall so wuchtig und groß (ø 3,15 m), dass es nicht unter dem Flügel wie die alten Triebswerke angebracht werden konnte. (Die Gegenüberstellung unten zeigt deutlich die ansteigende Größe und die veränderte Aufhängung des Triebwerks am Flügel: ein folgenreicher Eingriff in die gesamte Statik des Flugzeugs.)

Drei Triebwerke verschiedener 737 Ausführungen im Vergleich

Bild 2

 

 

 

 

Damit war ein schwerwiegender Nachteil in Kauf genommen worden, der nachträglich nur unzureichend durch ein eher angeflanschtes Hilfesystem ausgeglichen werden sollte: Ein gravierendes Problem in der Luftfahrt ist es, einen Strömungsabriss in allen Flugsituationen zu verhindern. Ein solcher tritt ein, wenn ein Flugzeug zu rasch seinen Anstiegswinkel verändert: Die Auftriebskräfte am Flügel fallen dann weg und ein Flugzeug wird nur noch schwer steuerbar und kann leicht abstürzen. Dies ist bei zwei Abstürzen der Boeing 737 MAX vermutlich mit genau dieser Fehlerursache in den letzten 12 Monaten passiert.

Um die durch die veränderte Statik konstruktionsbedingte vermehrte Neigung der Boeing 737 MAX zu einem solchen Strömungsabriss zu vermindern, wurde ein eigenes automatisches Verfahren implementiert, das MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System). Dieses System ist dazu gedacht, zu steile Anstellwinkel des Flugzeugs dadurch zu unterbinden, dass diese potentiell gefährlichen Flugbewegungen durch entsprechende automatisch eingeleitete – ohne Zutun des Piloten – Steuerbewegungen der Schwanzflügel verhindert werden. Das Flugzeug senkt daraufhin die Nase ab. Dabei gab es jedoch verschiedene Probleme:

  • Diese automatisch eingeleitete Steuerung griff nur auf die Werte eines einzigen Sensors zurück. Der Rückgriff auf die Werte eines zweiten redundanten Sensors – der Sensorfehler hätte ausschließen können – war nur gegen einen kostenpflichtigen Aufpreis erhältlich.
  • Das Ausmaß des Gegensteuerns wurde um das Vierfache gesteigert im Vergleich zu dem, was ursprüngliche Sicherheitsdokumente bei Boeing aussagten (2,5° zu 0,6°). Damit erklären sich auch die einer Jojo-Bewegung gleichenden Flugbewegungen des Flugs der Lion Air vom 29.10.2018, der mit dem Absturz und dem Tod aller 189 Menschen an Bord endete. Die Piloten hatten den Kampf gegen das automatische Absenken der Nase des Flugzeugs nach 26 Eingriffen der Automatik verloren.
  • Überdies wurden die möglichen Eingriffe des MCAS-Systems auf Veranlassung der FAA erst nach dem 1. Absturz den Piloten gegenüber deutlicher kommuniziert.

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