Wider eine selbstgenügsame Kirche

für S.K.

Das Fest Pfingsten – an dem Kirche nach allgemeinem Verständnis ihren Ausgangspunkt genommen hat – liegt gerade hinter uns. Dazu als Nachklapp ein paar Zeilen, wie eine veränderte Kirche das gegenwärtige Siechtum vielleicht überwinden kann.

Wie’s jedenfalls nicht gehen kann, hat Erzbischof Woelki vor kurzem in seinem Fastenhirtenbrief deutlich gemacht (dazu unten). Alleine die Vorstellung, dass ein Hirte die Richtlinienkompetenz hat, der das Kirchenvolk nur noch treu folgt, ist ein Anachronismus. (Amts-)Kirche, die sich mit dem Missbrauchsskandal für Jahrzehnte disqualifiziert hat, sollte das tun, was ihre Sache ist: Frohe Botschaft verkündigen (übrigens: Frohe, nicht Sauertöpfische Botschaft, Herr Erzbischof). Außerdem sollte sie im Dialog mit den Gläubigen und legitimiert durch einen umfassenden Beratungs- und Diskussionsprozess neue Formen von kirchlichem Leben entwickeln. Diese müssten dem Umstand Rechnung tragen, dass Priester keineswegs mehr alleine die Kristallalisationspunkte der Gemeinden sein müssen und brauchen, sondern dass Frauen und Männer in vielfältigen Formen kirchliches Leben mitgestalten: in Wortgottesdiensten, kooperativen Formen der Gemeindeleitung, Krankenhausseelsorge, Begräbnis- und Besuchsdiensten und vielem mehr.

Wenn es wahr ist – wie ein früherer Schulleiter von mir zu sagen pflegte „Nix is esu schlääch, dat et nit für irjendjet joot wör“ – könnte der Missbrauchsskandal Kirche auch positive Nebeneffekte haben und eine neue Demut lehren: Da sich selbst Mitarbeiter der Kirchen in allen Stufen der Hierarchie nicht zu entschuldigende Verstöße gegen die selbst gepredigte Sexualmoral erlaubt haben, könnte das die Einsicht vermitteln, auch mit anderer Leute tatsächlichen und vermeintlichen Verfehlungen gnädiger umzugehen. Das könnte bedeuten, auf Schwule und Lesben zuzugehen und sie nicht als „krank“ auszugrenzen. In zwei Gemeinden in Köln, die ich gut kenne, sind sie aus verantwortlichen Positionen nicht weg zu denken. Auch der Umgang mit Frauen, die abgetrieben haben –– Männer wie ich, die davon auch betroffen waren, standen immer ein bisschen außen vor ––, würden vermutlich ebenfalls wertschätzen, wenn auf sie ein Schritt zugegangen würde.

Alles in allem: lieber eine „verbeulte“ Kirche (Papst Franziskus), die bei den Menschen ist, als eine Kirche der Happy Few im 5%-Ghetto, die sich – wie weiland die K-Gruppen der 70er/80er Jahre – auf die Fahnen schreiben könnte: Klarheit vor Einheit.

Woelkis Hirtenbrief

Ein Gottesdienst mit vielen Menschen fühlt sich in der Regel festlicher an – soweit d’accord. Wenn Woelki jedoch in seinem Hirtenbrief Gemeinden nahe legt, als Norm nur noch einen sonntäglichen Gottesdienst abzuhalten, hat das deutlich zwei Nachteile. Gemeinden, die es als ihr Markenzeichen ansehen, bestimmte Angebote weiter aufrecht zu erhalten, stehen womöglich unter einem Anpassungsdruck. Da hat z.B. ein „emeritierter“ Priester eine besondere, ihm naheliegende Gottesdienstform und soll diese nun dem herausgehobenen einzigen Sonntagsgottesdienst zu Liebe aufgeben. Gleichzeitig werden Gläubige, die aus beruflichen Gründen oder weil sie noch Interessen jenseits von Kirche verfolgen, in ein Korsett eines Einheitsgottesdienstes gezwungen. Kirche, die sich gegen individualierte Neigungen und Interessen stellt und insgeheim einem Kirchenbild der 50er Jahre anhängt, wird den Gang ins 5-%-Ghetto rasant beschleunigen.

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