Die fremde Braut – Necla Keleks Buch ist zu empfehlen

Eine für mich eine wiederkehrende Beobachtung als Lehrer einer Kölner Hauptschule: Wenn beide Eltern von Schülern mit türkischem Hintergrund zum Elternsprechtag kamen, waren in der Regel die Mütter noch sehr viel weniger als die Väter in der Lage, den Gesprächen zu folgen. Da halfen alle Bemühungen meinerseits wenig, mich einfach auszudrücken. Oft blieb nur die Möglichkeit, den Kollegen für muttersprachlichen Unterricht hinzuziehen.

Dass darin kein böser Wille verborgen lag, sondern sich darin auch eine Geschlechterpolitik innerhalb der muslimisch-türkischen Community ausdrückt, machte mir das Buch von Necla Kelek deutlich. Es heißt Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland.

Kelek nimmt ihre eigene Famliengeschichte zum Ausgangspunkt zu einer Untersuchung dafür, wie es zu einer starken Abschottung der meisten türkisch-stämmigen Frauen in der deutschen Öffentlichkeit kommt. Dazu muss etwas weiter ausgeholt werden: Die Frau gilt im Mainstream-Islam, wie Kelek darlegt, als diejenige, die mittels ihrer Sexualität die bürgerliche Ordnung und Familie bedroht. Um dem entgegen zu wirken, werden viele Mädchen oder Frauen möglichst jung – und häufig in arrangierten Ehen – mit türkischen Männern verheiratet. Die Rechnung geht so: Sind die jungen Männer einmal mit privilegierter Sexualität mit ihrer Partnerin ruhig gestellt, sind sie für ein gesittetes, dem Islam gemäßes Leben tauglicher. Dass die jungen Partnerinnen vorzugsweise aus der ländlichen Türkei importiert werden, macht die Abhängigkeit der jungen Frauen in Deutschland um so größer. Sie finden sich in einer fremden Umgebung vor, die sie mangels Sprachkenntnissen kaum erkunden können und sollen. Im System ist das aber durchaus gewollt: Auf die Familie zurückgeworfen, sollen sie gut kochen, möglichst viele Kinder austragen und ausschließlich auf eine familiäre Umgebung ausgerichtet sein.

Dieses System funktioniert in der Regel deswegen so gut, weil die importierten Frauen ihre Machtlosigkeit eine Generation später in der Rolle der Schwiegermutter wettmachen können. Jetzt sind sie es, die eine wichtige Rolle für die Auswahl der zukünftigen Schwiegertochter ausüben. Sie profitieren mehrfach: Zum einen übernehmen die jungen Frauen viele Arbeiten im Haushalt und in der Erziehung weiterer Kinder. Gleichzeitig profitieren die Mütter auch emotional: Sie werden nun in einer idealisierenden Form durch ihre Söhne verehrt. Als besonders verwerflich gilt, wer eine Mutter zum Weinen bringt. Die jungen Ehefrauen bleiben hingegen unmündig und auf ihre Rolle für Küche, Sex und Nachwuchs beschränkt. Die eigenen Frauen bleiben in solch einer Partnerschaft eine „fremde Brautˮ, wie Kelek mit ihrer Titelwahl herausstellt. Wo sollten in einem so gearteten familiären System auch Anregungen für Begegnung, eine reife Partnerschaft und wechselseitige Entwicklung herkommen? Die nach Deutschland importierten Bräute, die sich diesem Land gegenüber nur abgrenzen können, haben Glück, wenn sie sich in den Moscheegemeinden zumindest religiös stabilisieren können.

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