Evangelische Kirche auf Abwegen?

Kirchen sind in der Moderne gefordert, neue Wege zu beschreiten, christlichen Glauben zu leben und zu bekennen. Soweit d’accord. Wenn – nennen wir es mal so – das Markenprofil dabei über die Wupper geht, geht es in die falsche Richtung. Mein Eindruck ist, dass die evangelische Kirche da an einigen Orten falschen Wegmarken folgt.

Hier in Köln gibt es zwei Beispiele:
• In Köln-Longerich wird die Immanuelkirche in der Paul-Humbug-Straße niedergelegt und durch eine Cafédrale ersetzt. Die Pläne (auch im Netz zu finden) sehen eine Kombination aus Gemeindezentrum, Wohngebäude, Co Working Space und Kita vor.
• In Köln-Michaelshoven gibt es dann die Wohnzimmerkirche. Das ist nett für einen Seniorennachmittag. Aber ob in einem solchen Gewusel Gottesbegegnung stattfinden kann, wage ich zu bezweifeln. Das war für mich als Christ katholischer Provenienz bisher ein positives Merkmal, dass evangelische Kirchen eher nüchtern daher kamen und einen Fokus auf Altar und Kanzel setzten.

Wie soll ich in all dem Plüsch Abstand von meinem Alltagsleben gewinnen und mein Leben reflektieren und vor Gott tragen?

• Das krasseste Beispiel kommt aus Berlin. Dort hat die Pfarrerin Lena Müller eine polyamoröse Gemeinschaft von vier Männern gesegnet. Das Ganze fand im Rahmen eines Pop-up-Hochzeitsfestivals (hmmm…) statt. Mit dem Umfeld Pop-up-Hochzeitsfestival sollte es nicht Wunder nehmen, dass diese Segnung in die Nähe einer Trauung gestellt und in der Öffentlichkeit genauso wahrgenommen wurde.

Es ist richtig, die Menschen dort aufzusuchen, wo sie sind. In diesem Sinne war das Wort vom Stallgeruch, den Kirchen nach Ansicht des verstorbenen Papstes Franzikus annehmen sollten, ein hilfreicher Begriff. (Der wollte auch Gottesdienste in umgebauten Garagen ermöglichen.) Auch der Ansatz Citypastoral in seinen verschiedenen Formen ist fruchtbar.

Bei der Suche nach geeigneten Räumen für lebendige Gemeinden muss man auch mal die Möglichkeit für kleinere Missverständnisse in Kauf nehmen. Generell können kirchliche Räume z.B. durch eine entfernbare Bestuhlung für mehr Zwecke verwendet werden (z.B. Weihnachtsmarkt, Lesungen, Ausstellungen… ). Das tut dann aber einem (wieder) umgerüsteten Raum für die Gottesdienstgemeinde keinen Abbruch.

Überspannen Gemeinden den Bogen, verschwindet Christentum im Nebulösen, wenig Identifizierbaren. Sie geben dann ohne Not Begegnung mit der Wort Gottes und Liturgie auf. Für Jugendliche und junge Erwachsene auf der Suche nach Gott wird so ein Angebot kaum attraktiv sein. Sie werden sich dann eher muslimischen Gemeinden oder tendenziell fundamentalistischen christlichen Gruppen zuwenden. Das wäre in meinen Augen sehr zu bedauern. Und natürlich brauchen Gemeinden auch Platz für Begegnung untereinander, gerade wenn die Begegnung mit anderen Christinnen und Christen im Alltag weniger häufig ausfällt.

Kirche bei den Menschen – ja bitte, Kirche, die sich fortwährend anbiedert, nein Danke.

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