Camus’ Pest als Kommentar zu geänderter Zeitwahrnehmung unter Covid-19-Bedingungen

Zwei-Dreiviertel Jahre Covid-19 haben mit dem Zeitempfinden und der Art, wie die meisten Leute das eigene Leben angehen, Pläne und Hoffnungen hegen, etwas gemacht. Mir fiel zuletzt Camus’ Die Pest in die Hände. Darin beschreibt Camus en detail, wie sich der Zeithorizont der Menschen in seinem Roman unter den Bedingungen einer weitaus schlimmeren Krankheit anpasst. Mein Eindruck: Auch wenn nicht Eins zu Eins übertragbar, doch eine anregende Lektüre. In meinem rororo-Bändchen Albert Camus, Die Pest findet sich der Text auf den Seiten 82ff.

So brachte die Pest unseren Mitbürgern als erstes das Exil. Und der Erzähler ist überzeugt, dass er hier im Namen aller schreiben darf, was er selbst empfunden hat, da er es ja mit vielen unserer Mitbürger zugleich empfunden hat. Ja, diese Leere, die wir ständig in uns trugen, war wirklich das Gefühl des Exils, diese deutliche Empfindung, der unvernünftige Wunsch, uns in die Vergangenheit zurückzuwenden oder im Gegenteil den Gang der Zeit voranzutreiben, diese brennenden Pfeile der Erinnerung. Wenn wir uns manchmal der Phantasie hingaben und uns daran freuten, auf das Klingeln des Heimkehrenden oder einen vertrauten Schritt auf der Treppe zu warten, wenn wir in jenen Augenblicken bereitwillig vergaßen, dass die Züge still standen, wenn wir es dann so einrichteten, um die Zeit zu Hause zu bleiben, wenn normalerweise ein mit dem Abendschnellzug Reisender in unserem Viertel eintreffen mochte, so konnten diese Spiele nicht lange dauern. Es trat immer ein Moment ein, in dem uns eindeutig klar wurde, dass die Züge nicht kamen. Dann wussten wir, dass unsere Trennung andauern sollte und dass wir versuchen mussten, uns auf die Zeit einzustellen. Von da an fügten wir uns wieder in unser Gefangensein, waren wir auf unsere Vergangenheit angewiesen, und auch wenn einige von uns versucht waren, in der Zukunft zu leben, gaben sie es schnell auf, wenigstens sofern sie konnten, als sie die Verletzungen spürten, die die Phantasie letztlich denen zufügt, die sich ihr anvertrauen.

Vor allem legten alle unsere Mitbürger sehr schnell, sogar in der Öffentlichkeit, die Gewohnheit ab, die sie angenommen haben mochten, die Dauer ihrer Trennung zu schätzen. Warum? Als die größten Pessimisten sie zum Beispiel auf sechs Monate festgelegt hatten, als sie im voraus die ganze Bitterkeit dieser kommenden Monate durchgemacht, mit großer Mühe ihren Mut dieser Prüfung angepasst und ihre letzten Kräfte angespannt hatten, um ohne zu wanken auf der Höhe dieses über eine so lange Folge von Tagen ausgedehnten Leids zu bleiben, da brachte sie manchmal ein zufällig getroffener Freund, eine in einer Zeitung geäußerte Meinung, ein flüchtiger Argwohn oder eine plötzliche Einsicht auf die Idee, dass es schließlich keinen Grund gab, warum die Krankheit nicht länger als sechs Monate dauern sollte, vielleicht ein Jahr oder noch länger.

Dann brachen ihr Mut, ihr Wille und ihre Geduld so abrupt zusammen, dass es ihnen vorkam, als könnten sie nie wieder aus diesem Loch herauskommen. Folglich zwangen sie sich, nie an den Zeitpunkt ihrer Erlösung zu denken, sich nicht mehr der Zukunft zuzuwenden und die Augen sozusagen immer gesenkt zu halten. Aber natürlich wurden diese Vorsicht, diese Art, den Schmerz zu überlisten, in Deckung zu gehen, um dem Kampf auszuweichen, schlecht belohnt. Mit dem Vermeiden dieses Zusammenbruchs, den sie um keinen Preis haben wollten, beraubten sie sich nämlich jener, eigentlich recht häufigen Momente, in denen sie in den Bildern ihrer künftigen Wiedervereinigung die Pest vergessen konnten. Und so, auf halbem Wege zwischen diesen Abgründen und diesen Gipfeln gestrandet, schwebten sie mehr als dass sie lebten, richtungslosen Tagen und unfruchtbaren Erinnerungen ausgesetzt, umherirrende Schatten, die nur zu Kräften hätten kommen können, wenn sie bereit gewesen wären, im Boden ihres Schmerzes Wurzeln zu schlagen.

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