Katyn 2.0? Traditionslinien im sowjetisch-russischen Herrschaftsbereich

Eines der heftigsten Verbrechen im 2. Weltkrieg – wahrlich nicht arm an Verbrechen, gerade auf deutscher Seite – verbindet sich mit dem Namen Katyn. Dort und an den vier weiteren Orten Minsk, Kuropaty, Kalinin und Charkow wurden 1940 vom sowjetischen Geheimdienst NKWD insgesamt 15.587 Polen ermordet. Diese waren überwiegend Offiziere und nach der russischen Besetzung Ost-Polens ab dem 17. September 1939 in den sowjetischen Herrschaftsbereich gelangt. Der Grund? Damit beseitigten Stalin und seine Schergen die polnische Funktionselite, die ihm bei der Unterwerfung Polens unter sein Herrschaftssystem in einer Nachkriegsordnung hätten gefährlich werden können.

Dieses Verbrechen unter russischer Führung wurde im Osten bis 1990 strikt geleugnet. Auch die westlichen Verbündeten der Exilpolen, die von diesen Verbrechen Kenntnis erhalten hatten, sorgten dafür, dass die sowjetische Täterschaft unter dem Deckel blieb. Gorbatschow und seinem Nachfolger Jelzin ist es zu verdanken, dass die Einsatzbefehle für diese Massaker veröffentlicht wurden. Sie kamen damit anderen Veröffentlichungen zuvor, die sich nicht länger verhindern ließen. Von den Verantwortlichen für die Verbrechen ist übrigens niemand jemals zur Rechenschaft gezogen worden. Die Nachfahren der Opfer erhielten keinerlei moralische oder materielle Wiedergutmachung.

Was hat Katyn mit der aktuellen Bedrohung der Ukraine zu tun? Ein Bericht der Süddeutschen kann hier weiterhelfen: Florian Hassel berichtet dort in der gestrigen Ausgabe, dass mutige Lokalpolitiker, die sich gegen die Eroberung der Grenzgebiete in Luhansk und Donezk aussprachen,  2014 ihre Haltung mit dem Leben bezahlten. Ihre Namen lauten Wladimir Rybak und Walerij Sado. Damit aber nicht genug: In verschiedenen Hinterhofgefängnissen im Bereich der sogenannten Volksrepubliken verzeichnet die Charkiw-Menschenrechtsgruppe laut Hassel insgesamt bis zu 1100 Menschen, deren Verbleib ungeklärt ist und die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr am Leben sind.

Hier schließt sich der Kreis: Russland und die von ihm ermutigten lokalen Häscher und Milizenführer zeigen klare Kante: Wer in Russland selbst opponiert, mag – wenn sie oder er Glück hat – noch widerrechtlich im Gefängnis landen. Wer an der Peripherie auffällt und sich russischen Herrschaftsinteressen zuwider setzt, muss um sein Leben fürchten. Katyn ist da eine erprobte Schablone.

Ich kann daher nur zu gut verstehen, wenn sich alle Ukrainerinnen und Ukrainer einer möglichen russischen Eroberung der heutigen „Rest-Tschecheiˮ mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln widersetzen.

3 Gedanken zu „Katyn 2.0? Traditionslinien im sowjetisch-russischen Herrschaftsbereich“

  1. Ich kenne den Text und war auch entsetzt. Das sind Taten in der Tradition der russischen Geheimdienste. Großmächte und ihre Vasallen in den von ihnen abhängigen Ländern nehmen sich immer wieder das Recht heraus, über den Menschenrechten zu stehen, wenn es ihnen nützt. Dies gilt besonders für Länder ohne demokratische Traditionen wie Russland.
    Leider haben wir als Westen der SU und dann Russland in der Phase des Umbruchs unter Gorbatschow und Jelzin zu wenig Unterstützung und Zusammenarbeit gegeben, um Demokratie aufzubauen …

    P.S. Defensivwaffenlieferungen durch Deutschland helfen in dieser Lage m.E. nicht. Ohnehin sind die USA da bereits seit langem in der Ukraine aktiv.

  2. Peter, deinen letzten Satz „Ohnehin sind die USA da bereits seit langem in der Ukraine aktiv.ˮ finde ich etwas verräterisch. Er klingt für mich so, dass die USA die Defensivwaffen ja schon liefern, so dass sich Deutschland bequem zurücklehnen kann.

    Das ist genau die Selbstverzwergung der EU, die im Zweifelsfall den USA die militärischen Lasten aufbürdet. Sie würde Trump auch bei der nächsten US-Präsidentenwahl in die Hände spielen. Wenn Europa eine möglichst ausgleichende und friedensfördernde Rolle auf der Weltbühne spielen will, kommt es nicht um einen angemessenen Einsatz drum herum. Das bedeutet verstärkte Verteidigungsausgaben und eine unzweifelhafte Solidarität mit den Nationen um Russland herum, die wiederholt Opfer russischer Aggression wurden (Georgien, die baltischen Staaten, die Ukraine…).

    In einem Punkt gebe ich dir Recht: Obamas Herabstufung Russlands als Regionalmacht war vermutlich sehr kränkend für viele Russen. Möglicherweise hätte auch mehr passieren können, um Russland in den 90er Jahren in neue Strukturen einzubinden.

    Georg

  3. Hallo Georg,
    angesichts des Einmarsch Russlands fällt es mir schwer, angemessen zu antworten. Nur so viel: Es hätte nicht „vielleicht“, wie Du schreibst, sondern sicher mehr geschehen müssen, um aus der Sicht Putins das „Versailles“ der Sowjetunion Anfang der 90er mit dem „Dolchstoß“ durch Gorbatschow und Jelzin angemessen aufzufangen. Europa entwickelte damals keine eigenständige Haltung für seinen Kontinent. Die USA sahen dies als Sieg an – und wir Europäer widersprachen nicht.
    Es geht um eine imperiale Haltung und Strategie der USA nicht nur gegenüber Russland als einem großen euroasiatischem Land mit einer hohen geostrategischen Bedeutung. Zbigniew Brzezinski, der ehemalige Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, legte 1997 die Einschätzung der USA in seinem Buch „Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ unverblümt offen: Der Tagesspiegel aus Berlin erinnert am 22.2.22. daran:
    https://www.tagesspiegel.de/politik/brzezinski-buch-von-1997-erklaert-putins-vorgehen-ohne-die-ukraine-ist-russland-keine-grossmacht/28075052.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE .
    Damals, unter Jelzin, war noch vieles möglich, die Weichen wurden aber falsch gestellt.
    2001 sprach Putin im Deutschen Bundestag, ohne Konsequenzen für eine europäische Sicherheitspolitik. Die Dialogangebote waren nicht substanziell, weil die Nato eine andere Strategie verfolgte.
    Elf Jahre später hatte sich die Lage entsprechend dieser US-Doktrin weiter entwickelt. Im Dezember 2008 veröffentlichte einer der ältesten Think Tanks zu Friedensfragen in den USA einen kritischen Aufsatz dazu (auf dt.: „Strategisch über Russland nachdenken“) .
    http://www.carnegieendowment.org/publications/index.cfm?fa=vie
    w&id=22567&prog=zru [6.1.2009]
    Auf deutsch zusammengefasst zu finden unter
    http://archiv.friedenskooperative.de/ff/ff09/1-68.htm.
    Im März 2014 schaffte Putin völkerrechtswidrig Fakten (Krim, dann Donbass etc.) https://de.wikipedia.org/wiki/Annexion_der_Krim_2014
    Erst seitdem verschob sich die Haltung der Ukrainer langsam gegen Russland. Eine informative Umfrage, die die Spaltung des Landes deutlich zeigt (bes. Ost/West), findest Du unter:
    https://ukraineverstehen.de/gesellschaft-emanzipation-von-russland-shapovalov/
    Das Verhalten Putins gegenüber der Ukraine ist bereits seit 2014 völkerwidrig (ich könnte auch Georgien etc. nennen). Minsk II wurde aber auch von der Ukraine nicht mit Leben erfüllt. Vielleicht waren aber bereits damals die geostrategischen Weichen im Kreml gestellt.
    Wir sollten jetzt alles tun, damit zumindest von unserer Seite die Lage nicht noch weiter eskaliert, und die ukrainische Bevölkerung humanitär unterstützen, solange das möglich ist, z.B. über Caritas International: https://www.caritas-international.de/hilfeweltweit/europa/ukraine/ukraine.aspx
    Und pax christi führt am kommenden Freitag 18h ein bundesweites Friedensgebet durch: https://www.paxchristi.de/termine/view/5827180416204800/%E2%80%9EDeeskalation%20ist%20das%20Gebot%20der%20Stunde%E2%80%9C

    Mit besorgten Grüßen
    Peter

    Eine trotz des Kriegsausbruchs immer noch aktuelle PM vom 23.2. 22 dazu: http://www.koop-frieden.de/erklaerung-der-sprecherinnen-der-kooperation-fuer-den-frieden

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