Dancer – Dokufiction über Rudolf Nurejew

Wer den Film Billy Elliot gesehen hat, erinnert vielleicht die Schlussszene, die mich auch heute noch rührt: Billys Vater und Bruder Tony sitzen im Opernhaus, Billy hat noch vor seinem Auftritt die Nachricht erhalten, dass Vater und Bruder zuschauen. Und dann setzt Billy, seinen eigenen Auftritt beginnend, zum Sprung an. Dank Slow Motion dauert dieser eine ganze Weile, bevor er zum Schlussbild einfriert. Das ist nicht nur großes Kino, sondern machte mir zumindest deutlich, weshalb Balett auch heute noch große Begeisterung auslöst. Für mich war es die Kombination aus athletischer Kraft, großer Form, die nur mit fast endlosem Üben zu Stande kommt, und begeisternder Musik.

Zwei Generationen vor dem Film-Billy hat Rudolf Nurejew die Balletwelt betört. Diese Leitfigur des neuzeitlichen Baletts war tatarisch-russischer Herkunft und ist der Mittelpunkt des Romans Dancer von Collum McCann. Der irisch-amerikanische Schriftsteller hat sich mit diesem 2003 veröffentlichten Roman in die erste Reihe englisch-sprachiger Romanautoren der letzten Jahrzehnte geschrieben. Faszinierend ist die Vermischung von biographischem Material von und über Nurejew, das McCann mit eigenen Figuren und Begebenheiten um diesen Ausnahmetänzer herum anreichert. Gerade durch die Vielstimmigkeit des Romans, immer wieder andere Ich-Erzähler bringen ihre subjektive Perspektive ein, entsteht ein faszinierendes Portrait. In wieweit damit die reale Figur Nurejew abgebildet wurde, steht dahin, ist aber nur von minderer Bedeutung.

Der drastische Beginn des Romans – Szenen aus dem mit Erbitterung geführten Winterkrieg zwischen Russen und Deutschen in der Nähe von Smolensk und Charkow – kontrastiert kühl mit einer langen und detaillierten Liste von Gegenständen, die bei einem Auftritt von Nurejew 1961 in Paris auf die Bühne geworfen wurden. Diese enthält der Vorspann des Romans. Dann wendet sich der Blick auf den jungen Nuriya, der in einem Lazarett die verwundeten Soldaten mit Tänzen unterhält. Zu den Kindheitserinnerungen von Nuriya zählt kurz darauf, dass der bislang unbekannte Vater aus dem Krieg zurückkehrt – für Nuriya gleichzeitig anziehend und bedrohlich in der männer-entwöhnten Familie.

Rudik, wie der junge Nurejew auch genannt wird, kann seine ersten Tanzstunden bei Anna, einer ehemaligen Petersburger Ballettänzerin, nur heimlich erhalten. Zu groß ist die Kluft zwischen der Vertreterin der alten Bildungsschicht und der Familie des Jungen, in der die Gesetze des eher rohen, kommunistischen Vaters fraglos gelten. Anna sorgt auch dafür, dass Rudik als Provinzkind in Leningrad ein Trittbrett für seine zukünftige Entwicklung als Tänzer erhält: Sie sorgt für seine Unterkunft bei ihrer eigenen Tochter Yulia und deren Mann.  Das uneigennützige Verhalten von ihr wird aber wenig belohnt: Schon bei seiner Ankunft macht Rudik deutlich, dass ihm Absprachen und Regeln nur wenig bedeuten. Er lässt seine zukünftige Gastgeberin Yulia vier Stunden warten und zieht es vor, auf eigene Faust Leningrad zu erkunden. Damit ist ein wichtiges Thema des Romans benannt: In wieweit haben Künstler ein Recht, sich außerhalb von sozialen Regeln zu stellen, um ihre besonderen Leistungen zu vollbringen, oder muss man sie – strenggenommen – als a-sozial bezeichnen?

Rudik absorbiert jedenfalls in Leningrad hemmungslos, was ihm an Anregungen im Intellektuellenhaushalt von Yulia und ihrem Mann in der ersten Phase post-stalinistischen Tauwetters zuteil wird. Seine Chuzpe und seine körperliche Präsenz sorgen dafür, dass er nicht umgehend vor die Tür gesetzt wird.  In dem Maße, in dem er Bewunderer und Lover in allen Altersstufen und bei beiden Geschlechtern findet, wird ihm die enfant terrible-Rolle verziehen. Nach entsprechenden Probeauftritten erhält er jedenfalls einen der raren Akademieplätze. Seiner Ausbildung als Ballettänzer steht nun nichts mehr im Weg.

Ob es die Suche nach Anerkennung ist oder die Beschränkungen der Sowjetunion, bleibt offen: Nurejew nutzt jedenfalls 1961 ein Gastspiel in Paris, um seine Heimat zu verlassen und Erfolg in der großen weiten Welt zu suchen. Paris, New York und andere Weltstädte liegen ihm zu Füßen. Die Ausreise in den Westen wird allerdings um den Preis des Kontaktverlustes mit der eigenen Familie erkauft. Besonders die Mutter wird von Rudik  schmerzlich vermisst – nur Telefonate sind gelegentlich mit ihr möglich.

Eine wichtige Station im Leben bleibt New York (im dritten Buch beschrieben). Hier taucht Nurejew – wie teilweise recht explizit beschrieben – in die sich entfaltende Schwulenszene ein. Ein Schicksal, das er mit vielen teilt, ist die Unbeständigkeit der dort gelebten Beziehungen.

Alles in allem ein spannendes Buch, das auch in Nebenfiguren wie Yulia und Kolja Bestand hat. Als Künstlerroman aus einem nicht alltäglichen Milieu hat mich das Buch jedenfalls überzeugt. Da gerade angelaufen, sei noch auf den Film Nurejew – The White Crow hingewiesen.

 

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